Sympathieträger war er keiner. Welcher erfolgreiche Künstler seiner Generation, Georg Baselitz wurde 88 Jahre alt, ist das, welcher war das schon? Frauen können nicht gut malen, war die Ansage, die ihm seit 2013 bei jeder Gelegenheit um die Ohren gehauen wurde, hiermit auch hier, in seinem Nachruf. Die wichtigste deutsche Kunstausstellung, die Documenta, nannte er „Paralympics“. Und die besten Bilder? Die malte natürlich er.

Aggression, Hass und Zerstörung nutzte Georg Baselitz als Antrieb, er wollte dadurch etwas in Bewegung bringen. In der Kunst. Aber auch beim Betrachter. Die Provokation war das Mittel der Revolte, um die erstarrte deutsche Gesellschaft aufzubrechen, um überhaupt in ihr atmen, leben zu können. „Ich bin in eine zerstörte Ordnung hineingeboren worden, in eine zerstörte Landschaft, ein zerstörtes Volk, in eine zerstörte Gesellschaft“, sagte er.

Die drei Fenster in dem alten Schulhaus im sächsischen Deutschbaselitz sind heute mit Farbe umrandet, markiert: Hier wuchs Hans-Georg Kern, Sohn eines Lehrerehepaars, auf. Im Osten. Maler wollte er werden, aber flog schnell aus der Akademie. 1958 floh er nach Westberlin, studierte weiter. Erstmals hörte er von Paul Klee, Kandinsky, Malewitsch, er reiste nach Paris, nach Italien. Ihn aber interessierte die Abstraktion, die „Kunst der Siegermächte“, die damals alles beherrschte nicht. Im Gegenteil. Ihn interessierte das Rohe, auch die Art Brut, damals die „Kunst der Geisteskranken“ genannt. Später würde er selbst mit den Fingern malen, ähnlich wie Arnulf Rainer, der Österreicher, mit dem ihn später eine enge Freundschaft verband. Aber auch Emilio Vedova, der abstrakte italienische Maler, dessen runde Bilder schon die Gesetze der Schwerkraft ignorierten.

Der junge Herr Kern war also auf Krawall gebürstet: Ab 1961 nannte er sich Baselitz, zwei Jahre später provozierte er den ersten richtigen Skandal: „Die große Nacht im Eimer“ wurde in einer Galerie beschlagnahmt. Darauf zu sehen: Ein deformiert wirkender Bub, der mit einem pinocchiohaften Penis onaniert. Genau das, was damals sicher niemand sehen wollte. Viele weitere groteske Glieder und Körperteile begannen bei Baselitz die Leinwände zu füllen, fleischig, wulstig, absichtlich eklig, aber auch selbstbewusst und roh. Die Lächerlichkeit der Nacktheit übertrug er auch auf das, was weltweit als „deutsch“ wahrgenommen wurde, das Heldentum. Seine großformatige Serie „Helden“ von 1965/66 waren absichtlich kaputte „Neue Typen“. Baselitz zerstörte, um sich lebendig zu fühlen, erklärte er. Selbst vor der Erdanziehung machte er nicht halt.

Ab 1969 malte er seine Motive auf dem Kopf stehend. Er malte sie nach verkehrt gehaltenen fotografischen Vorlagen. Nein, er drehte die Bilder nicht einfach um und hängte sie verkehrt auf. Denn Baselitz wollte malen, was noch nie gemalt worden war. Eine geniale Wende, die zu einem der genialsten künstlerischen Markenzeichen der Geschichte wurde. Was man neidlos anerkennen muss.

Der Erfolg stellte sich ab den Achtzigerjahren in immer größerem Maße ein. Die deutsche Malerei begann ihren Siegeszug am Markt, Gerhard Richter, Anselm Kiefer, Sigmar Polke und eben Georg Baselitz. Was tat Baselitz? Er griff zur Kettensäge. Und sägte einen halben Adolf Hitler mit erhobener Hand aus einem Holzklotz und zeigte dieses „Model einer Skulptur“ 1980 im Deutschen Pavillon bei der Biennale Venedig.

Hitler? Könne er beim besten Willen nicht erkennen darin, sagte er. Der nächste Skandal. Mit Wiederbetätigung hatte das natürlich nichts zu tun, im Gegenteil, der Unterkörper Hitlers steckte noch im Holz fest, er befand sich in jeder Hinsicht in misslicher Lage, ein Krüppel, nichts sonst. Mitten in der NS-Architektur dieses Länderpavillons, die damals bei weitem noch nicht derart Thema war wie danach, bis heute.

In seinen rauen, kantigen Holzfiguren scheint Baselitz am ehesten noch der Expressionist, als dessen „letzter großer“ er in deutschen Medien zu Grabe getragen wird. Expressionismus wie Baselitz als Bildhauer waren schließlich von afrikanischer Skulptur beeinflusst. In seiner Malerei war er weniger Expressionist als Manierist. Als Verehrer des barocken Manierismus zeigte er sich auch bei seiner großen Ausstellung im Kunsthistorischen Museum in Wien vor drei Jahren. Die Nacktheit hatte es dem damals schon schwerkranken, im Rollstuhl sitzenden Maler angetan, auf ihre Spur machte er sich in der Gemäldegalerie und setzte seine Porträts der nackten Ehefrau Elke, zeitlebens sein weibliches Modell, und seiner selbst dagegen. Verkehrt, versteht sich.

Bis zuletzt malte, wollte er malen, in seinem von Herzog und de Meuron gebauten Atelier am Ammersee in Bayern unterzog er seine alten Bilder nach und nach einem „Remix“, wie er das nannte – er malte sie also wieder, er wiederholte sie, mit immer leichterer Hand, immer heller, schwereloser, bis sich die Figuren fast ganz auflösten. Zuletzt aber kam noch eine Wende, man wird sie ab nächster Woche in Venedig sehen, wo sein Galerist Thaddaeus Ropac sie rechtzeitig bei Biennale-Beginn im Palazzo Cini ausstellt. Baselitz malte zuletzt auf Goldgrund. In der Kunstgeschichte die Farbe, die Göttlichkeit, Ewigkeit und Transzendenz symbolisiert. Kein anderes Ende war für Baselitz möglich.