Zwischen Schattenseiten und Lichtblicken: „There Is Nothing In The Dark That Isn’t There In The Light“, das Soloalbum von Tom Smith, atmet den Geist des Subtilen. Nach Jahren vergeblicher Anläufe ist uns nun das seltene Glück zuteilgeworden, ein Gespräch mit dem sonst so medienscheuen Briten zu führen. Über das, was bleibt, wenn das Flutlicht ausgeht.
Während der Editors-Frontmann sonst für dystopische Panoramen bekannt ist, schlägt er nun leisere, persönlichere Töne an. Dem 45-Jährigen sind zahlreiche feinfühlige Lieder aus der Feder geflossen – schlichte Stücke, die eine unerwartete Sanftmut und Geborgenheit ausstrahlen. Das bereits im vergangenen Winter veröffentlichte Album ist heilsam schön; die großen, dramatischen Gesten seiner Hauptband aus Birmingham sucht man hier allerdings vergebens. Stattdessen setzt Smith auf eine kaminfeuerwarme Klangästhetik, die intim, eingängig und von einem anrührenden Folk-Feeling getragen ist. Es ist Musik, die perfekt in die lichtarme Jahreszeit passt und dabei ganz seine voluminöse, zartbittere Baritonstimme ins Zentrum rückt. Inhaltlich wendet sich Smith von den düsteren Zukunftsvisionen der Editors ab und konzentriert sich auf das Private. Das Album reflektiert Themen wie das Vatersein, Selbstzweifel und den inneren Frieden. Diese reife Auseinandersetzung mit der eigenen Vergänglichkeit und dem Unvollkommenen wirkt trotz ihrer Tiefe befreiend, nicht belastend.
Ein Interview mit Tom Smith über den langen Entstehungsprozess der Platte und den Mut, den es ihn kostete, die gewohnte Klangwand der Band hinter sich zu lassen. Das Gespräch verdeutlicht, dass dieses Werk sein bisher persönlichstes ist und genau zum richtigen Zeitpunkt das Licht der Welt erblickt hat.

Cover
subtext.at: Tom, welche neuen Erkenntnisse hast du durch die Arbeit an deinem Soloalbum über dich selbst erfahren?
Tom Smith: (überlegt) In vielerlei Hinsicht hat sich mein Songwriting-Prozess nicht von der Arbeit mit den Editors unterschieden. Ein Song entsteht bei mir normalerweise immer dann, wenn ich mich zurückziehe. In dieser Stille liegen die Anfänge all meiner Lieder. Normalerweise präsentiere ich diese Entwürfe dann der Band und wir schauen gemeinsam, wie sie sich entwickeln und welche finale Form sie annehmen. Durch die Gruppendynamik werden sie dann meistens größer und epischer. Für mein Soloalbum schwebte mir jedoch vor, genau diese puristischen Anfänge viel stärker in den Fokus zu rücken.
Das bedeutet natürlich auch, dass von vornherein weniger Leute involviert sind. (überlegt) Bei den Editors gibt es eine gewisse Ambiguität, eine Dramatik, manchmal sogar eine Prise Theatralik – ich meine, wir sind immerhin eine Rockband! (lächelt) Das führt dazu, dass bestimmte persönliche Aspekte eher in den Hintergrund rücken, was bei einer Banddynamik auch völlig normal ist. Zusammen mit meinem Produzenten Iain Archer (Snow Patrol, Liam Gallagher, James Bay) wollte ich dieses Mal nicht ganz so weit gehen. Die Platte ist spürbar persönlicher, weil ich diesen ersten, intimen Moment des Entstehens bewahrt habe. Das war durchaus eine neue Erkenntnis für mich. Ich habe einige Zeit gebraucht, um mich dieser Vorstellung zu stellen und sie schließlich auch anzunehmen.
subtext.at: Nimmt man das ganze Drumherum weg, die Schichten aus Synthesizern, die lauten Drums und die Energie der Band – was kam in der Stille zum Vorschein, das dich am meisten überrascht hat?
Tom Smith: Nun, der erste Track war „Deep Dive“, der auch das Album eröffnet. Selbst wenn man eine akustische Platte aufnehmen möchte, ist das Feld ja trotzdem sehr breit gefächert. Soll sie eine gewisse klangliche Weite repräsentieren? Wie sollen die Gitarren klingen? Welche Tiefe möchte man vermitteln? „Deep Dive“ hat von Anfang an diesen einen Moment festgehalten, wo Iain und ich hinwollten. Der Song hat den Weg für unsere Zusammenarbeit geebnet. Wir konnten es beide fühlen. Noch bevor ich genau wusste, welches Endresultat ich erzielen wollte, kristallisierte sich die Richtung bereits heraus (lacht). Ich wollte nichts anderes mehr machen.
subtext.at: Deine volle, stets wiedererkennbare Stimme funktionierte für mich oft wie der „rote Faden“, der die teils drastischen Genre-Wechsel der Editors zusammenhielt.
