Vor 40 Jahren sitzt Falco in einem Wiener Gasthaus, als ihn ein Anruf erreicht, der sein Leben für immer verändern sollte. Aber der Moment, der ihn unsterblich macht, ist auch der, an dem er schließlich zerbrechen wird.
Es ist ein milder Samstagabend, der 29. März 1986, als Hans Hölzel mit einigen Freunden und Geschäftspartnern in der Bäckerstraße 14 im ersten Wiener Bezirk einkehrt. Er ist gerne hier. In den 1980er-Jahren ist das Oswald & Kalb mehr als nur ein Gasthaus. Eher ein Resonanzraum der Wiener Kulturszene, eine verwinkelte und holzvertäfelte Lokalität in einem alten Renaissance-Bürgerhaus aus dem 14. Jahrhundert. An den Wänden hängen zeitgenössische Kunstwerke, und das Lokal hat sich bereits als Treffpunkt für Literaten, Maler, Bildhauer, Schriftsteller, Schauspieler und Musiker etabliert.
Hier fühlt sich Hölzel sichtlich wohl. Der 29-Jährige ist im Wiener Nachtleben kein Unbekannter. Es gibt in der Donau-Metropole wahrscheinlich kaum noch einen Gastronomen, der nicht mindestens eine Geschichte über ausschweifende Nächte mit dem „Hansi“ zu erzählen hätte. Während ihm in Wien vor allem sein Ruf vorauseilt, ist es im Rest des deutschsprachigen Raums längst auch sein Künstlername. Hölzel mag im Wiener Nachtleben noch immer der Hansi geblieben sein, doch im Rest des Landes ist er längst nur noch als Falco bekannt. Und auch über diese Grenzen hinaus, wie sich sehr bald zeigen wird.
Während Hölzel und seine Entourage an diesem Abend also Weißwein und österreichische Hausmannskost ordern, versucht sein Manager Horst Bork, ihn vergeblich zu erreichen. Schließlich findet er heraus, wo Hölzel ist, und ruft im Oswald & Kalb an. Dort bekommt er den österreichischen Musikproduzenten Markus Spiegel an den Apparat und bittet ihn, die Nachricht zu überbringen, die Hölzels Leben nicht nur verändern, sondern auch in ein Davor und ein Danach einteilen wird. Der Falco möge doch zurückrufen, wenn er dazu in der Lage sei.
Nach Mitternacht kommt dann der Anruf. Auffällig nüchtern sei Hölzel in diesem Moment gewesen, wie Bork in seinen Erinnerungen feststellt. Ob er die gute Nachricht denn schon gehört habe, will er von seinem Schützling wissen. „Horsti, ich kann es noch gar nicht fassen“, bestätigt Hölzel. „Jetzt geht es los, aber mir ist angst und bange.“ Hölzel wurde an diesem Abend mitgeteilt, dass Falco mit seinem Song „Rock Me Amadeus“ auf Platz 1 der US-amerikanischen Billboard-Charts eingestiegen ist.
Eigentlich wollte Falco seinen größten Hit nie singen
Ein unfassbarer Triumph: der erste deutschsprachige Song, dem das jemals gelingt. Und es blieb nicht bei einem kurzen Erfolg. „Rock Me Amadeus“ hielt sich an der Spitze. Drei Wochen gab es für „Kiss“ von Prince kein Vorbeikommen an Falco. Nicht nur für Falco selbst, sondern auch für die Amerikaner eine Sensation.
Hölzel selbst reflektierte in späteren Interviews diesen einen Moment, der sein Leben für immer verändern sollte, immer wieder. Er wäre gar nicht gut drauf gewesen, sagte er, denn ihm sei durchaus bewusst geworden, dass er diesen Erfolg nie wieder toppen könnte. Dass er einen Punkt erreicht hatte, von dem es nur noch bergab gehen konnte. Was Falco hingegen nie öffentlich sagte, war, dass es an ihm genagt haben muss, dass ausgerechnet „Rock Me Amadeus“ sein internationaler Überhit werden sollte. Er mochte den Song schlicht nicht, wollte ihn zuerst gar nicht einspielen.
Er nahm ihn bereits 1985 mit Rob & Ferdi Bolland auf, die als Produzentenduo Bolland & Bolland bekannt waren. Als sie Falco die ersten Demos von „Amadeus“ präsentierten, weigerte er sich standhaft, das einzusingen. „Ich singe den Amadeus-Schmarrn jetzt doch nicht, da traue ich mich in Wien doch nicht mehr auf die Straße, wenn das veröffentlicht wird. Merkst du eigentlich nicht, auf welchem Holzweg wir hier mit den Holländern sind?“, fragte Falco seinen Manager damals. „Rock Me Amadeus“ war in erster Linie von dem erfolgreichen Kinofilm „Amadeus“ (1984) von Milos Forman inspiriert. Lyrisch ist er ein Gedankenspiel, das sich mit der Frage beschäftigt, was eigentlich passiert wäre, wenn sich Wolfgang Amadeus Mozart in die Wiener Punk-Szene der Achtziger verirrt hätte.
