„Hi, ich bin Kristýna Šramarová. Ich bin 21 Jahre alt und seit 2022 in Dresden. Ich bin nach meinem Freiwilligendienst in Dresden geblieben, und momentan mache ich eine Ausbildung zur Erzieherin.“

Kristýna Šramarová | Foto: Daniela Honigmann,  Radio Prague International

Kristýna Šramarová|Foto: Daniela Honigmann, Radio Prague International

Ihre Geschichte teilt Kristýna gern mit – zum Beispiel bei Veranstaltungen wie der Regionalkonferenz des Projekts „ZusammenWachsen in Europa“ Mitte April in Ústí nad Labem. Oder auch im Interview mit Radio Prag International:

„Ich würde allen empfehlen, diesen Freiwilligendienst zu machen, weil sich das total lohnt. Sei mutig, sei Du und hab keine Angst. Denn wenn du die Angst fütterst, dann hält dich das davon ab, deine Träume zu erfüllen.“

Dass es möglich sein könnte, dem Kleinstadtleben im ostböhmischen Police nad Metují zu entfliehen, sei ihr während ihres Auslandsjahres in Dresden bald klargeworden, schildert Kristýna. Ähnlich schicksalhaft, nur in anderer Richtung über die Grenze, war der Freiwilligendienst für eine weitere Teilnehmerin:

Anna Zubíkova | Foto: Daniela Honigmann,  Radio Prague International

Anna Zubíkova|Foto: Daniela Honigmann, Radio Prague International

„Mein Name ist Anna Zubíkova. Ich komme aus der schönen Oberlausitz, aus Eibau. Ich bin über den Freiwilligendienst nach Tschechien gelangt und habe hier im Freiwilligenzentrum in Ústí nad Labem gearbeitet. Und ich bin tatsächlich seit der Zeit, das war 2015, mit der deutsch-tschechischen Zusammenarbeit eng verbunden – jetzt von der anderen Perspektive her, indem ich die nächsten Generationen aus Deutschland nach Tschechien zum Freiwilligendienst entsende.“

Das macht Zubíková als Referentin bei den Paritätischen Freiwilligendiensten Sachsen. 2025 wurden 18 Bewerber aus Deutschland zum Freiwilligenjahr nach Tschechien vermittelt, was ein recht starker Jahrgang sei, sagt Zubíková. Und Gernot Mosig, Bereichsleiter für die Internationalen Freiwilligendienste beim Paritätischen, führt aus:

„Die Freiwilligen werden ganz verschiedentlich eingesetzt. Gerade in Tschechien haben wir für deutsche Interessenten eine bunte Palette an Möglichkeiten, einen Freiwilligendienst zu leisten. Das geht im ökologischen Kontext los, im Nationalpark Böhmische Schweiz zum Beispiel. Das ist eine sehr attraktive Stelle, bei der man mit den Rangers des Nationalparks unterwegs ist. Aber wir haben auch viele soziale Einrichtungen sowie Kindergärten und Schulen, wo die Freiwilligen Unterstützung beim Thema Sprache leisten. Im kulturellen Bereich ist es etwa das Stadtmuseum in Ústí nad Labem, bei dem es ja auch darum geht, Begegnungen zu schaffen. Die Freiwilligen helfen, die deutschen Gäste hierherzuführen, oder unterstützen die Öffentlichkeitsarbeit. In Deutschland ist es hingegen mehr der soziale Bereich, weil wir eben ein großer sozialer Verband sind. Deswegen haben wir unsere Organisationen angesprochen, ob sie auch tschechische Freiwillige aufnehmen wollen.“

Regionalkonferenz zum Projekt ZusammenWachsen in Europa | Foto: Daniela Honigmann,  Radio Prague International

Regionalkonferenz zum Projekt ZusammenWachsen in Europa|Foto: Daniela Honigmann, Radio Prague International

Dieses Angebot nutzen die sozialen Einrichtungen gern. Denn gerade in dieser Branche fehlen dauerhaft Arbeitskräfte – das ist in Deutschland ganz ähnlich wie in Tschechien. Gerade weil ein Freiwilliges Soziales Jahr hier zumindest eine kleine Lücke füllt, unterstützt auch die Deutsche Botschaft in Prag diese grenzübergreifende Kooperation. Susanne Lindsay ist die Leiterin des Kulturreferats und des Protokolls, auch sie war zu dem Treffen in Ústí nad Labem gekommen:

