Foto: Anatoly Rasskazov,  Abaca Press/Profimedia

Foto: Anatoly Rasskazov, Abaca Press/Profimedia

Im Block 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl nahe der ukrainischen Stadt Prypjat explodierte am 26. April 1986 um 1:23 Uhr Ortszeit der Kernreaktor, so dass große Mengen an Radioaktivität in die Erdatmosphäre freigesetzt wurden. Erst mehr als 30 Stunden nach dem Unfall erfolgte der erste Aufruf zur Evakuierung der Anwohner aus der Umgebung.

Und erst am 28. April berichtete das sowjetische Staatsfernsehen kurz über den Unfall, nachdem bereits Messungen in Schweden erhöhte Radioaktivitätswerte festgestellt hatten.

Foto repro: Rudé právo,  29. 4. 1986

Foto repro: Rudé právo, 29. 4. 1986

Im tschechoslowakischen Fernsehen gab es einen Tag später eine erste Meldung darüber. Ebenfalls brachte die Regierungszeitung Rudé Právo eine kurze Notiz auf der vorletzten, siebten Seite zu dem Unfall. Die erste Seite wurde von Vorbereitungen auf die Feierlichkeiten am 1. Mai dominiert, die dann tatsächlich auch mit Menschenmassen in den Straßen veranstaltet wurden.

Adéla Gjuričová ist Direktorin des Instituts für Zeitgeschichte der Akademie der Wissenschaften. Sie erinnert an die Abhängigkeit der damaligen kommunistischen Regierung in Prag von der sowjetischen Führung:

„Das schrittweise Servieren der Informationen zeugte sicherlich von großer Besorgnis auf tschechoslowakischer Seite. Eigentlich wollte man vor allem nichts falsch machen.“

Foto repro: Rudé právo,  1. 5. 1986

Foto repro: Rudé právo, 1. 5. 1986

Die kommunistische Führung betrieb eine Politik des Verschweigens, um eine mögliche Panik zu vermeiden und das Ansehen der Sowjetunion nicht zu beschädigen.

„Sowohl in der Sowjetunion als auch in der Tschechoslowakei war die Hauptsorge der Regierungen, wie groß das Malheur würde und wie die Regierungen ihm standhalten können. Die Gesundheit der Menschen, die eigentlichen Risiken, wurden vollkommen auf ein Nebengleis geschoben.“

Im Archiv des Tschechoslowakischen Rundfunks findet sich die erste Erwähnung erst vom 30. April. Gleichzeitig wurde auch über die Messungen der Radioaktivität in der Tschechoslowakei berichtet, denen zufolge keine Gefahr für die Gesundheit der Bevölkerung bestanden habe.

Jan Petránek | Foto: Adam Kebrt,  Tschechischer Rundfunk

Jan Petránek|Foto: Adam Kebrt, Tschechischer Rundfunk

Doch die Menschen wussten schon lange von dem Unfall in Tschernobyl. Viele hörten verbotene westliche Radiosender, um an Informationen zu gelangen. So erinnerte sich der Journalist Jan Petránek gegenüber dem Tschechischen Rundfunk an einen Bericht der britischen BBC vom 26. April 1986:

„Plötzlich hörte ich, dass in Finnland hohe Radioaktivität gemessen wurde. Diese Meldung wurde von der BBC selbst mit einer Meldung unterbrochen, dass schwedische Atomexperten sagten, die aus der Ukraine kommende radioaktive Wolke sei ein Beweis dafür, dass es entweder zu einer nuklearen Explosion oder einem sehr schweren Unfall in einem Atomkraftwerk gekommen war.“

Die Bürger der Tschechoslowakei wussten, dass es nicht ausreichte, sich auf offizielle Medien zu verlassen. Da aber nicht jeder ausländische Sender hörte, bestand die Hauptinformationsquelle in der Mundpropaganda. Die Historikerin:

Adéla Gjuričová | Foto: Kateřina Cibulka,  Tschechischer Rundfunk

Adéla Gjuričová|Foto: Kateřina Cibulka, Tschechischer Rundfunk

„Tatsächlich griff jeder auf seine eigenen alternativen Informationsquellen zurück. Manche hörten beispielsweise Voice of America. Andere wiederum suchten nach Bekannten, die jemanden am Institut für Kernphysik kannten. Mediziner verteilten Jodtabletten untereinander und gaben sie einfach an Freunde für deren Kinder weiter.“

Die Menschen hierzulande waren daran gewöhnt, dass die Informationen aus verschiedenen Quellen voneinander abwichen und waren davon nicht überrascht.

„Es handelte sich um eine Mobilisierung all dieser alternativen Kontakte, Netzwerke und Informationsquellen. Die Menschen aktivierten sie ganz automatisch und haben mit ihrer Hilfe dann die Situation irgendwie bewältigt.“