Unter den unzähligen Erklärungen für die vernichtende Niederlage von Premier Viktor Orbán und der nationalpopulistischen Regierungspartei Fidesz (Bund der Jungdemokraten) bei der Parlamentswahl am 12. April mutet der Kommentar eines populären Musikers aus dem Dunstkreis der Regierung besonders skurril an. Der Rapper „Dopeman“ führte die Wahlschlappe Orbáns vor allem auf die Leibesfülle des Noch-Premiers zurück. Die Dickleibigkeit des ehemaligen aktiven Fußballers Orbán sei ein Wettbewerbsnachteil gewesen, so „Dopeman“.
Im Wahlkampf nahm sich der Langzeitpremier neben seinem schlanken und dynamischen Widersacher Péter Magyar tatsächlich ungelenk und schwerfällig aus. Gleichwohl soll nun ausgerechnet Orbán, der Ende Mai 63 Jahre alt wird, seiner darniederliegenden Partei Fidesz wieder auf die Sprünge helfen. Obwohl der Noch-Premier nach der Wahl einräumte, der Hauptverantwortliche für die Wahlpleite zu sein, hält seine Partei verbissen an ihm fest.
Der Kopf des von den Wählern abgestraften Ancien Régime soll es nun also als Reformer richten und die „vollständige Erneuerung“ des Fidesz vorantreiben. Allein, jene Partei, die in den vergangenen 16 Jahren das Leben in Ungarn maßgeblich prägte, lässt jegliche Form „ehrlicher Selbstkritik“ vermissen, wie der Politologe Zoltán Lakner bedauert. Dies sei aber eine unabdingbare Voraussetzung dafür, um sich erneuern zu können. Das Politikforschungsinstitut Political Capital weist außerdem darauf hin, dass es „äußerst schwierig“ sei, eine machtverwöhnte Partei wie den Fidesz „zu neuer Aktivität und organisatorischer Erneuerung zu bewegen“.
Hinzu kommt, dass der „harte Kern“ ihrer Wählerschaft überwiegend aus älteren, sozial schwachen und bildungsfernen Wählern bestehe. Gerade in diesen gesellschaftlichen Gruppen sei politisches Engagement, geschweige denn Aktivismus aber wenig ausgeprägt. Mithin erscheine eine Ausweitung des Wählerreservoirs für den Fidesz wenig realistisch, so das Institut Political Capital. Der Experte für Wahlgeographie, Mátyás Bódi, hebt überdies hervor, dass angesichts der Überalterung der Fidesz-Wählerschaft das Orbán-Lager bis zum Jahr 2030 um rund 300.000 Personen schrumpfen werde.
Demnach verwundert es kaum, dass der renommierte Politik-Analyst und fundierte Orbán-Kenner Péter Tölgyessy es nahezu ausschließt, dass der Noch-Premier irgendwann ein weiteres Mal an die Macht zurückkehren könnte.
Tölgyessy spöttelte kürzlich, dass Orbán nach 20 Jahren am Regierungsruder (1998 bis 2002, 2010 bis 2026) und insgesamt 37 Jahren in der Politik besser daran gehen sollte, seine „Memoiren“ zu schreiben, wie es viele altgediente und verdienstvolle Politiker vor ihm in einer solchen Situation getan hätten. Andererseits geben Beobachter auch zu bedenken, dass es innerhalb des Fidesz weit und breit keine personellen Alternativen zu Orbán gebe. Was bedeutet, dass er immer noch den Status des unumstrittenen und allmächtigen Chefs seiner Partei genieße. Dass die Nachwuchsförderung im Sinne des behutsamen Aufbaus von Nachfolgekandidaten in der Noch-Regierungspartei zu wünschen übrig lässt, ist freilich auch Orbáns übersteigertem Machtwillen geschuldet. So war er immer schon darauf bedacht, aufstrebende Politiker innerhalb seiner Partei kleinzuhalten.
Fakten
Fidesz wurde 1988 in einem Studentenheim in Budapest gegründet.
35 Jahre durften die Mitglieder in den ersten Jahren maximal alt sein.
1990 erhielt die Partei bei den ersten freien Wahlen neun Prozent.
1998 konnte Fidesz zum ersten Mal in einer Koalition regieren.
Seit 2010 stellte die Partei durchgehend den Premierminister, Viktor Orbán. Bei den Wahlen im April 2026 verlor sie den ersten Platz gegen Péter Magyars Tisza.
In Ermangelung von Fidesz-Politikern, die Orbán das Wasser reichen können, sehen Fachleute auch die Gefahr, dass der Fidesz wie ein Kartenhaus zusammenfallen könnte, sollte der Noch-Premier sich einmal dazu entscheiden, der Politik den Rücken zu kehren. Für viele ist Orbán die Verkörperung des Fidesz schlechthin und folglich der Einzige in der Partei, der imstande sei, die ein bis zwei Millionen Wähler der Noch-Regierungspartei bei der Stange zu halten.
