Valentina Höll, von allen „Vali“ genannt, lässt sich nicht vom Kurs abbringen. Mit WM-Titel und Gesamtweltcupsieg im Downhill lieferte die Mountainbikerin in der Vorsaison erneut auf höchstem Level ab, bei ihr schon fast Gewohnheit: Es war die vierte Goldmedaille in Folge und der vierte Disziplingengewinn für die 24-jährige Salzburgerin. Und das, obwohl ihr US-Rennstall YT Mob mitten in der Saison plötzlich Insolvenz anmelden musste. In die neue startet Höll ab Freitag in Südkorea für Commencal aus Andorra, aus der Notwendigkeit schöpft sie Motivation. „Das bringt viel Energie und frischen Wind.“

Denn Gewinnen, das ist für Höll zwar nicht Routine, aber auch nicht alles. „Die ersten Titel sind mega, aber wenn man älter wird, lernt man andere Dinge zu schätzen“, sagt sie. Inzwischen verspüre sie mehr Zufriedenheit, und die Gewissheit, nichts mehr beweisen zu müssen. Die Zeit zwischen den Rennen oder der Besuch von Familie und Freunden an der Strecke allen voran beim Heimspiel in Leogang (11. bis 14. Juni), das sind nun Momente, die sie voll aufsaugt. „Von diesen Emotionen bleibt viel mehr hängen.“

Valentina Höll jubelt bei der WM 2025 in der Schweiz über Gold – ihr vierter Triumph in Folge in der Elitekategorie.

Valentina Höll jubelt bei der WM 2025 in der Schweiz über Gold – ihr vierter Triumph in Folge in der Elitekategorie. APA Images

Bei vielen würde das Herz schon am Downhill-Start rasen: Mit bis zu 70 km/h geht es steil bergab (Männer und Frauen auf derselben Strecke) und über Geröll, Spalten oder feuchte Wurzeln, Vollvisierhelm, Oberkörperpanzer und Schoner sind Pflicht. Überwindung hat das Höll, die im Alter von zwölf Jahren über ihre Eltern zum Mountainbiken kam und schon als Juniorin zweimal WM-Gold einfuhr, laut eigener Aussage noch nie gekostet. „Niemand zwingt einen. Und idealerweise sollte man seinen Job ja gern machen.“

Während der drei bis vier Minuten Rennzeit ist volle Konzentration gefragt, und somit kein Platz für Gedanken an das mitfahrende Risiko. An dieser mentalen Herausforderung arbeitet Höll gezielt mit einer Sportpsychologin. Besonders wichtig sei es, mit unausweichlichen Stürzen umgehen zu lernen. Auch sie musste sich schon einmal nach Sprunggelenksbruch samt eingesetzter Schraube zurückkämpfen. Im Kopf sei das damals kein Problem gewesen, die Faszination für den Sport ungebrochen: „Du fährst allein gegen die Zeit und bist selbst verantwortlich, was passiert.“

Mit bis zu 70 km/h rast Valentina Höll über Geröll, Wurzeln oder springt wie hier über Kuppen.

Mit bis zu 70 km/h rast Valentina Höll über Geröll, Wurzeln oder springt wie hier über Kuppen. Commencal

Seriensiegerinnen sind in Österreichs Sport rar, dass Höll trotzdem nicht das Rampenlicht von Fußballern oder Skifahrerinnen genießt, stört sie prinzipiell nicht. „Ich bin kein Superstar, und würde auch keiner sein wollen“, sagt die 24-Jährige, die heuer international in der Kategorie Actionsport für den Laureus Award, quasi den Sport-Oscar, nominiert war. Sie selbst ist vielmehr immer wieder überrascht, wie viele Leute sie doch erkennen würden.

Die geringere mediale Sichtbarkeit wirkt sich finanziell aus, auch wenn sich das Aushängeschild für ihre Branche „sehr gut“ aufgestellt sieht. Die eigene Social-Media-Reichweite bedeute freilich auch Arbeit. „Mit meiner Managerin überlegen wir uns viele Ideen. Reines Rennen fahren, ist schon lange nicht mehr genug.“ Ein Gamechanger in Sachen Aufmerksamkeit und Förderungen wäre die Olympia-Aufnahme. Doch im Gegensatz zu Cross Country (der Rundkurs mit Massenstart feierte 1996 Premiere) wartet Downhill bislang noch vergeblich.

Den Reiz der größten Sportbühne der Welt hat Höll durch Lebenspartnerin Mathilde Gremaud – die Schweizer Freestyle-Skifahrerin gewann heuer Slopestyle-Gold – hautnah mitbekommen. „Ein krasses Erlebnis und es fühlt sich mega speziell an, vor Ort zu sein“, erzählt sie. Neben all den Emotionen und Feiern habe sie allerdings auch die andere Seite der Medaille kennengelernt. „Es ist sehr viel Druck, und das schon vier Jahre vorher.“ Insofern könne sie auch ohne diesen Trubel gut leben, genieße ihre Rolle „als Plus eins ohne den ganzen Stress.“

Ein Türöffner zu Olympia könnte für Höll der Disziplinenwechsel sein. In Enduro-Rennen, ein Mix aus Downhill und Cross Country, hat sie schon geschnuppert, „leider ist das noch kleiner als Downhill“. Der Wechsel zum boomenden Frauen-Straßenrennsport, wie ihn die Mountainbike-Kolleginnen Mona Mitterwallner (fährt das zweite Jahr doppelgleisig) und Laura Stigger (2025) aus dem Cross Country gewagt haben, ist indes wegen der großen Unterschiede kein Thema. Eine klare Absage erteilt Höll der grundsätzlichen Idee aber nicht. „Bis jetzt habe ich noch nichts in Aussicht. Mal schauen was kommt.“