Zwischen alten Blättern, trockener Erde und verwelkten Stauden aus dem Vorjahr grünt es: Kuckucksnelken, Schafgarben, Flockenblumen, Wundklee, Margeriten, Wilde Stiefmütterchen, Löwenzahn und Brennnesseln – noch blühen sie nicht, aber die Artenvielfalt auf dieser unscheinbaren Böschung am Rande der Käserei Woerle in Henndorf am Wallersee ist unübersehbar. Noch ein paar Tage und es wird hier ein buntes Durcheinander geben – und damit Nahrung für Wildbienen, Hummeln & Co. Ein Eck, das zwar nicht besonders schön, aber trotzdem wertvoll für die Artenvielfalt ist.

Die wilde Fläche ist Teil einer Mission, die Gerrit Woerle, Geschäftsführer der Privatkäserei, verfolgt: Der Betriebswirt, der seit 2020 die Käserei in fünfter Generation führt, will im Flachgau und im Mondseeland – dem Einzugsgebiet der Milchlieferanten von Woerle – möglichst viele solcher Inseln der Artenvielfalt erhalten. „Mein Ziel ist ein Mosaik an biodiversen Lebensräumen. Es soll so eng vernetzt sein, dass ein Gen-Austausch zwischen den Arten möglich ist“, sagt Woerle im Gespräch mit der „Presse am Sonntag“. Vor zehn Jahren hat er die Initiative „Artenvielfalt in Bauernhand“ ins Leben gerufen. In einer Landschaft, die traditionell stark von Milchwirtschaft geprägt und damit intensiv bewirtschaftet ist, sollen Trittsteine für Biodiversität entstehen.

Die Idee dazu hatte Woerle, als er eine Dokumentation über Wildbienen sah und sich fragte, ob es im Flachgau überhaupt noch welche gab. Er holte sich den Fachbereich Umwelt & Biodiversität der Uni Salzburg als Partner und initiierte eine Basiserhebung über Wildbienenarten im Flachgau. Es zeigte sich, dass es zwar noch zahlreiche Arten gab, die Populationen aber unter Druck sind. In einer Landschaft, in der gefühlt jeder Quadratmeter bewirtschaftet und bebaut wird, bleiben viele Organismen auf der Strecke. Da entstand die Idee, Lebensräume zu sichern, in denen Artenvielfalt möglich ist.

Dazu wollte Woerle die Landwirte ins Boot holen. Wiesen für Grünfutter und Heu kamen nicht in Frage. Das Wildbienen-Projekt hatte aber gezeigt, dass in den Randstrukturen von bewirtschafteten Flächen die Biodiversität tendenziell höher war. Die Lebensräume sollten auf jenen Flächen entstehen, die ohnehin wenig Ertrag bringen oder schwer zu pflegen sind: Böschungen, Hecken, Wegränder oder bewachsene Mittelstreifen von Feldwegen. „Jeder Betrieb hat solche Flächen“, war sich Woerle sicher.

Anfangs stieß er auf Ablehnung. „Die Landwirte hatten Angst, dass ihnen zusätzlich etwas verordnet wird“, erinnert sich der Unternehmer. Deshalb war klar: Wer mitmachen will, sollte das freiwillig tun. Einige Betriebe hatten Interesse und meldeten Flächen für „Artenvielfalt in Bauernhand“. Es sind oft nur wenige Quadratmeter, wo die Natur weitgehend sich selbst überlassen wird. Dort, wo nicht alles penibel gemäht, gejätet, gezupft, geschnitten und sauber gehalten wird, herrscht eine große Vielfalt von Tieren und Pflanzen. Dadurch wuchs der Stolz auf die Biodiversität am eigenen Hof. Ein Bauer habe vor Freude, dass auf seiner Wiese Knabenkraut wächst, alle Pflänzchen eingezäunt, um sie vor Beweidung zu schützen, erzählt Woerle.

Die Rettungsinseln wirkten ansteckend – auf der interaktiven Karte, auf der jedes Fleckchen eingetragen ist, sind mittlerweile 2.263 Flächen verzeichnet. Ursprünglich wollte Woerle bis zum Jahr 2030 auf 1.000 biodiverse Lebensräume in der Region kommen. Eine Marke, die schon 2024 erreicht wurde. Mittlerweile lautet das Ziel 5.000 Lebensräume bis 2030.

Auf speziellen Tafeln wird über die  Flächen informiert.

Auf speziellen Tafeln wird über die Flächen informiert. Woerle

Alle gemeldeten Flächen werden von einem Team von Woerle sowie einem externen Biologen geprüft. Gemeinsam wird überlegt, was im Sinne der Artenvielfalt verbessert werden kann. Die Bauern und Bäuerinnen erhalten Tafeln, mit denen sie ihre Fläche kennzeichnen und über Besonderheiten informieren können. Das macht die oft unscheinbaren Lebensräume sichtbar.

Das Unternehmen bietet außerdem Praxisworkshops für alle Interessierten an. Gemeinsam werden Insektenhotels oder Nistkästen gebaut. Man beschäftigt sich mit Maßnahmen, wie Engerlinge durch natürliche Feinde bekämpft werden können oder mit der Frage, welche Rolle Kuhfladen im ökologischen Kreislauf haben. „Wir wollen Bewusstsein schaffen und Praxistipps geben“, so Woerle. Bisher haben rund 1.700 Menschen teilgenommen.

Das Projekt wird wissenschaftlich begleitet, die Artenvielfalt hat nachweislich zugenommen: Von 63 Wildbienenarten im Jahr 2017 auf 147. Darunter auch Arten, die im Flachgau selten geworden sind – wie die Glockenblumen-Sägehornbiene, die Zweifarbige Sandbiene oder die Dichtpunktierte Goldfurchen-Biene. Und das, obwohl auf dem einen oder anderen Hof die junge Generation wilde Fleckchen stehen lässt, die von den Altbauern und -bäuerinnen dann doch noch nachgemäht werden – weil es nicht ordentlich ausschaut, erzählt Woerle augenzwinkernd. Auch das ist eine Frage der Bewusstseinsbildung.

Auf einen Blick

Artenvielfalt in Bauernhand wurde von der Privatkäserei Woerle im Jahr 2019 initiiert.

Ziel ist, gemeinsam mit Bäuerinnen und Bauern und zunehmend auch mit Privathaushalten bis zum Jahr 2030 insgesamt 5.000 biodiverse Lebensräume zu schaffen, um ein möglichst dichtes Netz zum Erhalt der Artenvielfalt im Flachgau und im Mondseeland zu weben.

Die 1889 gegründete Käserei in Henndorf arbeitet mit rund 440 bäuerlichen Betrieben, die Milch liefern. Bisher wurden 2.263 Lebensräume gemeldet, die in einer interaktiven Karte erfasst werden.

Die Erfahrung zeigt: Für viele Insektenarten sind kurze Distanzen entscheidend, oft nicht mehr als 100 Meter. Gerade deshalb kommt es auf die Vielzahl kleiner „Rettungsinseln“ an. Selbst ein Quadratmeter kann einen Unterschied machen.

Web: www.woerle.at/wirktweiter/projekt-artenvielfalt