Den jüngsten Entschluss Orbáns, in der nächsten Legislaturperiode nicht im Parlament Platz zu nehmen, wertet Politologe Lakner als „Wortbruch“ gegenüber seinen Wählern. Lakner erinnert daran, dass Orbán in der Vergangenheit wiederholt erklärt habe, auch bei einer Wahlniederlage des Fidesz als Abgeordneter ins Parlament einzuziehen. Als Chef der künftig größten Oppositionspartei sei es seine „Pflicht“, sich auch „unangenehmen Situationen“ auszusetzen und mitunter scharfe politische Auseinandersetzungen im Parlament auszuhalten, so der Politologe.
Wahrscheinlich will Orbán aber auch dem Trommelfeuer der Kritik entgehen, das seitens der künftigen Regierungspartei Tisza im Parlament auf ihn einprasseln würde. Der Noch-Premier dürfte wohl eine ähnliche Strategie verfolgen wie nach der Parlamentswahl 2002, als er sich als abgewählter Regierungschef lange Zeit aus der Öffentlichkeit zurückzog, um sich einerseits den politischen Schlammschlachten zu entziehen, andererseits die Massenbewegung der „Bürgerkreise“ auf den Weg zu bringen, deren gesellschaftliche Wucht ihn 2010 ins Ministerpräsidentenamt hieven sollte.
Laut dem Institut Political Capital scheint Orbán mit seinem Rückzug dem Beispiel seines Gesinnungsgenossen Jarosław Kaczyński in Polen zu folgen, der seine nationalkonservative Partei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS) seit Jahren aus dem Hintergrund lenkt, während er den Parteivorsitz innehat. Ein wesentlicher Unterschied zu Orbán sei aber, dass Kaczyński kein Regierungsamt bekleidet habe, als die PiS 2023 die Parlamentswahl verlor. Folglich sei er bei den polnischen Wählern auch nicht so in Ungnade gefallen wie Orbán in Ungarn. Wohl deshalb habe die PiS auch reale Chancen, die polnische Parlamentswahl im kommenden Jahr zu gewinnen.
Ob es der Fidesz der polnischen Schwesterpartei PiS nachmachen können wird, ist indes fraglich. Schon jetzt, wenige Wochen nach der Wahl, hat die Wählerbasis der Orbán-Partei massiv zu bröckeln begonnen. Wie aus einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Medián hervorgeht, würden heute 56 Prozent der Befragten die künftige Regierungspartei Tisza wählen und lediglich 21 Prozent den Fidesz – das entspricht nur noch 1,6 Millionen Wählern.
Mehr noch: Gemäß einer anderen Medián-Erhebung erachtet bereits ein Fünftel der Fidesz-Wähler den ungarischen Premier in spe, Péter Magyar, für das Amt des Regierungschefs als „geeignet“.
Dass das Orbán-Regime von den Wählern abgestraft wurde, hat nicht zuletzt auch mit seiner glücklosen und verschwenderischen Wirtschafts- und Finanzpolitik zu tun. Mit Blick auf den ungarischen Haushalt hinterlässt es Péter Magyar und seiner künftigen Regierung ein klaffendes Loch. Im ersten Quartal des laufenden Jahres wurden bereits 80 Prozent des Gesamtbudgets für 2026 aufgebraucht. In Anbetracht dieser dramatischen Schieflage wird die Regierung Magyar denn auch buchstäblich auf jeden Euro angewiesen sein.
Wohl deshalb reiste Magyar am vergangenen Mittwoch nach Brüssel, um mit EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen über die von der Kommission eingefrorenen EU-Gelder für Ungarn zu verhandeln. Diese Gelder werden zurückgehalten, weil die Regierung Orbán aus der Sicht Brüssels nicht nur systematisch gegen die Rechtsstaatlichkeit in Ungarn verstoßen, sondern mutmaßlich auch der Korruption im Land Tür und Tor geöffnet habe.
Aus dem EU-Wiederaufbaufonds stehen Budapest noch insgesamt 10,4 Milliarden Euro zu, die das Land bis Ende August abrufen muss. Ende Mai wollen Magyar, der voraussichtlich am 9. Mai als ungarischer Premier vereidigt wird, und von der Leyen ein „politisches Abkommen“ unterschreiben, das den Weg für die blockierten EU-Mittel freimachen soll. Damit erhoffen sich Magyar und seine künftige Regierung, das gigantische Haushaltsdefizit einigermaßen zu kompensieren.