Tom Smith: Das kann ich sehr gut nachvollziehen.
subtext.at: Hast du nun irgendwie versucht, diesen Ankerplatz zu verlassen oder wolltest du bewusst die größte Nähe zum Hörer aufbauen?
Tom Smith: Als Sänger hegt man natürlich Ambitionen und man verspürt diesen Drang, immer noch eine Schippe draufzulegen. Stimmlich möchte man über sich hinauswachsen. Mit den Editors war jedes Album eine bewusste Grenzerfahrung – wir wollten in Ecken vordringen, die uns selbst herausfordern. (hält inne) Bei meinem Soloalbum fühlte es sich nicht angemessen und nicht richtig an, die Emotionen herauszubrüllen (lacht). Es ging mir nicht um Volumen, sondern um Präsenz.
Leise Töne, große Wirkung
subtext.at: Du hättest auch in diese Richtung gehen können. Stimmlich bist du ja dazu in der Lage.
Tom Smith: Ich weiß nicht, ob ich das könnte (lacht). Weißt du, es fühlte sich für mich einfach sehr natürlich an, einen Schritt zurückzutreten und die Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Bei meinen Shows gibt es zwischen den Songs – während ich meine Gitarre stimme – oft diese ganz spezielle, fast greifbare Stille. Das Publikum hält den Atem an und wartet gespannt. Ich glaube, ich werde dieses Gefühl nie ganz loslassen können, denn auch auf dem neuen Album finden sich diese Leerstellen. Jeder Song hat den Raum bekommen, den er braucht. Momente des Schweigens, die dem Material erlauben zu atmen und für sich zu stehen. Ich singe leiser, so simpel ist das eigentlich. Diesmal fühlte es sich einfach richtig an, diesem leisen Weg zu folgen.
subtext.at: Manchmal braucht es einen Tapetenwechsel, um die kreative Ader wieder freizulegen. War das bei dieser Platte der Fall? Haben dir bestimmte Orte geholfen, die Songs zu verwirklichen? Du singst ja beispielsweise von New York City.
Tom Smith: Ich bin mir nicht sicher, ob es an einem spezifischen Ort lag. (überlegt) Beim letzten Editors-Album war ich persönlich weniger involviert als bei den Platten davor. Ben (Power, Anm. d. Red.) stieß zur Band und zum ersten Mal gab es Songs, die bereits von jemand anderem geschrieben worden waren. „EBM“, unser letztes Studioalbum, wurde dadurch zu einer Reflexion dieser neuen Konstellation – was aus meiner Sicht gut war. Deshalb ist es auch so elektronisch und körperlich ausgefallen. Aber wie gesagt, was das Fundament der Entstehung betrifft, war ich weniger beteiligt.
Nach dieser Platte wusste ich also, dass ich etwas außerhalb der Band machen wollte. Ich war unsicher, ob es ein weiteres Album mit Andy (Burrows, Anm. d. Red.) als Smith & Burrows wird oder etwas völlig anderes. Doch während der Zeit mit Andy realisierte ich, dass auch das nicht der Weg war, den ich einschlagen wollte. Ich liebe dich, Andy, aber es war nicht das, was ich gerade tun wollte (lächelt). Es war also keine Reaktion auf einen Ort, sondern eine Reaktion auf mich selbst zu einem bestimmten Zeitpunkt in meinem Leben. Vielleicht hat es mit dem Älterwerden zu tun. Es hat sich eine Akzeptanz in mir breitgemacht, dass ich in kreativer Hinsicht nun auch mal egoistischer sein darf. Ich wollte etwas machen, das trauriger klingt. Weniger von allem, aber mehr von mir selbst. Es hat eine Weile gedauert, bis ich diese Erkenntnis zugelassen habe.
subtext.at: In „Deep Dive“ singst du „Your Sadness is an art/ That is helpless in the time“. Ist Musik der größte Katalysator, um mit der Traurigkeit und Einsamkeit des Lebens fertig zu werden?