„Es ist ein tolles Projekt, weil es ein wichtiges gemeinsames Problem angeht. Und zwar das des Fachkräftemangels, gerade im sozialen Bereich auf beiden Seiten der Grenze. Ich finde wirklich schön, dass junge Freiwillige begleitet werden bei ihrem Weg in den Beruf, gegebenenfalls sogar auf der anderen Seite der Grenze. Und dadurch findet ein gemeinsames Problem einfach eine Lösung.“

Echte Berufsperspektiven

Das Interreg-Projekt „ZusammenWachsen in Europa“ läuft seit Anfang 2024, dauert dreieinhalb Jahre und wird mit knapp 360.000 Euro an EU-Geldern gefördert. Es soll dafür sorgen, dass das Freiwilligenjahr den jungen Menschen eine echte Berufsperspektive bietet, sie das Alltagsleben im Nachbarland kennenlernen und ihre Sprachkenntnisse verbessern. Auf diese Weise soll die tschechisch-deutsche Grenzregion mitten in Europa also weiter zusammenwachsen. Kristýna ist ein gutes Beispiel dafür:

Regionalkonferenz zum Projekt ZusammenWachsen in Europa | Foto: Daniela Honigmann,  Radio Prague International

Regionalkonferenz zum Projekt ZusammenWachsen in Europa|Foto: Daniela Honigmann, Radio Prague International

„Ich kam nach Dresden und habe meinen Freiwilligendienst in dem Kindergarten cocolores durchgeführt. Cocolores ist eine ökologische Einrichtung, in der sich die Kinder vegetarisch und vegan ernähren. Sie dürfen im ganzen Haus unterwegs sein, und ich finde auch toll, dass es keine festen Gruppen gibt. Dieses freie Konzept und die Pädagogik sind absolut super. Das ist auf jeden Fall etwas, was ich in Zukunft gerne machen würde.“

Kristýna berichtet von ihren positiven Erfahrungen auch deswegen so häufig, weil gar nicht so viele ihrer Altersgenossen in Tschechien Interesse an einem Freiwilligenjahr in Deutschland haben – anders als die Jugendlichen in Deutschland. Es sei daher eine wichtige Aufgabe des Freiwilligenzentrums in Ústí nad Labem, junge Leute aus der Umgebung überhaupt davon zu überzeugen, ein soziales Jahr zu absolvieren, sagt die Leiterin Lenka Vonka Černá:

„Es gibt eine große Nachfrage junger deutscher Freiwilliger, die nach Tschechien kommen wollen. Und auch das Interesse der tschechischen Gasteinrichtungen an den deutschen Helfern ist groß. Andererseits gelingt es uns kaum, tschechische Jugendliche anzusprechen. Da bestehen zum Beispiel Barrieren durch das Schulsystem. Es wird den Freiwilligen nicht ermöglicht, zwischen Schulabschluss und Studium unkompliziert ins Ausland zu gehen und sich damit den Weg an die Hochschule nicht zu erschweren. Außerdem verlangt das gesellschaftliche und häusliche Umfeld von den jungen Leuten, erst einmal zu studieren, bevor die Zeit frei genutzt werden kann.“

Regionalkonferenz zum Projekt ZusammenWachsen in Europa | Foto: Daniela Honigmann,  Radio Prague International

Regionalkonferenz zum Projekt ZusammenWachsen in Europa|Foto: Daniela Honigmann, Radio Prague International

Die meisten jungen Menschen würden direkt nach dem Studium aber sofort ins Arbeitsleben übergehen, und so passe ein Freiwilligenjahr nicht mehr in die Zeitplanung, bedauert die Leiterin. Dabei könnten im Ausland wertvolle Lebenserfahrungen gesammelt werden, so das Argument, das im Übrigen alle Teilnehmenden der Regionalkonferenz vorbrachten. Und weiter Vonka Černá:

