Er gehört zu den einflussreichsten Künstlern der Gegenwart, seine Figuren sind weltberühmt: KAWS, bürgerlich Brian Donnelly, spannt den Bogen von der Graffitikultur der 90er-Jahre zu Kunst und Design. Ein Gespräch.
Im Jahr 2025 gestaltete KAWS die Kunstedition von WELT – ein Projekt, das exemplarisch zeigt, wie selbstverständlich er Kunst und Öffentlichkeit verbindet. Nun folgt der nächste Höhepunkt: eine Ausstellung in der Albertina Modern Wien, die sein Werk zeigt und in Dialog zu anderen Künstlern stellt. Bei dem virtuellen Treffen wurde nicht nur geredet, sondern auch geschwelgt: zum Beispiel als KAWS die Originalausgabe von „Esquire“ aus dem Jahr 1973, mit einem Beitrag von Norman Mailer über Graffiti, aus seiner schier unerschöpflichen Sammlung zog und in die Kamera hielt.
WELT: KAWS, Sie sitzen in einer perfekten Bibliothek. Sammeln Sie Bücher?
KAWS: Bevor ich mir Kunst leisten konnte, habe ich Bücher gesammelt. Jetzt, im neuen Studio, habe ich sie erstmals zusammengeführt: Monografien hinter mir, Referenzen seitlich, dazu Graffiti- und Subgenre-Material.
WELT: Ist das Ihre komplette Sammlung?
KAWS: Nein, es gibt noch Räume voller Kisten – im Studio, zu Hause und sogar im Landhaus in Connecticut.
WELT: Erinnern Sie sich an Ihr erstes Kunstbuch?
KAWS: Nicht genau. Aber ich erinnere mich, in den frühen 90ern ein Buch über den Maler A. R. Penck auf der Straße in So-Ho gekauft zu haben.
WELT: Diese Straßenstände gab es damals überall.
KAWS: Ja, besonders in der Prince Street – ganze Reihen voller Büchertische.
WELT: Ich habe den Ausstellungskatalog gesehen – beeindruckend. Sie und viele der größten Künstler des 20. Jahrhunderts.
KAWS: Die Kuratierung stammt vom Museum, nicht von mir. Aber ich bin gespannt, die Ausstellung selbst zu erleben.
WELT: Lassen Sie uns über Downtown New York sprechen. Waren Sie als Jugendlicher im Pop Shop von Keith Haring 1986?
KAWS: Ja, mehrmals. Ich hatte Patches – einen mit einer Figur mit Fledermausflügeln – und Buttons. Viel konnte ich mir nicht leisten. Ein Free South Africa-Poster habe ich von einem anderen Kind bekommen; es hing in meinem Kinderzimmer im Haus meiner Eltern. Ich glaube, ich habe fünf Dollar dafür bezahlt. Es war riesig, etwa zwei Meter groß. Es gibt sogar ein Foto von mir in meinem Zimmer mit dem Poster im Hintergrund.
WELT: Wie war die Stadt damals?
KAWS: Ich kam aus Jersey City. Mein Großvater arbeitete für den PATH-Zug und nahm mich manchmal mit in die Stadt, von Jersey City nach Manhattan. Seine Söhne, meine Onkel, gingen mit mir durch das Village und brachten mich zu einem Comicladen namens Forbidden Planet. Wir gingen von der PATH-Station an der 9th Street und 6th Avenue die 8th Street hoch und dann rechts auf den Broadway. Dort gab es Läden wie Canal Jeans oder Flip NYC, in denen ich nichts kaufte, sondern einfach nur schaute. Forbidden Planet war der einzige Ort, an dem ich mir vielleicht einen Comic leisten konnte. Ansonsten nahm ich mir Buttons vom Tresen – nicht gestohlen, die waren kostenlos – und habe einfach alles in mich aufgesogen.
WELT: Was war der Soundtrack dieser Expeditionen?
KAWS: Mein Einstieg war eher Anfang der 90er: De La Soul, A Tribe Called Quest. Früheres habe ich leider verpasst. Aber später natürlich alles nachgehört.
WELT: Wann haben Sie angefangen, Graffiti ernsthaft zu machen?
KAWS: In den 80ern war ich vor allem ein Kind, das skateboardete. Über das Skaten habe ich andere Graffitikünstler kennengelernt. 1991 oder 1992 habe ich angefangen, und ab 1993 habe ich praktisch ununterbrochen gearbeitet – auch auf Billboards und größeren Flächen.
