Erste Fotos dringen aus dem Österreich Pavillon von Florentina Holzinger bei der Biennale Venedig. Im Zoom-Interview erzählt sie uns, dass sie den Pavillon in eine Kläranlage verwandelt. Und die Zuschauer? Dürfen dabei „partizipieren“.

Erste, noch recht uneindeutige Einblicke in den Österreich Pavillon Holzingers. Nicole Marianna Wytyczak
Das Gerücht lautet, es werden vor dem Pavillon Mobilklos aufgestellt und im geklärten Wasser baden dann ihre Performerinnen. Außerdem: Sie möchten den Pavillon penetrieren. Wie denn?
Florentina Holzinger: Vor der Eröffnung möchte ich keine Details verraten, der Fantasie sollen nicht durch Worte Grenzen gesetzt werden. Aber: Im Fokus wird die Penetration des Pavillons jedenfalls nicht stehen. Was stimmt ist, dass wir versuchen, uns an der Struktur zu vergreifen. Oder sagen wir: In die Architektur zu intervenieren.
Im übertragenen Sinn also interpretieren Sie den Pavillon als Körper?
Ja genau. Aber nicht speziell als männlichen oder weiblichen. Wir haben uns sehr mit der Geschichte des Pavillons beschäftigt, auch mit der Figur Josef Hoffmann. Ich wusste nicht, dass das als eine Art Sakralbau konzipiert war, so konstruiert, dass die Kunstwerke wie Relikte in einer Kirche erscheinen. Auch ein NS-Schatten hängt über dem Pavillon. Der liebe Hoffmann hat schon nutznießerisch agiert in dem Nazi-Kontext. Das hat uns auch inspiriert: Die schöne, weiße Wiener Moderne, bei der niemand über die Vergangenheit spricht. Wie geht man dann um mit diesem Schönen, Symmetrischen, Weißen, Reinen, Hellen, Sakralen?
Florentina Holzingers „offizielles“ Venedig-Porträt. Katia Wik
Ok. Der Pavillon wird aus der Geschichte also wohl nicht so sauber wieder herauskommen.
Zumindest teilweise. Dass wir mit viel Wasser hantieren, ist ja kein Geheimnis. Es wird verschiedene Arten von Überflutungszuständen geben. Soweit uns das möglich ist, wird der Pavillon unter Wasser gesetzt. Es ist nicht zu viel gesagt, dass er installativ wie eine Kläranlage funktionieren soll. Ähnlich wie die Stadt Venedig selbst eine Art natürliche Kanalisation hat, wo im Laufe von einem Tag durch Ebbe und Flut das ganze Dreckswasser rausgespült und durch frisches ersetzt wird. Das wird ein bisschen auf den Pavillon übertragen.
Das erlaubt das Denkmalamt?
Wir mussten schon einfallsreich sein. Aber was soll man machen gegen die Flut. Sie kommt halt.
Stillleben aus dem Österreichischen Pavillon. Nicole Marianna Wytyczak
Der Titel Ihres Beitrags lautet „Seaworld“, klingt harmlos, nach Funpark. Ist das ein Spiel mit den Gegensätzen?
Also es ist definitiv von einem Unterwasserthemenpark inspiriert und da ist eine Portion Disneyland drinnen, weil Venedig ja auch einen starken Themenpark-Charakter hat. Sonst ist es so wie bei meinen anderen Shows auch, dass wir an dem Punkt ansetzen, wo das Spektakel unheimlich wird und man sich dadurch als Zuseher auch der eigenen Rolle bewusster wird. Aber keine Angst, dem Publikum werden keine unangenehmen Dinge aufgezwungen. Es wird zu einer gewissen Partizipation eingeladen, aber eher im Sinne von: die Installation kann und soll durch Zusehende benutzt werden. Wie durch Herrn Hoffmann intendiert, sollen die Zusehenden auch bei uns zu Andacht und Reflexion angeregt werden.
