Der schottische Autor, Komiker und Schauspieler Richard Gadd spricht im Interview über seine neue Serie „Half Man“, seinen vorangegangenen Welterfolg „Rentierbaby“ und die Angst davor, die hohen Erwartungen an sein zweites Werk zu enttäuschen.

Noch vor ein paar Jahren war der Name Richard Gadd jenseits der britischen Comedy-Szene kaum jemandem ein Begriff. Dann verarbeitete der 1989 geborene Schotte eigene Erfahrungen zu der Miniserie „Rentierbaby“, die bei Netflix zu einem unerwarteten Welterfolg wurde. Zwei Jahre später legt der Autor und Schauspieler mit „Half Man“ einen neuen Sechsteiler vor, seit 24. April zu sehen bei HBO MAX.

Die Presse: Vor zwei Jahren wurden Sie mit der ­autobiografisch inspirierten Miniserie „Rentierbaby“ vom leidlich bekannten Komiker zum weltberühmten Emmy-Gewinner. Die Idee für „Half Man“ hatten Sie da schon in der Schublade, richtig?

Richard Gadd: Zumindest in vorläufiger Form, ja. So um 2019 herum wurde viel über Männer diskutiert, über männliche Gewalt, unterdrückte männliche Gefühle und ähnliches. Damals hatte ich erstmals den Gedanken, von diesen Themen anhand zweier Männer zu erzählen, die beide in ihrer Maskulinität in gewisser Weise gebrochen sind. Ich wollte einen Blick auf ihre Kindheit und Jugend werfen und so kontextualisieren, wie sie wurden, wie sie sind. Die meisten Ideen, die mir in den Sinn kommen, verflüchtigen sich schnell wieder. Aber diese ging mir nicht aus dem Kopf. Also zückte ich mein Telefon und schrieb die erste Szene zwischen diesen beiden Männern, die nun praktisch auch eins zu eins noch so in „Half Man“ zu sehen ist.

Das war vermutlich ein Segen, denn ein Welterfolg wie „Rentierbaby“ hat ja nicht selten zur Folge, dass es die Entscheidung, was man als Nächstes macht, nicht gerade leicht macht.

Dessen war ich mir nur allzu bewusst. Die einen sonnen sich ein bisschen zu lange im ungewohnten Rampenlicht und verpassen die Hälfte der Türen, die sich plötzlich geöffnet haben. Und die anderen haben so viel Respekt vor dem nächsten Schritt, dass sie fast paralysiert sind. Gerade die Sorge, die Erwartungen anderer Leute zu enttäuschen, kenne ich nur allzu gut. Dass ich die längste Zeit über eigentlich nicht vorhatte, in „Half Man“ selbst Ruben, einen der beiden Protagonisten, zu spielen, hatte zum Beispiel viel damit zu tun, dass ich die Sorge hatte, dieser Mann sei viel zu weit weg von mir selbst und dem, was man von mir kennt. Aber das sind eben Ängste, die eigentlich keine Berechtigung haben. Also habe ich mir nach „Rentierbaby“ nicht zu lange den Kopf zerbrochen, sondern eben diese Idee wieder aufgegriffen und mich mit Wonne ins Risiko gestürzt.

Stimmt es, dass es Ihr zweiter Hauptdarsteller Jamie Bell war, der darauf drängte, dass Sie Ruben selbst spielen?

Er war zumindest der Erste, der das offensiv vorschlug, als er Interesse an dem Projekt bekundete. Wobei auch die BBC und HBO kein Hehl daraus machten, dass sie es begrüßen würden, wenn ich bei dieser Serie nicht nur der Autor bin.

Bei „Rentierbaby“ war die Geschichte des Protagonisten recht eng an Ihre eigenen Erfahrungen angelehnt. War die Tatsache, dass der brutale, von Wut getriebene und hypermaskuline Straftäter Ruben in „Half Men“ nun so ganz anders ist, letztlich vielleicht auch eine Erleichterung?