„Wir suchen darum immer nach Wegen, wie wir in die Berufsschulen gelangen können. Wenn wir dort einen jungen Menschen gewinnen, der eine gute Grundlage dafür aufweist, aber nicht unbedingt umfangreiche Sprachkenntnisse haben muss, und wenn er für ein Jahr ins Ausland geht, dann ist das für ihn anschließend ein enormer Beschleuniger auf dem Arbeitsmarkt, im persönlichen Leben und in der Karriere. Wir probieren also alle Wege aus, diese Informationen an die jungen Leute zu bringen: Geht ins Ausland, bleibt nicht einfach zu Hause, versauert nicht an einem Ort und tut etwas für Eure Zukunft!“

Und es ist nicht nur das jeweilige persönliche Schicksal, das durch ein Freiwilligenjahr grundlegend verändert wird. Dies gilt ebenso für das allgemeine Zusammenleben in der Grenzregion. Susanne Lindsay:

„Ich würde sagen, Projekte wie diese sind das Lebensblut der deutsch-tschechischen Beziehungen. Wir freuen uns natürlich sehr, dass diese Zusammenarbeit in der Grenzregion so intensiv ist. Und gerade Projekte mit jungen Menschen, die sich einfach kennenlernen, zusammenarbeiten und Erfahrungen im jeweils anderen Land sammeln, sind ganz wichtig, damit wir auch in Zukunft sehr enge freundschaftliche Beziehungen pflegen können.“

Regionalkonferenz zum Projekt ZusammenWachsen in Europa | Foto: Daniela Honigmann,  Radio Prague International

Regionalkonferenz zum Projekt ZusammenWachsen in Europa|Foto: Daniela Honigmann, Radio Prague International

Zu wenig Förderung

Sowohl das Freiwilligenzentrum in Ústí nad Labem als auch die Paritätischen Freiwilligendienste Sachsen vermitteln schon seit vielen Jahren Stellen und Aufenthalte, ob für kurze oder für längere Zeit. Finanziert werden sie hauptsächlich aus staatlichen oder regionalen Töpfen. Das Interreg-Projekt „ZusammenWachsen in Europa“ stellt zusätzliche Mittel zur Verfügung, um mit Begleitveranstaltungen einen Mehrwert zu schaffen. Diese Förderung endet laut dem Projektrahmen im August 2027. Zu den Aussichten sagt Anna Zubíková:

„Stand aktueller Informationen ist, dass wir die Entsendung dann einstellen müssen. Denn unser Interreg-Projekt, das wir jetzt gerade mit europäischer Förderung haben, läuft eben nächstes Jahr aus. Und wenn wir diese Gelder nicht mehr haben, dann ist die Entsendung für uns ein derartiges Minusgeschäft, das wir bei den Paritätischen Freiwilligendiensten nicht mehr ausgleichen können.“

Regionalkonferenz zum Projekt ZusammenWachsen in Europa | Foto: Daniela Honigmann,  Radio Prague International

Regionalkonferenz zum Projekt ZusammenWachsen in Europa|Foto: Daniela Honigmann, Radio Prague International

Schon in diesem Jahr stelle die sächsische Institution die Entsendung von Freiwilligen nach Polen ein, fügt Zubíková hinzu. Denn die Grundfinanzierung durch die Bundesregierung reiche maximal für die Versicherung der Teilnehmenden und für die nötigen Personalkosten. Darum sehe es ab kommendem Jahr auch nicht gut aus für die Angebote in Tschechien, so die Referentin:

„Außer es tut sich noch eine Alternative auf. Da ist meine Hoffnung noch nicht so ganz gestorben. Seit ich 18 war, also schon zehn oder elf Jahre, bin ich mit dem Projekt verbunden. Ich war selbst Freiwillige, habe dann die Seminare gedolmetscht und bin jetzt die Referentin. Für mich ist das echt eine Herzensangelegenheit in der deutsch-tschechischen Zusammenarbeit.“

Und so macht auch Gernot Mosig noch Werbung für den grenzüberschreitenden Austausch, dessen Anliegen so treffend mit dem Projektnamen „ZusammenWachsen in Europa“ umschrieben wurde:

„Wenn Ihr Interesse habt – einfach mal anrufen, nachfragen, sich erklären lassen, wie das funktioniert, und dann schauen, ob das was für einen ist. Eine herzliche Einladung also, wir freuen uns darauf.“