Ein Wiener Team untersucht wirtschaftliche, technische und ökologische Auswirkungen von Bitcoin.
„Vor zehn Jahren wollte ich in einer Tabak-Trafik das erste Mal Bitcoin kaufen“, erinnert sich Horst Treiblmaier: „Die Verkäuferin hat mich angeschaut, als hätte ich nach Waffen und Drogen gefragt und mich regelrecht rausgeschmissen.“ Auch der nächste Versuch an einer Tankstelle verlief holprig. „Haben wir nicht“, bekam er von der Mitarbeiterin zu hören – bis sie im Computersystem Nachschau hielt und ihre Aussage revidieren musste.
Mittlerweile ortet Treiblmaier, Professor für Internationales Management an der Modul University Vienna, „eine gewisse Schizophrenie“: Zum einen in der etablierten Finanzszene selbst, in der die rigide Abwehrhaltung gegenüber einem alternativen Währungssystem wie Bitcoin & Co. deutlich zusammengeschmolzen ist und Banken mittlerweile selbst Kryptowährungen als Anlageprodukt anbieten. Zum anderen in der breiteren Öffentlichkeit, wo bei privaten Investoren mit der Aussicht auf Gewinne etwaige Kritikpunkte an etwaigen ökologischen Kollateralschäden durch den Einsatz von Hardware und Energie „plötzlich weniger interessant werden“ (Treiblmaier).
Der Blockchain-Experte, der sich seit über zehn Jahren mit Kryptowährungen befasst und sich selbst als „kryptofreundlich“ bezeichnet, zeigt aber Verständnis für die skeptischen Stimmen und will in einem seit Anfang 2025 laufenden, vierjährigen Forschungsprojekt – gefördert wird es vom Wissenschaftsfonds FWF – eine objektive Analyse als Diskussionsgrundlage erarbeiten. Zusammen mit zwei Doktoranden setzt er auf eine ganzheitliche Betrachtung. Untersucht werden neben dem wirtschaftlichen Aspekt auch technische und ökologische Faktoren der Nutzung von Bitcoin, der ältesten – 2009 als Open-Source-Software gestartet – und immer noch größten Kryptowährung.
Tatsächlich verwendet Bitcoin durch das „Proof of Work“-Verfahren erhebliche Mengen an Energie: Denn die Coins und Token, wie die digitalen Vermögenswerte in der Kryptowelt heißen, basieren auf Blockchain-Technologie. Dafür braucht es Energie. Wie viel, darüber gehen die Schätzungen auseinander. Laut Treiblmaier übersteigt die Menge den österreichischen Stromverbrauch pro Jahr deutlich. Kritiker prangern das als Verschwendung und umweltbelastend an. Befürworter kontern mit dem Argument, dass Bitcoin niemandem Strom wegnehme, sondern bisher ungenutzte Energie nutzbar mache und sogar zur Förderung erneuerbarer Energien beitrage, indem deren Ausbau vorangetrieben werde, um den Bedarf zu decken.
Dieser Widerspruch war für Treiblmaier Anstoß und Ausgangspunkt, sich wissenschaftlich dem Thema anzunehmen. Denn der wahre Verursacher des Energieverbrauchs sei nicht Bitcoin an sich. „Kurz gesagt ist es Geldgier, die da ins Spiel kommt und es liegt im Ermessen der Bitcoin-Miner, welche Energiequelle sie ersetzen.“
Ein weiteres Konfliktfeld betrifft die Sicherheit des Netzwerks. Wer Rechenleistung für das Erzeugen von Datenblöcken und neuer Bitcoin bereitstellt, sichert das Netzwerk gegen unautorisierte Änderungen ab – so lautet das Narrativ der Befürworter. Denn ein potenzieller Angreifer müsste für eine erfolgreiche Attacke mindestens 51 Prozent der vorhandenen Rechenleistung im Netzwerk über einen längeren Zeitraum kontrollieren, um einen Einfluss nehmen zu können. Diese Gefahr sei gering, so Treiblmaier. Und selbst mit einer „51-Prozent-Attacke“ könne man Bitcoin nicht so wie Geld bei einem Bankeinbruch stehlen.
Kritiker entgegnen, Kryptowährungen seien nur ein Instrument für Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung. Doch erst unlängst konnten Ermittler mithilfe von Bitcoin-Spuren im Darknet einen millionenschweren Betrugsfall aufdecken. Die große Herausforderung bestand darin, die öffentlich einsehbaren Transaktionsdaten so zu analysieren, dass man der Spur der Coins auch folgen konnte. Ist das Bitcoin-System also gut oder schlecht? Treiblmaier warnt jedenfalls vor falschen Erwartungen: „Es wird keine einfache Antwort geben, die man in einen Satz packen kann.“
Lexikon
„Mining“ heißt der Mechanismus zur Schaffung neuer Coins. Dazu ist leistungsstarke Computerhardware notwendig, die im Fall von Bitcoin global rund eine Trilliarde Berechnungen pro Sekunde durchführt.
Das FWF-Projekt „Der Energieverbrauch von Bitcoin“ leitet Horst Treiblmaier an der Modul University.
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