Wird es eine dauernde performative Bespielung geben?
Es wird eine dauerhafte Aktivierung durch eine reale physische Präsenz. Ich wollte dezidiert diese Exklusivität durch Slots vermeiden. Uns hat genau diese andere Zeitlichkeit interessiert. Das ist eine große Herausforderung: Wir okkupieren den Pavillon wirklich, ziehen im Mai ein und im November wieder aus.
Wie wird sich Venedig sonst von Ihren Shows unterscheiden?
Wir wollten den Pavillon nicht zum Theater machen, das können wir woanders viel besser. Aber ich bleibe meiner Ästhetik natürlich treu. Die Leute werden eine Welt betreten, wo die Grenzen zum Beispiel zwischen den Betrachtenden und dem Betrachteten im wahrsten Sinne des Wortes verschwimmen, es ist also eine wesentlich intimere Situation. Wir sind sehr gespannt wie die Leute damit umgehen werden. Ich selbst bin immer froh, wenn die Arbeit mit der echten Welt in Kommunikation tritt – also nicht nur mit der Kunstbubble oder einer gewissen Elite, sondern mit tausenden Menschen von überall her, die da einfach hereinströmen. Das wird für uns ur spannend.
Wie intim wird diese Intimität werden?
Also, die Leute können schon nass werden, sage ich jetzt einmal.
Wird es Triggerwarnungen geben?
Es gibt natürlich Triggerwarnings. Schon allein weil Nacktheit ein Thema ist, no na ned. Ich bin Triggerwarnings gar nicht abgeneigt, das hat etwas mit Respekt zu tun, die Leute sollen sich entscheiden können, was sie sehen wollen.
Der Theaterregisseur Ersan Mondtag, der vorige Biennale den Deutschen Pavillon bespielte, sagt mir, für ihn sei der größte Unterschied zwischen Theater und Kunst das viel kleinere Budget. Das war ein echter Schock für ihn.
Im Theater existieren wir von staatlicher Förderung und Ko-Produktionen. Sponsoring oder private Förderungen waren mir eher fremd. Für den Pavillon arbeiten wir jetzt mit einem Netzwerk an internationalen Partnern, Stiftungen, Institutionen und Individuen. Natürlich haben wir auch Kooperationen mit Sponsoren, wie zum Beispiel beim Kran.
Apropos High-Tech. Sie bauen sie gerne in ihre Shows ein. Sehr unheimliche Robotik-Hunde etwa zuletzt. Welche Rolle wird sie diesmal spielen?
Es gibt auf jeden Fall maschinelle Präsenzen in unterschiedlicher Form im Pavillon. Einerseits ist die Robotik Frankensteins Monster unserer Zeit, verwende ich sie als sehr düstere Dystopie, in der das Überleben für den Menschen nur unter spezifischen Bedingungen und in maschinellen Abhängigkeiten möglich sein wird. Andererseits aber ist sie definitiv auch eine Möglichkeit, die genutzt werden kann! Die dem Körper hilft. Wir flirten mit der perfekten Symbiose zwischen Technologie und Körper, aber es gibt immer eine Art Kompromiss dabei, oder eine Gefahr, dass diese Harmonie aus dem Ruder läuft. Das machen wir natürlich mit viel Humor und Satire.
Der Körper der Frau ist historisch eher mit Natur als mit Technik verbunden.
Venedig ist ja eigentlich eine weibliche Allegorie für Schönheit, Dekadenz und Vergänglichkeit und das Wasser ist ja auch eine ur stark weiblich konnotierte Substanz. Diese Nähe zwischen Natur und Weiblichkeit ist zwar auch megaschön, hat aber den Downpart, dass die Frau mit anderen Dingen wie Geist oder eben Technik traditionellerweise nicht so viel in Verbindung gebracht wurde. Ich kann mich mit beidem identifizieren: Mit der Frau als techno-sozialem Konstrukt eines Cyborgs wie als Naturwesen.
