Der Senat der Uni Wien hat die bereits fixierte Vergabe des Goldenen Doktordiploms an den namhaften Mathematiker Rudolf Taschner verhindert, u. a. wegen dessen Äußerungen zu Gender Studies und Klimawandel.

Der Termin stand fest, der Laudator hatte seine Rede schon vorbereitet: Am 13. Mai sollte dem namhaften Mathematiker Rudolf Taschner gemeinsam mit zwei Kollegen – darunter der Finanzmathematiker Walter Schachermayer – das Goldene Doktordiplom der Uni Wien in einem kleinen Festakt an der Fakultät für Mathematik überreicht werden. Doch die Veranstaltung wurde recht kurzfristig, kaum drei Wochen vor dem Termin, abgesagt: Am Mittwoch, den 29. April, musste Radu Ioan Bot, Dekan der Fakultät, Taschner dies offiziell erklären.

Was ist das für eine Auszeichnung, die Taschner versagt wird? Wie etliche andere Universitäten, etwa die TU Wien oder die Uni Graz, vergibt die Uni Wien Goldene Doktordiplome an Absolventen 50 Jahre nach deren Promotion, wenn sich diese durch „besondere wissenschaftliche Verdienste“, „hervorragendes berufliches Wirken“ oder „enge Verbundenheit mit der Universität Wien“ dafür empfehlen. Diese Kriterien werden üblicherweise nicht sonderlich streng interpretiert, das Goldene Ehrendiplom ist an Bedeutung durchaus nicht mit dem Großen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich zu vergleichen, das Taschner bereits 2010 verliehen wurde.

Zumindest „hervorragendes berufliches Wirken“ kann Taschner, der 1981 an der TU Wien habilitiert wurde und dort vor allem über Funktionentheorie geforscht hat, aber auch sehr erfolgreiche Lehrbücher geschrieben hat, risikolos attestiert werden: Er ist unter Nichtmathematikern der wohl bekannteste österreichische Vertreter seiner Zunft.

Das kann man wörtlich nehmen: Taschner vertritt die Mathematik eloquent, er kann sie so verständlich wie spannend erklären – in zahlreichen populärwissenschaftlichen Büchern („Der Zahlen gigantische Schatten“, „Rechnen mit Gott und der Welt“, „Die Mathematik des Daseins“ u.v.a.) und gut besuchten Vorträgen. Von 2003 bis 2017 hielt er solche im von ihm und seiner Frau Bianca gegründeten „math.space“ im Museumsquartier, dieser war auch international gesehen ein einzigartiger Ort zur Vermittlung von Mathematik.

Nebenbei äußerst sich Taschner gern zu nichtmathematischen, vor allem gesellschaftspolitischen Fragen, etwa im Buch „Gerechtigkeit siegt – aber nur im Film“ und zehn Jahre lang auch in einer „Presse“-Kolumne, über die man gut debattieren, auch streiten konnte: Taschner liebt die pointierte Formulierung, vertritt auch unorthodoxe Meinungen. Diese Liebe ist nun offenbar schuld daran, dass der Senat der Uni Wien, derzeit geleitet vom Germanisten Stefan Krammer, beschlossen hat, ihm die vorgesehene Ehrung vorzuenthalten.

Auf Anfrage der „Presse“ schreibt Krammer, es seien im Fall von Taschner „Bedenken aufgrund seiner Äußerungen in Zusammenhang mit Evidenz, Autonomie und Freiheit der Wissenschaft“ vorgebracht worden. Diese unscharfe Formulierung erstaunt, zumal Taschner oft explizit die Autonomie und Freiheit der Wissenschaft betont hat. Doch in Klammer schreibt Krammer Genaueres: Es gehe um Äußerungen „insbesondere zum Klimawandel, zu Vergaberichtlinien des FWF, zu Gender und Postcolonial Studies“.

Tatsächlich sieht Taschner die derzeit an Unis stark präsenten Gender Studies und Postcolonial Studies kritisch (freilich nicht als einziger); den Klimawandel „leugnet“ er zwar nicht, hat ihn aber einmal als „Scheinproblem“ bezeichnet. Am ehesten entscheidend für das Cancelling Taschners dürfte seine Polemik gegen die Förderungsvergabe des Wissenschaftsfonds FWF gewesen sein: Vor ungefähr zehn Monaten nannte er speziell ein Projekt über Schlaf und Traum (an der Wiener Privatuniversität für Musik und Kunst) „sinnlos“, sprach sogar von „verbranntem Geld“.

Ob das reicht, einem um sein Fach verdienten Mann eine Routineehrung vorzuenthalten? Die Entscheidung des Uni-Senats dürfte auch eine Regierungspartei brüskieren: Taschner sitzt seit 2017 – mit Unterbrechungen – für die ÖVP im Nationalrat und ist dort deren Bereichssprecher für Wissenschaft.

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