Die Arbeit in der niederländischen Wallachei machte dem Künstler zu schaffen
Die Bollands schafften es schließlich aber, Falco von der Qualität des Songs zu überzeugen, und nach und nach gab er den „Käsrollern“, wie er die beiden Niederländer nicht immer ganz liebevoll nannte, nach. Es sollte sich auszahlen. Der Song wurde schon 1985 im deutschsprachigen Raum ausgekoppelt und ein großer Hit. Ein Jahr später schlug er dann in den USA ein. Und Falco wurde endgültig zum Superstar. Dabei lagen seine musikalischen Anfänge ironischerweise gar nicht im Pop, sondern in einem eigentümlichen Zwischenraum aus Jazz, Funk und Wiener Subkultur. In den 1970er-Jahren spielte Falco Bass, unter anderem bei der Formation „Drahdiwaberl“, einer anarchischen Kunstband, die weniger an klassischen Songs als an Provokation interessiert war.
Hier lernte er, mit Attitüde zu arbeiten. Sprache, Pose, Ironie. Parallel dazu entwickelte er seinen Sprechgesang, der später zu seinem Markenzeichen wurde. Falco kam nicht aus der klassischen Pop-Schule, sondern aus einem Milieu, das Kunst, Nachtleben und musikalische Grenzüberschreitung miteinander verschmolz.
Als Solokünstler versuchte er, das mit dem Zeitgeist des Mainstream-Pop zu verbinden. Mit seinem ersten Album „Einzelhaft“ (1982) brachte er mit „Der Kommissar“ den kühlen, urbanen Sprechgesang auf die musikalische Karte. Tatsächlich konnte sich schon seine erste Single in den USA durchsetzen, allerdings nicht annähernd so erfolgreich wie später „Rock Me Amadeus“. Sein zweites Album „Junge Roemer“ (1984) wirkte deutlich opulenter, stilistisch breiter, blieb aber kommerziell hinter den Erwartungen zurück, sodass sein Manager ihn zu der Zusammenarbeit mit den Bollands drängte, die damals als Hit-Garanten galten.
Falco brauchte unbedingt einen großen Erfolg. Und so entstand mitten in der holländischen Tiefebene, in einem Ort mit dem nicht ganz so urbanen Namen „Nederhorst den Berg“, das Album „Falco 3“ (1985). Es muss nicht weiter angemerkt werden, wie sehr die Studiosessions in der niederländischen Wallachei dem Künstler zu schaffen machten. Aber es funktionierte. Das Album war ein Riesenerfolg und machte Falco endgültig zum globalen Phänomen.
Neben „Rock Me Amadeus“ waren auch Songs wie „Jeanny“, „Männer des Westens“ und „Vienna Calling“ enorme Hits. Auf „Falco 3“ schaffte es Hölzel, seine Kunstfigur mit dem Pop-Appeal und dem Zeitgeist so präzise in eine internationale Anschlussfähigkeit zu übersetzen, dass aus dem Wiener Einzelgänger plötzlich ein Weltstar wurde. Es folgten nun große Promotion-Touren durch die USA, doch Falco fühlte sich nicht wohl. Nicht nur, weil die Amerikaner ihn ständig für einen Künstler aus „Australia“ hielten, weil viele nicht einmal wussten, dass „Austria“ überhaupt existiert. Er vermisste auch schlichtweg seine Heimat. Er vermisste sein Wien.
Auf den Triumph folgt keine Befreiung, sondern ein Druck, unter dem er zerbricht
Und so kam es, wie er es schon am Abend im Oswald & Kalb befürchtet hatte. Auf den Triumph folgt keine Befreiung, sondern ein Druck, der sich nicht mehr abschütteln lässt. Der amerikanische Markt verlangt nach Wiederholung, nach Anschlussfähigkeit, nach einem zweiten „Amadeus“. Aber Falco ist kein Künstler der Wiederholung. Die folgenden Alben enthalten zwar weiterhin starke Momente, doch der ganz große internationale Wurf bleibt aus.
Stattdessen wächst die Diskrepanz zwischen Figur und Mensch. Falco, der Dandy, der alles kontrolliert, steht plötzlich einem Hölzel gegenüber, der sich dieser Kontrolle immer öfter entzieht. Alkohol, Eskapismus, ein Leben im Dauer-Transit zwischen Wien, München und Los Angeles. Es ist weniger ein Absturz als ein langsames Erodieren.
Hölzel flüchtet sich in die Bürgerlichkeit, doch als er erfährt, dass seine geliebte Tochter nicht sein eigenes Kind ist, zerbricht er komplett. In den 1990er-Jahren wird daraus ein Dauerzustand. Falco bleibt präsent, veröffentlicht mit „Nachtflug“ (1992) noch einmal ein starkes, in sich geschlossenes Werk, doch die großen Erzählungen haben sich verschoben.
Der Pop hat sich verändert, die Ironie seiner frühen Jahre trifft nicht mehr auf dieselbe Resonanz. Gleichzeitig verfestigt sich sein Ruf als schwieriger, unberechenbarer Künstler, der zwischen Comeback-Versuchen und Selbstsabotage pendelt. Der endgültige Bruch kommt nicht als dramatischer Knall, sondern als tragische Konsequenz eines Lebens am Limit. Am 6. Februar 1998 stirbt Falco nach einem Autounfall in der Dominikanischen Republik. Am Ende steht kein Knall, sondern Stille. Und die leise Gewissheit, dass der größte Moment seines Lebens nie ein Anfang war, sondern bereits der Beginn vom Ende.
Dennis Sand schreibt über Popkultur und Zeitgeist. Seine Bücher mit Bushido, Jan Ullrich und dem YouTuber Montanablack hielten sich monatelang auf Spitzenpositionen in den Bestsellerlisten.