Als die Regierung der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) den Austritt ihres Landes aus dem Ölkartell Opec verkündete, sprach sie von „Jahrzehnten der konstruktiven Zusammenarbeit“ im Dienst der Ölstaaten. Doch die entscheidenden Worte in der langen Erklärung lauteten: „unser nationales Interesse“.
Am selben Tag, an dem die VAE mit ihrer Entscheidung ihre Nachbarn in der Opec schockten, schwänzte der Oman ein Gipfeltreffen des Golf-Kooperationsrats zum Iran-Krieg. Dabei ist das Sultanat Oman der einzige arabische Staat, der direkt mit dem Iran über die Zukunft der für alle Golf-Länder wichtigen Meerenge von Hormus verhandelt. Es hätte also viel zu besprechen gegeben.
Schon vor dem Iran-Krieg waren die arabischen Staaten bei verschiedenen Themen zerstritten. Der Konflikt, der alle arabischen Golf-Anrainer hart traf, führt nicht zu mehr Einigkeit angesichts gemeinsamer Bedrohungen und Unwägbarkeiten, sondern zerschlägt die Bemühungen um mehr Zusammenarbeit. Am Golf kämpft jeder für sich allein.
Zum Teil geht es ums Geld. Die omanische Regierung sprach in den vergangenen Wochen mit dem Iran über eine gemeinsame Verwaltung der Straße von Hormus mit Einnahmen aus Mautgebühren für beide Staaten. Von anderen Golf-Staaten kam Kritik.
Die VAE wollen nach dem Austritt aus der Opec zum 1. Mai ihre Ölförderung von drei Millionen Barrel (je 159 Liter) pro Tag steigern, weil sie dann nicht mehr an die Quoten für die Mitglieder des Kartells gebunden sein werden. Bis Anfang 2027 dürfte ihre Ölproduktion laut Medienberichten auf fünf Millionen Barrel pro Tag anwachsen. Mit zusätzlichen Exporten könnten die Emirate mehr Geld verdienen, um es in die Reparatur zerstörter Infrastruktur zu stecken.
Unterschiedliche politische Interessen lassen die Golf-Staaten noch weiter auseinanderdriften. Die VAE sind schon jetzt die entschiedensten Gegner des Iran und der engste Partner Israels unter den arabischen Staaten. Nun rücken sie noch enger an die Seite Israels und von US-Präsident Donald Trump, der die Opec häufig kritisiert. Dazu passt, dass die Emirate mit Trumps Regierung über finanzielle Hilfen der USA verhandeln.
Die VAE wurden während des Kriegs zum Hauptziel der Iraner und mussten mehr als 2000 Geschosse abwehren, rund ein Drittel der Gesamtmenge an Raketen und Drohnen, mit denen Teheran auf die Golf-Staaten zielte. Hilfe der arabischen Nachbarn blieb aus, doch Israel schickte ein Flugabwehrsystem. Eine gemeinsame Position der Golf-Staaten zum Iran-Krieg gibt es bis heute nicht.
Aus Verärgerung darüber, dass Pakistan als Vermittler zwischen Teheran und Washington im Iran-Konflikt neutral blieb, forderten die VAE kürzlich von Islamabad die sofortige Rückzahlung von Krediten in Höhe von 3,5 Milliarden Dollar. Saudiarabien musste einspringen, um Pakistan finanziell aus der Klemme zu helfen. Alle Golf-Staaten hätten eine eigene Iran-Politik verfolgt, und alle seien „erbärmlich gescheitert“, sagte der emiratische Regierungsberater Anwar Gargasch am Tag vor dem Opec-Austritt seines Landes.
Differenzen zwischen den VAE und Saudiarabien könnten sich nun weiter verschärfen. Die beiden Länder, die vor wenigen Jahren noch Partner waren, sind Konkurrenten beim Versuch, internationale Investoren und Touristen anzulocken. Zudem stehen sie in den Konflikten im Jemen und im Sudan auf verschiedenen Seiten.
Potenzieller Nutznießer des Streits unter den Arabern ist der Iran. Noch vor wenigen Jahren war die Islamische Republik in der Region isoliert. Dann normalisierte Teheran nach Vermittlung durch China seine Beziehungen zur arabischen Führungsmacht Saudiarabien. Katar und Oman fungierten als Vermittler zwischen dem Iran und den USA. Jetzt könnten iranische Diplomaten versuchen, die internen Spannungen bei den arabischen Golf-Staaten für ihr Land auszunutzen.
Mit seinen Angriffen auf die Golf-Staaten in den vergangenen Wochen zerschlug der Iran zwar viel politisches Porzellan. Aber wichtige Länder brachen den Kontakt nicht ab. Erst vor wenigen Tagen zeigte sich bei Telefonaten des iranischen Außenministers Abbas Araghchi mit seinen Kollegen in der Region, dass nicht nur Regierungspolitiker in Oman zu Gesprächen bereit waren, sondern auch Minister in Saudiarabien und Katar.
Diese Verhandlungsbereitschaft dürfte den Graben zwischen den VAE und anderen Golf-Staaten weiter verbreitern. Zu Beginn des Krieges seien sich die Emirate und Saudiarabien noch im Widerstand gegen die Iraner einig gewesen, schrieb Stephen Cook von der US-Denkfabrik CFR in einer Analyse. Doch dann hätten sich die Saudis auf die Seite der Staaten geschlagen, die eine diplomatische Lösung mit dem Iran anstreben. Die Emirate dagegen wollen nach Einschätzung von Cook vor allem sicherstellen, dass der Iran nicht noch einmal angreifen kann. „Aus ihrer Sicht sind Saudis und andere bereit, sich mit weniger zufrieden zu geben.“