Hype-Zyklen, Gegentrends und eine Arbeitswelt, die ihre eigenen Regeln neu schreibt: Tristan Horx beschäftigt sich seit Jahren damit, Gegenwart zu deuten und Szenarien zu denken. Im Gespräch vor seinem Auftritt bei der Career & Competence in Innsbruck erklärt er, warum die Zukunft menschlicher wird – nicht trotz der Technologie, sondern wegen ihr.

Du bist Trend- und Zukunftsforscher. Was darf man sich darunter eigentlich vorstellen?

Tristan Horx: Der Großteil meiner Arbeit ist Trendforschung – also Gegenwartsanalyse. Der prognostische Teil, wo ich sage, wo führt das alles hin, ist ein kleinerer Bestandteil des Berufs. Aber natürlich der, der die meisten Leute interessiert. Das führt dann allerdings schnell zu Missverständnissen: Was viele mit dem Zukunftsforscher assoziieren, ist eigentlich ein Prophet. Das ist nicht unser Business. Ich bin hauptsächlich in der Wirtschaft unterwegs – Unternehmen wollen verschiedene Strategien für verschiedene Zukunftsszenarien und Wahrscheinlichkeiten entwickeln. Genau dabei helfe ich.

Und wie komplex ist das gerade in einer Zeit, die sich so rasant verändert?

Die Gegenwart ist momentan so überfordernd, dass schon ihre Analyse allein eine enorme Aufgabe ist. Was die Sache zusätzlich verkompliziert: Entwicklungen verlaufen nie linear. Es gibt immer Abzweigungen, Gegenläufe, Überraschungen. Wir befinden uns gerade mitten in einer massiven KI-Hype-Phase – die sich allerdings schon merklich abkühlt. Ein klassischer Hype-Cycle eben. Die Erwartung, diese Technologie werde alles auf einmal lösen, war schlicht überzogen.

Wo siehst du diese Gegenbewegungen besonders deutlich?

Ausgerechnet dort, wo man sie am wenigsten erwartet hätte: in der Digitalisierung sozialer Beziehungen. Das österreichische Social-Media-Verbot unter 14 Jahren hat mich ehrlich überrascht. Ich bin jung, tech-affin, und setze mich trotzdem für weniger Vernetzung in bestimmten Lebensbereichen ein – das klingt widersprüchlich, ist aber genau der Kern meiner Arbeit. Trends kippen. Sie entwickeln sich nicht einfach weiter, sie brechen auch.

Welche Entwicklungen werden die nächsten Jahre am stärksten prägen?

An erster Stelle würde ich das Abflachen der Globalisierung nennen – vielleicht sogar deren Trendwende. Das Regionale gewinnt an Bedeutung, globale Lieferketten geraten zunehmend unter Druck. Dann ein Thema, das viele nicht mehr hören wollen, das aber nicht verschwindet: Nachhaltigkeit. Für Europa hat das eine ganz konkrete wirtschaftliche Logik – wir verfügen über keine nennenswerten Ölreserven, weshalb wir bei Solar, Wind und Elektromobilität gerade regelrecht explodierende Wachstumszahlen erleben. Und schließlichdie Frage, wie sich unsere Arbeitskultur grundlegend wandelt.

Was macht dieses Thema gerade so brisant?

Es gibt eine tiefe Diskrepanz zwischen dem, was wir über produktives Arbeiten wissen, und dem, was in vielen Betrieben noch gelebte Realität ist. Wir wissen aus unzähligen Studien: Menschen, die am Bildschirm arbeiten, sind im Schnitt maximal viereinhalb Stunden täglich wirklich konzentriert produktiv. Trotzdem klammern sich viele Unternehmenskulturen an das Achtstunden-Modell des Industriezeitalters. Und gleichzeitig beobachten wir gerade, dass immer mehr Firmen ihre Belegschaft wieder ins Büro zurückrufen. Es ist eine spannungsreiche Zeit.

Wie gelingt es, Führungskräfte davon zu überzeugen, etwas zu ändern?

Ich argumentiere grundsätzlich wirtschaftlich – weil ich meist vor Menschen stehe, die Zahlen brauchen, keine Visionen. Das Argument ist simpel: Wer mit veralteten Strukturen auf eine veränderte Arbeitswelt trifft, verliert Produktivität. Wer hingegen dafür sorgt, dass MitarbeiterInnen Sinn empfinden und Freude an ihrer Tätigkeit haben, wird belohnt – mit weniger Krankenständen, mehr Engagement, besseren Ergebnissen. Das lässt sich empirisch belegen. Der wirtschaftliche und der menschliche Blick auf Arbeit führen letztlich zum selben Schluss.

Und welche Rolle spielt KI in dieser Gleichung – gerade für junge Menschen, die jetzt ins Berufsleben einsteigen?

Man kann Berufsfelder grob in drei Kategorien einteilen. Erstens: hochrepetitive Tätigkeiten, bei denen immer wieder dieselben Abläufe wiederholt werden – diese werden früher oder später ökonomisch von Algorithmen übernommen. Zweitens: sogenannte Human-Machine-Jobs, in denen Mensch und Technologie eng zusammenarbeiten. Drittens: Berufe mit hoher zwischenmenschlicher Komponente – Pflege, Beratung, Begleitung. Wer heute jung ist, muss sich relativ früh entscheiden, in welche Richtung er oder sie investiert: in tiefe technologische Kompetenz oder in die Qualitäten, die keine Software replizieren kann.

Was würdest du persönlich empfehlen?

Es gibt da eine schöne Paradoxie: Weil Maschinen immer bessere Maschinen werden, müssen Menschen immer humanere Menschen werden. Empathie, Urteilsvermögen, echte Verbindung – das sind keine weichen Faktoren mehr, sondern strategische Ressourcen. Gleichzeitig gilt: Wer versteht, wie KI funktioniert und eingesetzt wird, hat enormes Potenzial. Was ich in vielen Unternehmen aber beobachte, ist ein strukturelles Problem: Wer seine Prozesse mit KI effizienter gestaltet, spart sich im schlimmsten Fall selbst weg. Also erledigen viele ihre eigentliche Arbeit in einer Stunde – und spielen den Rest des Tages beschäftigt. Das ist weder für die Person noch für das Unternehmen eine Lösung. Das ist ein Führungsversagen.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Zur Person:

Tristan Horx ist Trend- und Zukunftsforscher, Autor und Hochschuldozent. Aufgewachsen in der wohl bekanntesten Zukunftsforscher-Familie Europas – sein Vater ist der renommierte Matthias Horx – entwickelte er früh einen eigenen, kritisch-optimistischen Blick auf gesellschaftliche Veränderungen. Er ist Mitgründer des „Think-Tanks The Future:Project“, Kolumnist der Kronen Zeitung und seit 2025 Mitglied im Nachhaltigkeitsbeirat der Commerzbank.