WELT: Welche Künstler haben Sie geprägt?
KAWS: Vor allem Graffitikünstler: Lee Quiñones, Dondi, Zephyr, Futura. Für mich ist Graffiti eine buchstabenbasierte Kunstform. Keith Haring ist anders – zugänglicher, figurativer.
WELT: Also zwei verschiedene Welten?
KAWS: Ja. Er ist ganz anders. Keith hat die Energie aufgenommen und auf der Straße gearbeitet, aber nie Graffiti gemacht. Graffiti ist für mich eine Kunstform, die auf Buchstaben basiert. Keith ist eine andere Kategorie, aber das hat ihm erlaubt, als Künstler zu explodieren. Seine Arbeiten sind viel zugänglicher als die von Dondi. Bei Keith sieht man menschliche Formen, Babys, Dinge, mit denen sich jeder identifizieren kann.
Manchmal sind autodidaktische Künstler komplexer als institutionell akzeptierte
WELT: Wie kam der Übergang zu Ihrer eigenen Bildsprache?
KAWS: Durch das Arbeiten im öffentlichen Raum – Werbung, Telefonzellen, Bushaltestellen. Dadurch entfernte ich mich vom klassischen Graffiti.
WELT: War das der Beginn von Street-Art?
KAWS: Die Künstler, die ich kannte, waren tot und in Museen. Erst später habe ich verstanden, dass es zeitgenössische Künstler gibt, die ihre eigene Geschichte schaffen. Es hat lange gedauert, bis ich begriff, dass das ein Beruf sein kann. Nach der School of Visual Arts habe ich zunächst in der Animation gearbeitet, weil es ein regelmäßiges Einkommen gab. Nach und nach hat meine persönliche Arbeit die Auftragsarbeit ersetzt.
WELT: Viele Künstler verbinden kommerzielle und freie Arbeit.
KAWS: Ja, aber früher gab es mehr Widerstand dagegen. Heute sehe ich das offener: Ich möchte Dinge schaffen, die zugänglich sind – auch kleinere Objekte.
WELT: Wie bei Keith Haring – vom Club bis zum Kleid für Grace Jones.
KAWS: Genau. Diese Vielfalt ist inspirierend. Kunst kann in viele Bereiche hineinwirken – Musik, Design, Alltag – in jeden Bereich, und ich finde sie gewissermaßen alle gleichsam interessant und relevant.
WELT: Wie kommen Sie zu Projekten mit Marken wie Uniqlo, Comme des Garçons oder Nike?
KAWS: Sie entstehen organisch. Ich mache, was sich richtig anfühlt.
WELT: Ihre Arbeiten wirken oft melancholisch und existenziell, auf eine bittersüße Art.
KAWS: Ich finde es schwierig, Künstler einzuordnen. Und manchmal sind autodidaktische Künstler komplexer als institutionell akzeptierte. Mit Zeit und Verständnis erkennt man das als große Kunst.
WELT: Welche Einflüsse spielen für Sie außerhalb von Graffiti eine Rolle?
KAWS: Das ist auf fast dogmatische Art grenzenlos: afrikanische, ozeanische, japanische Kunst, Design, Architektur. Ich ziehe keine Grenzen.
WELT: Wie recherchieren Sie – Bücher oder Internet?
KAWS: Beides. Ich liebe physische Objekte, nutze aber auch digitale Quellen.
WELT: Ihre Skulpturen sind extrem präzise. Woher kommt dieser Anspruch?
KAWS: Aus meiner eigenen Sensibilität. Viele Skulpturen werden in den USA gefertigt, einige auch in der Nähe von Maastricht. Ich habe den Handwerker 2010 kennengelernt, 2013 entstand die erste zehn Meter hohe Skulptur, die heute am Flughafen Doha steht. Wenn ich Meister finde, arbeite ich lange mit ihnen zusammen – ebenso mit Spielzeugmachern oder Druckern. Auch an die Zeitungsdrucke und deren Qualität denke ich oft zurück.
WELT: Haben Sie sich früher vorstellen können, dass daraus ein so großes Werk entsteht – ein eigenes Imperium?
KAWS: Nein. Und „Imperium“ trifft es nicht – wir sind ein kleines Team.