Ich muss vielleicht noch einmal betonen, dass auch Donny Dunn in „Rentierbaby“ alles andere als ein bloßes Abbild meiner selbst war. Ganz so ein ausgemergelter Neurotiker war ich dann doch nie. Donny war eine stark fiktionalisierte Figur, die auf einer Version vor mir selbst basierte, die wiederum Jahre zurücklag. Aber klar, Ruben ist nun wirklich noch viel offensichtlicher anders als ich. Nicht nur, was seine körperlichen Ausmaße und sein Aussehen angeht, sondern auch bei dem, was er mir psychologisch und emotional abverlangt hat.

Ist Ihnen der von Bell gespielte Niall, ein sanfter, traumatisierter und verschlossener schwuler Mann, letztlich näher?

Einige der Kämpfe, die Niall mit sich selbst ausfechtet, sind mir auf jeden Fall vertrauter. Identitätskrisen und der Versuch, mein wahres Ich zu finden und damit klarzukommen – das hat auch mich in meinem Leben lange beschäftigt. Aber auch Ruben hat Schwierigkeiten, die es bis zu einem gewissen Grad früher in meinem Leben gab, etwa die Unfähigkeit, die Vergangenheit loszulassen. Letztlich aber sind beide ziemlich weit weg von mir, zumindest im heutigen Stadium meines Lebens. So anfällig für emotionalen Überdruck bin ich schon lange nicht mehr.

Sie haben viel an sich und Ihren Gefühlen gearbeitet. Wann haben Sie realisiert, dass das eine Notwendigkeit ist?

Irgendwann kam einfach der Punkt, an dem ich gemerkt habe, dass ich nicht mehr weiter alles herunterschlucken und verdrängen konnte. Als Komiker stand ich auf der Bühne und machte alberne Sachen mit Perücken und kuriosen Requisiten, so ähnlich, wie man das in „Rentierbaby“ sieht. Wobei ich vielleicht einmal betonen sollte, dass ich in meinen Augen nie ein so schlechter Comedian war, wie es die Serie vermittelt. Jedenfalls gab es da diese verrückte, witzige Fassade von mir, doch dahinter trug ich verdammt viel Schmerz, Trauma und Verwirrung mit mir herum. Das konnte auf Dauer nicht gut gehen.

Also haben Sie was gemacht?

Mir war klar, dass ich mit anderen Menschen sprechen musste, wenn ich nicht kaputtgehen wollte. Meine Mutter war die Erste, der ich mich geöffnet habe. Dann folgten ein paar enge Freunde. Irgendwann merkte ich, wie sehr es mir half, all diese Dinge auch in meiner Arbeit zu thematisieren. All die Geheimnisse, die ich mit mir herumtrug, die Dinge, die ich erlebt und erlitten hatte, all meine Gefühle, denen ich allein nicht Herr wurde. Das fand erst seinen Weg in meine Bühnenshows, und nun spreche ich darüber eben auch in Serien, die von Millionen von Menschen auf der ganzen Welt gesehen werden.

„Half Man“ macht recht deutlich, dass Männlichkeit auch immer viel mit Performativität zu tun hat.

Ja, wir Männer und letztlich wohl allgemein männlich gelesene Personen neigen dazu, einen Raum zu betreten und als Erstes zu überlegen: Wie kann ich hier bestehen und auffallen? Wie sorge ich dafür, dass ich hier in der Hackordnung möglichst weit oben stehe? Also machen wir Witze und prahlen herum, werden immer lauter oder besserwisserisch. Das ist alles meistens performativ, und in der Regel entspringt diese Performance einer großen Verletzlichkeit und Verunsicherung. In dieser Hinsicht ist das Leben als Mann nicht selten ein einziges Paradox.

Steckbrief

1989 wurde Richard Gadd in der schottischen Ortschaft Wormit geboren. Er begann seine Karriere mit Stand-up-Comedy und feierte damit beachtliche Erfolge, vor allem in Großbritannien.

2024 wurde er mit der Miniserie „Rentierbaby“ zum internationalen Star. Die Netflix-Produktion wurde unter anderem mit fünf Emmys ausgezeichnet. Nun legt Gadd mit „Half Man“ seine neue Serie vor, die bei HBO MAX zu sehen.

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