Semyon Bychov, der designierte Chefdirigent der Pariser Oper, kommt mit seinem Prager Orchester ins Wiener Konzerthaus. Ein Gespräch über das Tschechische an Mahler und die Vorteile von Großbaustellen.
Dieser Tage kommt auf dem Label Pentatone eine Gesamtaufnahme der (vollendeten und nummerierten) Mahler-Symphonien in den Handel, mit der Tschechischen Philharmonie unter Semyon Bychkov. Es ist eine Art Abschiedsgeschenk, das die Musiker und der Dirigent sich selbst und ihrem Publikum machen. „Mahlers Zweite, die ,Auferstehungssymphonie‘ habe ich zum Einstand in Prag dirigiert, ich habe sie auch als Abschlusskonzert gewählt, wenn meine Prager Zeit in zwei Jahren zu Ende geht“, sagt Bychkov im „Presse“-Gespräch. Mahler mit einem tschechischen Orchester, das hat etwas mit der musikalischen Muttersprache zu tun. „Wir dürfen nicht vergessen, dass Mahler in diesem Land geboren wurde. Und dass die Musik, mit der er groß geworden ist, die Art, wie hier musiziert wird, auch den Musikern der Tschechischen Philharmonie im Blut liegt.“
Für Bychkov geht die berufliche Reise weiter nach Paris. 2028 wird er Chefdirigent der Pariser Oper. „Damit“, so sagt er amüsiert, „komme ich endlich in jenes Land zurück, in dem ich seit mehr als dreißig Jahren lebe. Seit 1998 meine Zeit als Chefdirigent des Orchestre de Paris zu Ende ging, war ich in vielen Ländern tätig.“ Bald wird aber Paris wirklich auch seine künstlerische Heimstätte werden: „Ich werde dann kaum noch Zeit für andere Aufgaben haben“, sagt er, und meint damit seine Opernengagements. Beide Häuser der Opéra National de France müssen renoviert werden, das Palais Garnier und die Opéra Bastille. Was Bychkov nicht nur als Hindernis begreift, sondern sogar als Chance: „Wir alle wissen, wie wichtig für Opernorchester die Erfahrung im symphonischen Bereich ist. Und wenn man die lange Geschichte der Pariser Oper betrachtet, dann hatten die Orchestermusiker in dreieinhalb Jahrhunderten kaum Gelegenheit, sich diesem Repertoire zu widmen..“
Da die Anzahl der Instrumentalisten – die Pariser Oper verfügt sozusagen über zwei voll funktionsfähige Klangkörper – in der Zeit des Umbaus nicht reduziert wird, kann die Anzahl der Konzerte massiv steigen. „Ich selbst werde mindestens sechs verschiedene Konzertprogramme pro Saison einstudieren“, sagt Bychkov, „und dazu zwei Opernproduktionen betreuen“. Und wenn er betreuen sagt, dann meint er damit im Unterschied zu den meisten seiner Kollegen: vom ersten Probentag an anwesend zu sein. „Wer erst für die Orchesterproben erscheint, zwei Wochen vor der Premiere, der hat alles Wesentliche schon verpasst. Wenn die Arbeit sechs Wochen dauert, dann bin ich genauso lange dabei.“
Schon um den Regisseuren auf die Finger zu schauen. Was Semyon Bychkov von einer Opern-Neuinszenierung erwartet, bei der er das Sagen hat, durften die Pariser jüngst erleben. Da dirigierte er Tschaikowskys „Eugen Onegin“ in einer Regie von Ralph Fiennes, den er sich ausdrücklich gewünscht hatte, weil er dessen Darstellung der Titelfigur in der prachtvollen Verfilmung von Puschkins Versroman durch Martha Fiennes bewundert hatte. Die Aufführung im Palais Garnier erstaunte das internationale Publikum, das mittlerweile anderes gewohnt ist, durch die Tatsache, dass die Kulissen aussahen wie Kulissen für „Eugen Onegin“ – und die Figuren agierten, wie Puschkin und Tschaikowsky sie „angelegt“ haben.
„Man wird mir jetzt gleich wieder sagen, ich sei konservativ“, kommentiert Bychkov, „wobei ich dann fragen muss: Was ist ein Konservativer? Doch wohl einer, der alles so erhalten will, wie es ist! Wenn wir an die Situation der Oper in unseren Tagen denken, dann darf ich sagen: Ich bin eben nicht konservativ. Wir sind doch alle Interpreten, die Musiker, die Schauspieler, aber auch die Regisseure. Und die wichtigste Aufgabe von Interpreten ist es, den Dichtern und Komponisten zu dienen und zu versuchen, deren Werke dem heutigen Publikum zugänglich zu machen.“
Und um Missverständnisse auszuräumen, da würde einem Perücken- und Stehtheater das Wort geredet: „Ich weiß sehr gut, dass es Stücke gibt, die in ihrer Zeit spielen müssen, um zu ,funktionieren‘, und Stücke, die geradezu nach Abstraktion schreien. Aber die Absichten ihrer Schöpfer müssen gewahrt bleiben.“ In diesem Sinn wird der Dirigent sich in seinem neuen Amt einzubringen versuchen.
Welche Werke er dirigieren möchte, sagt er noch nicht. Aber der Blick auf sein Prager Repertoire seit 2018 lehrt, wie weit Bychkovs Horizont ist. Manche CD-Produktion, voran die Symphonien und Konzerte Tschaikowskys, hat international Preise eingeheimst. Und das aktuelle Programm für den freitäglichen Auftritt im Wiener Konzerthaus bringt „Italienisches“ von Mendelssohn, das G-Dur-Konzert von Ravel mit Alice Sara Ott am Klavier sowie „Pulcinella“ von Igor Strawinsky. Und zwar die gesamte Ballettmusik mit Gesang, die man im Konzertsaal kaum je hören kann.
Lesen Sie mehr zu diesen Themen: