Es ist einfach zu erklären, worin die negativen Auswirkungen des Iran-Kriegs für die fossilabhängige Welt bestehen: Öl- und Gastransporte stecken in der Straße von Hormus fest. Weniger offensichtlich ist dagegen, dass der Konflikt auch mit der europäischen Sicherheit zusammenhängt. Das wird bei einem genauen Blick auf die US-amerikanischen Waffenbestände klar.

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Amerikanische Munition im Wert von 5,6 Milliarden US-Dollar wurde laut „New York Times“ verschossen – und zwar allein in den ersten zwei Tagen des Kriegs, der bis zur Feuerpause Anfang April sechs Wochen dauerte.

Die horrenden Kosten sind das eine. Die Waffenvorräte sind das andere, wahrscheinlich größere Problem.

Zumal es in den US-Lagern schon vor dem Iran-Krieg an sogenannter Präzisionsmunition mangelte, wie der österreichische Militäranalyst Franz-Stefan Gady im Gespräch mit dem Tagesspiegel sagte. Das betreffe nicht nur Abwehrraketen des Typs Patriot, die insbesondere in der Ukraine fehlen, sondern auch präzise Angriffswaffen wie die Tomahawk-Marschflugkörper.

Franz-Stefan Gady, Credit: privat

Franz-Stefan Gady ist unabhängiger Analyst und Militärberater. Er berät Regierungen und Streitkräfte in Europa und den USA zur Zukunft der Kriegsführung.

„Der Iran-Krieg hat diese Situation noch verschlimmert“, so Gady. Das habe auch mit der amerikanischen Kriegsführung an sich zu tun, völlig unabhängig von Entscheidungen der Trump-Regierung. Das US-Vorgehen sei nämlich darauf ausgelegt, am Anfang eines Konfliktes massiv mit Distanzwaffen anzugreifen. Feindliche Schlüsselziele wie Radarsysteme und Raketenabwehr sollen rasch zerstört und auf diese Weise ein Sieg erzwungen werden. Dauere der Krieg länger, „dann gibt es keinen Plan B“. Daher soll es gar nicht erst so weit kommen.

Waffenmangel mit Folgen

Das Problem der sinkenden Raketenbestände verschärfe sich nun auch deshalb, weil es Jahre dauern werde, bis die verschossenen US-Munitionsbestände wieder nachproduziert sein werden. Schon jetzt habe die US-Armee Vorräte für Europa und Asien zugunsten des Iran-Kriegs abgezogen.

Die Folge: Zusammen mit der Munition schwinde der Abschreckungseffekt der USA auf Russland und China.

Das bedeute nicht, dass Moskau und Peking im Baltikum beziehungsweise in Taiwan demnächst garantiert losschlagen werden. Der Experte stuft die Wahrscheinlichkeit dafür in den kommenden Jahren sogar als niedrig ein. Kriege brauchten eine politische Absicht, sie müssten gewollt sein. Die bloße Fähigkeit dazu führe nicht automatisch zum Angriff.

March 3, 2026, Uss Delbert Black, United States: The U.S Navy Arleigh Burke-class guided-missile destroyer USS Delbert D. Black, launches a Tomahawk Land Attack Missile in support of Operation Epic Fury, March 1, 2026 from an undisclosed location. Operation Epic Fury is the name for the U.S. - Israeli joint attack on Iran. Uss Delbert Black United States - ZUMAp138 20260303_zaa_p138_006 Copyright: xU.SxNavy/U.S.xNavyx Die US-Marine feuert einen Tomahawk-Marschflugkörper im Iran-Krieg ab.

© IMAGO/ZUMA Press Wire/U.S Navy/U.S. Navy

Die USA sind nicht mehr so abschreckend

Trotzdem verschärft sich nun ein Problem des Westens. Was die militärischen Fähigkeiten angeht, sei die Nato den Russen unter anderem in der Drohnenabwehr ohnehin noch unterlegen. Dieser Nachteil und der ressourcenintensive Iran-Krieg dürften zur Folge haben, dass Moskau und auch Peking „jetzt ein enormes Verwundbarkeitsfenster“ sehen. Allein das schwächt die Position der USA und anderer Nato-Staaten auf der internationalen Bühne.

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Die Verwundbarkeit wachse noch, sobald es in der Ukraine einen Waffenstillstand gebe. Dann wird die russische Armee dort nicht mehr in Kämpfen gebunden, der Nato aber zwei bis vier Jahre lang überlegen sein – eben bis im Westen die militärischen Lücken geschlossen werden.