Der Iran-Krieg bringt mit seinen Auswirkungen auf den globalen Rohstoffhandel nicht nur die Weltwirtschaft zunehmend in Bedrängnis. Er hat auch im Ukraine-Krieg die Karten neu gemischt und diesen teilweise zu einem Rohstoffkrieg verändert. Da nämlich Russland durch die stark gestiegenen Preise für Erdöl, Erdgas und andere Rohstoffe als großer Profiteur gilt, versucht Kiew seit Wochen, die diesbezüglichen russischen Anlagen, insbesondere die Exportinfrastruktur, mit Drohnen zu treffen. In erster Linie geht es um den Ölsektor, sprich Raffinerien und Anlagen in den wichtigen Häfen Primorsk und Ust-Luga an der Ostsee. Es ist ein Wettrennen zweier Kriegsparteien – mit zuletzt neuen Wendungen.

Doch wie sehen die Zahlen in diesem Wettstreit aus? Wie die Nachrichtenagentur Reuters vor zweieinhalb Wochen kalkulierte, werde der russische Staat im April, wo der 73-prozentige Preissprung auf russisches Öl vom März steuerlich erstmals schlagend wird, diese Steuereinnahmen auf 700 Milliarden Rubel (9,3 Milliarden Dollar) verdoppeln können. Die Ölsteuereinnahmen machen etwa ein Viertel der gesamten Budgeteinnahmen aus und tragen somit auch wesentlich zum Kriegsbudget bei.

Die ukrainischen Erfolge wiederum bezifferte Präsident Wolodymyr Selenskyj dieser Tage selbst: Aufgrund der ukrainischen Angriffe würden sich Russlands Einnahmenverluste allein im März „schätzungsweise auf mindestens 2,3 Milliarden US-Dollar“ belaufen, sagte er in einer Videoansprache am 19. April. „Wir setzen diese Arbeit im April fort.“

Um allerdings Russlands Budget mit Attacken auf die Ölexportinfrastruktur wirklich zu schaden, braucht es einige Zeit. Der Grund: das Steuersystem, das im Unterschied zu früher nicht mehr das Exportvolumen als Bemessungsbasis hernimmt, sondern ausschließlich die Fördermenge im Land und den durchschnittlichen Monatspreis in den Exporthäfen. „Der russische Staat erhält seine Einnahmen, wenn das Öl gefördert wird, nicht wenn es das Land verlässt“, schrieb Alexander Kolyandr, Russland-Experte am Center for European Policy Analysis, neulich in einer Analyse.

Um vor diesem Hintergrund die finanzielle Situation seit Beginn des Iran-Krieges Ende Februar zu erfassen, hat Sergey Vakulenko, soeben eine Studie veröffentlicht. Vakulenko, langjähriger Ölmanager in Russland sowie im Westen und seit 2022 Senior Fellow am Carnegie Russia Eurasia Center in Berlin, gilt als einer der intimsten Kenner des russischen Ölgeschäfts. Das Fazit seiner Studie: „Obwohl die ukrainischen Angriffe zu einem spürbaren Rückgang der physischen Menge an russischen Ölexporten geführt haben, wurde dies durch den Preisanstieg mehr als ausgeglichen.“

Konkret sei im untersuchten Zeitraum zwischen 25. März und 11. April das tägliche Exportvolumen, das über russische Häfen verschifft wurde, von zuvor 5,2 Millionen Barrel (159 Liter) auf 3,5 Millionen Barrel gesunken, weshalb Russland in diesem Zeitraum rund 30 Mio. Barrel (4,2 Mio. Tonnen) an Auslandsverkäufen entgangen seien. Das meiste davon aber sei nicht verbrannt, sondern in den reichlich vorhandenen Lagern gelandet, sodass es zu einem späteren Zeitpunkt verkauft werde. Ob der Preis dafür später niedriger oder sogar noch höher sei, lasse sich jetzt nicht sagen. Jedenfalls „gibt es noch keinen Grund zu der Annahme, dass Russland bereits gezwungen war, die Produktion zu drosseln, oder kurz davorsteht.“ Solange aber der Exportrückgang zu keinem Förderrückgang führe, könne das Budget von Verwerfungen in den Häfen sogar profitieren, da diese die Preise weiter hochtreiben würden.

Auch auf die Ölkonzerne selbst hielten sich die Auswirkungen der Drohnenattacken bislang Grenzen, weil der Großteil der Verkäufe nicht in russischen Häfen, sondern viele Wochen später in chinesischen oder indischen Häfen stattfinde. Vakulenkos Schluss: Erst wenn die ukrainischen Angriffe „noch ein oder zwei Monate in gleichem Umfang wie Ende März andauern, könnte Russland gezwungen sein, die Ölförderung zu drosseln, und daran gehindert sein, die bisherigen Einbußen bei den Exportmengen rasch auszugleichen.“

Sehr wahrscheinlich, dass Russland diesem Negativszenario vorbeugen will. „Moskau ist schließlich daran interessiert, bei den derzeit hohen Preisen so viel Öl zu exportieren wie nur möglich“, sagt Vladislav Inozemcev, einst Kremlberater und später Co-Gründer Center for Analysis and Strategies in Europe, zur „Presse“.

Dass Russland just dieser Tage mitgeteilt hat, ab 1. Mai die Durchleitung von Öl aus Kasachstan durch seine Pipeline Druschba bis nach Deutschland einzustellen, hat nicht nur zu einem Schock geführt, weil die deutsche PCK-Raffinerie in Schwedt stark auf dieses Öl angewiesen ist und signifikante Treibstoffengpässe in Berlin und Brandenburg drohen. Es hat auch zu Erklärungsversuchen geführt, nachdem Russland lediglich von „technischen Gründen“ gesprochen hatte. Ex-Ölmanager Vakulenko sieht darin „den Versuch, Deutschland zur Wiederaufnahme der russischen Ölimporte zu zwingen“, wie er gegenüber der „Presse“ erklärt. Er hält aber noch einen anderen Grund für möglich: „Der russische Ölpipelinebetreiber Transneft könnte vorschlagen, den Ölstrom nun in die Häfen Primorsk und Ust-Luga umzuleiten, sodass das kasachische Öl dort auf Tanker verladen und über Danzig und Rostock nach Schwedt transportiert würde. Dahinter stünde die Idee, dass dies als Schutzschild gegen ukrainische Angriffe auf Primorsk und Ust-Luga dienen könnte.“

Diese Version schien am Dienstag schon wenige Stunden später ihre Bestätigung zu bekommen: Kasachstan werde Rohöl, das bisher über die Druschba-Pipeline nach Deutschland geliefert wurde, nun in russische Häfen umleiten, teilte das kasachische Energieministerium am Dienstagnachmittag mit.