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Seite 1Diplomaten sind sie jedenfalls nicht

Seite 2Der Humor rückt in den Hintergrund

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Die Band tut das auf Fenian auch in Songs, die von ihren Auftritten bei Coachella und Glastonbury und der gescheiterten Intervention Keir Starmers handeln. Mit dem Konzert in der kalifornischen Wüste habe der Ärger angefangen, rappen Kneecap in Carnival. Seitdem werde ein Exempel an ihnen statuiert, weil sie unbequeme Wahrheiten über Gaza verbreiteten. Eine davon, diesmal auf Irisch vorgetragen, sei: »Ein Genozid findet statt / Wegen des Teufels Israel.« Ebenso harsch fällt ihre Wortwahl im Song Liar’s Tale aus: »Fuck Keir Starmer / Netanyahu’s bitch and genocide armer.« Der britische Premier als nützlicher Idiot und Geldgeber für Netanjahus Krieg – hier wieder auf Englisch gerappt, damit’s auch alle verstehen.

Um die Drastik dieser Zeilen einordnen zu können, braucht es einen Blick auf die Herkunft von Kneecap. In Irland und Nordirland fühlen sich große Teile der Bevölkerung den Anliegen der palästinensischen Bevölkerung verbunden, nicht zuletzt, weil sie eigene Anliegen darin wiedererkennen. Bis 1922 hat Irland – wie einst Palästina – unter britischer Fremdherrschaft gestanden, was das Selbstverständnis vieler Irinnen und Iren noch heute prägt. Man kann deshalb sagen: Wie Deutschland haben auch die irischen Staaten eine historisch gewachsene »Staatsräson«. Vor allem gilt das für jene sechs Grafschaften, aus denen sich Nordirland zusammensetzt und die bis heute zu Großbritannien gehören. Viele dort lebende Katholiken begreifen sich weiterhin als kolonialisiert. Auch Kneecap stammen aus Nordirland, dem sie auf Fenian das Stück Occupied 6 widmen.

Der Einsatz für ein vereintes, unabhängiges Irland war lange Zeit das Kernanliegen der Band. Kneecap fordern die Stärkung der irischen Sprache, kritisieren Großbritannien als Kolonialmacht und erinnern an den Nordirlandkonflikt. Auch auf Fenian klingen diese Themen an: Sie sind Teil eines Programms, das in republikanischen irischen Kreisen vollkommen unkontrovers ist. Ihre letzte Tour beendeten Kneecap in Dublin mit zwei Konzerten vor insgesamt 24.000 Zuschauern. Unzweifelhaft ist die Band zu einer nationalen Größe herangewachsen.

Die bessere Duolingo-App

Teile von Fenian kann man, wie alle bisherigen Veröffentlichungen von Kneecap, als subkulturellen Irischunterricht hören. Wer sich wappnen will für eine Nacht in den Clubs von Belfast oder Dublin, wird in den Songs der Band deutlich lebensnaher instruiert als von der Duolingo-App. Partys und Flirts bleiben ein Fachgebiet von Kneecap, auch wenn der Humor, der Fine Art und ihr Biopic ausgezeichnet hatte, diesmal deutlich in den Hintergrund rückt. Die eigene Geschichte und die ihres Landes sind einfach zu ernst: Einmal vergleicht die Band ihr Mitglied Mo Chara mit Gerry Conlon, einem Helden des irischen Widerstands. 1975 war Conlon nach einem Bombenanschlag der IRA von einem britischen Gericht zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Erst 14 Jahre später konnte seine Unschuld bewiesen werden, und Conlon kam frei.

Als sie noch eine nordirische Nischenband waren, taugten Kneecap höchstens deshalb zu Skandalen, weil sie in ihren Songs regelmäßig Drogen- und Alkoholkonsum verherrlichten. Mit den internationalen Bühnen kam die internationale Aufmerksamkeit – und offenbar auch das Bedürfnis, sich stärker zu internationalen Konflikten zu äußern. In Großbritannien, wo die Positionen von Kneecap vor allem in linken und subkulturellen Kreisen weitverbreitet sind, bringt ihnen das inzwischen Vergleiche mit den Sex Pistols ein. Endlich will man dort wieder eine Band gefunden haben, die sich gegen das Establishment richtet und dabei so forsch vorgeht, dass sie echte Empörung auslöst. Nur noch selten entwickeln Pop-Phänomene diesen Punkspirit, die Faszination für Kneecap erklärt sich wohl auch daraus.

Dass die Band dennoch keine Bewegung in unversöhnlich geführte Nahostdebatten bringen kann, ist aufgrund ihrer kompromisslosen Wortwahl keine Überraschung. Eher illustrieren Kneecap mit Fenian den festgefahrenen Zustand dieser Debatten – und die Ermüdungserscheinungen, die sie längst auf allen Seiten auslösen. Im oben erwähnten Song Liar’s Tale, der Keir Starmer als Geldgeber eines Genozids bezeichnet, gibt es auch eine Passage, in der Kneecap darüber rappen, sich aufs Land zurückziehen zu wollen. Statt in der Öffentlichkeit für ihre Überzeugungen zu kämpfen, würden sie manchmal lieber vom Radar verschwinden, im Meer schwimmen und danach ein Pint im Pub bestellen. Vielleicht bringen sie damit sogar ein Gefühl zum Ausdruck, auf das sich Fürsprecher und Kritiker der Band einigen können.

»Fenian« von Kneecap ist bei Heavenly/Pias/Universal erschienen.