Welches Buch, welchen Film, welche Musik würden Sie empfehlen, damit man Ihren Pavillon besser versteht?
Das ist schwer an einzelnen aufzuhängen. Wenn ich im Arbeitsprozess bin, liegen da 50 Bücher herum, die ich parallel und querlese. Und auf diese 50 Bücher kommen wahrscheinlich 100 Filme, die ich mir reinziehe. Musik spielt sowieso eine große Rolle, die endet bei uns meist sowieso in der Show selbst.
Auch Thomas Manns „Tod in Venedig“?
Natürlich! Alles habe ich mir angeschaut, oder in dem Fall wieder angeschaut. Aber was ich wirklich empfehlen kann: „Venice and the Anthropocene“. Und was auch auf meinem Nachtkastl liegt: „Convent Wisdom: How Sixteenth-Century Nuns Could Save Your Twenty-First-Century Life”.
Neben Hermann Nitsch und Christoph Schlingensief sind Sie die einzige Künstlerin der Gegenwart, die mir einfällt, die mit ihrem ästhetischen und auch inhaltlichen Konzept, dem rabiaten Matriarchat, in Theater sowie bildender Kunst funktioniert. Wie stehen Sie zu den beiden Vorgängern?
Also Bambiland am Burgtheater. Wie ich das gesehen habe, hatte ich das erste Mal den Eindruck: Wow, da passiert jetzt etwas anderes im Theater. Das war ein Aha-Moment für mich. Als Gesamterlebnis, bei dem die Leute echauffiert aus dem Theater liefen, als die Bürgerlichkeit sich selbst entlarvte. Ich fand es sehr lebendig.
Und Nitsch, auf den Sie zwei Wochen nach Venedig in Schloss Prinzendorf reagieren?
Ich habe ihn selber nicht mehr kennengelernt. Als ich aufgewachsen bin, war Nitsch für mich nicht so präsent. Ich hatte mich eher mit Valie Export und so auseinandergesetzt, nicht mit der Aktionisten-Männerpartie. Heute bereue ich, dass ich zu seinen Lebzeiten nie in Prinzendorf war. Als die Anfrage kam von der Nitsch Foundation, ob ich etwas dort machen will, habe ich das Schloss zum ersten Mal besucht – und es war eine starke Energie da. Ich kann es nicht weniger esoterisch beschreiben. Aber man wird sich dort der Wucht dieser Arbeit und dessen historischer Bedeutung bewusst. Auch als Einfluss auf meine eigene Arbeit. Das habe ich wohl mit Schlingensief gemein: Wir sind im Bewusstsein, dass es diesen Wiener Aktionismus gibt, auch dass der museumstauglich ist aufgewachsen.
Zuletzt rückte auch bei Ihnen die katholische Kirche ins Zentrum, bei der Oper Sancta Susanna. Auch in Venedig, habe ich gehört, wird es eine Kirchenglocke geben. Wieso die katholische Kirche? Warum nicht z. B Kritik am Islam?
Der biografische Bezug ist für meine Arbeit offensichtlich sehr wichtig. Ich habe es eh 20 Jahre lang geschafft, mich nicht mit der Kirche zu beschäftigen. Obwohl ich katholisch in Österreich aufgewachsen bin und als Teenager schon sehr fasziniert war von der Doppelmoral der Kirche – ich war beim Auffliegen der Missbrauchsskandale ums Priesterseminar in St. Pölten gerade hochpubertär. Die Beziehung der Kirche mit dem Körper der Frau war aber auch immer schon sehr tricky. Das Problem ist für mich nicht die spezifische Religion, sondern der Fundamentalismus und die Auslegung. Wir subvertieren in der Arbeit eben einfach gern traditionelle, patriarchale Machtstrukturen, und die Kirche ist da nun einmal ein prädestinierter Blueprint.
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