Sommer in den griechischen Bergen. Zwei Freundinnen laufen high durch die brusthohen Farne, und ihre Beziehung hat sich gerade grundlegend gewandelt. Stergios Dinopoulos‘ und Krysianna B. Papadakis‘ Regiedebüt „Bearcave“ lässt sich auf die Frage ein, was die beiden jungen Frauen füreinander wagen würden.
Als Anneta Argyro zu einem Spaziergang drängt, erzählt sie ihr, dass sie schwanger ist. Ein Baby von ihrem Freund verändert alles an der Beziehung zwischen den Frauen, denn Anneta soll mit ihm in die Stadt ziehen. Daraufhin möchte Argyro endlich zur Bärenhöhle hinaufklettern, die sagenumwobene, vor welcher sie ihre Eltern stets warnten, welche ihre Neugierde schon seit Kindertagen im Bann hat. Dort findet sie etwas Furchteinflößendes, etwas Monströses.

Foto: Crossing Europe
Eine unmögliche Verbindung?
Auf den ersten Blick könnten die beiden unterschiedlicher nicht sein. Anneta ist frech, feminin, interessiert sich für die künstlerische Gestaltung ihrer Fingernägel und Mode. Argyro arbeitet auf dem Familienhof, fühlt sich tief mit den Tieren verbunden und versucht, sich patriarchalen Idealvorstellungen zu entziehen. Trotzdem besteht ihre Affäre miteinander, auch wenn sie ein gut behütetes Geheimnis bleibt.
Anneta unterliegt den Zwängen ihres Freundes und ihre Verstrickung mit Argyro löst sich auf. Die kokette Spannung zwischen ihnen, die vertraute Intimität, ihre sorgfältig erschaffenen Freiheiten unter den wachenden Augen der Dorfgemeinschaft müssen über Nacht zurückgelassen werden. Mit außergewöhnlichem Fokus erzählt der Film von den internen Konflikten und Entwicklungen der Protagonistinnen, ohne zuzulassen, dass den Männern, welche über ihre Leben zu entscheiden streben, zu viel Raum gelassen wird.
Von Brennnesselauflauf und einem selbstbestimmten Leben
Fast wie ein dritter Protagonist steht ein Brennnesselauflauf stets im Raum, denn an diesem steht oder fällt Annetas Zukunft: Wird sie Mutter oder nicht? Durch das von der Großmutter weitergegebene Hausmittel gegen ungewollte Schwangerschaften holt sie sich ihre Handlungsmacht zurück. Erst am Ende wird klar, ob sie ihn verzehrt oder nicht. Sei es in der erdrückenden Hitze der Stadt oder im idyllischen Grün der Berglandschaft, wir folgen Anneta und Argyro auf scheiternde Pfade, auf Versuche, einander und sich selbst wiederzufinden. Atmosphärische und immersive Shots lassen die von Schmerz und Begierde getränkten Tage sowie die schwüle Sommerluft fast auf der eigenen Haut spüren. Wie ein Sommernachmittag zieht der Film gemächlich an einem vorbei, zuweilen bis an die Grenzen der eigenen Geduld treibend, ohne jedoch jemals langweilig zu sein. Mit seiner ausnahmslosen Authentizität regt „Bearcave“ dazu an, zu hinterfragen, wie sehr die eigenen Entscheidungen und Lebensentwürfe von gesellschaftlichen Idealen bestimmt sind.
Fazit
Ein durchaus sehenswertes Spielfilmdebüt, das auf das große Drama verzichtet und mit stillen, ehrlichen Momenten überzeugt. Er lässt sich fragen, ob das, was Argyro in der Bärenhöhle begegnet, wirklich das Furchterregende ist, oder ob das Monströse nicht in der Außenwelt, in heteronormativen Erwartungshaltungen, steckt.

Arkoudotrypa/Bearcave
Regie: Stergios Dinopoulos, Krysianna B. Papadakis
Griechenland 2025, color, 127 Minuten
Griechisch, OmeU
Screening Crossing Europe 2026: So, 03.05., 11:15, Movie 1