Tom Smith: Es hilft einem wirklich, über diese Gefühle schreiben zu können. Ehrlicherweise hilft es aber auch genauso sehr, sich überhaupt Lieder anzuhören.
Es ist vollkommen in Ordnung, wenn meine Texte unterschiedliche Positionen einnehmen

© Edith Smith
subtext.at: Traurige Lieder?
Tom Smith: Meistens sind das traurige Lieder, ja (lächelt). Das ist eine Konstante in meinem Leben. Es verschafft mir eine Art Katharsis, auch wenn das dramatisch klingen mag. Wenn ich schreibe und eine emotionale Verbindung zur Melodie spüre, wirkt das wie Sauerstoff – es ist das, was mich weitermachen lässt. Diese kleinen Augenblicke, wenn etwas am Entstehen ist. Gleichzeitig geht es darum, den richtigen Song zum richtigen Zeitpunkt zu finden. Er kann eine Situation völlig verwandeln, einen beflügeln oder eine unerwartete emotionale Reaktion auslösen. Das ist eine zutiefst menschliche Erfahrung.
Ich bekomme diese Reaktionen durch die Musik, denn sie löst bei mir weiterhin solche Dinge aus. Selbst im Vergleich zum Mainstream – und ich sehe mich eher im Alternative-Spektrum – bleibt dieser Kern gleich. Ich vermute, für jemanden, der Harry Styles hört, bin ich eine völlig unbekannte Größe. Leute, die seine Platten kaufen, haben wohl noch nie von mir gehört. Doch wenn man dieses Klientel nach dem Lieblingssong fragt, nennen sie bestimmt ein trauriges Stück. Das Genre spielt hier wirklich keine Rolle. Traurige Songs haben einfach eine ganz besondere Wirkung auf einen, was wirklich beeindruckend ist.
subtext.at: Vor einigen Jahren hast du folgendes gesungen: „Life is a fear of falling, life is a fear of falling through all the cracks.“ Auf deinem Soloalbum singst du hingegen: „There’s nothing to fear, light it up, light it up.“
Tom Smith: Bei der nächsten Platte werde ich erneut diesen weniger optimistischen Weg einschlagen (wirkt amüsiert und lacht)!
subtext.at: Hat sich deine Sichtweise aufs Leben geändert?
Tom Smith: (überlegt) Weiß du, meine Sichtweise aufs Leben ändert sich jeden Tag. Nichts ist festgefahren oder in Stein gemeißelt. Meine Songs sind nicht dazu gedacht, dass man sein Leben nach ihnen ausrichtet. Es gibt keine Regeln. Es ist auch nicht besonders wichtig, was ich eigentlich aussagen wollte oder was ich mir beim Schreiben gedacht habe – Es sind einfach Momentaufnahmen. Ich könnte morgen aufwachen und mich schrecklich fühlen. Oft tue ich das auch – besonders, wenn ich morgens die Nachrichten höre und sehe, was in der Welt passiert. Man fühlt sich so hilflos.
Oder ein Freund erzählt mir etwas, das mich auf andere Gedanken bringt. In diesem Zusammenhang denke ich, dass es Licht und Hoffnung gibt. Es sind diese kleinen Dinge, die einem das immer wieder vor Augen führen. Es kommt bei mir also darauf an, mit welchem Fuß ich gerade zuerst aus dem Bett gestiegen bin (lacht). Oder mit wem ich spreche. Oder was gerade in der Welt passiert. Die Welt steckt voller Widersprüche. Es ist vollkommen in Ordnung, wenn meine Texte unterschiedliche Positionen einnehmen.
subtext.at: Dein Soloalbum verhält sich hingegen gar nicht widersprüchlich. Es vermittelt mir den Eindruck einer wohligen, warmen Decke. Man fühlt sich gut aufgehoben und geborgen. Dieses Gefühl hattest du aber nicht im Sinn, es ist einfach passiert?
Tom Smith: Ganz genau. Es ist organisch gewachsen. Mir wurde klar: Wenn ich dieses Album nicht jetzt mache, in meinen Vierzigern, dann mache ich erst noch eine Platte mit Andy und noch eine mit den Editors – und eh ich mich versehe, bin ich plötzlich 50 (lächelt). Diese Gedanken spielten eine Rolle. Ich habe mir diesmal bewusst viel Zeit für mich genommen, um zu schreiben und diese traurigen und zugleich hoffnungsvollen Momente voll auszukosten. Melancholischer Optimismus eben. (überlegt) Wenn einen die Inspiration ergreift, muss man sie festhalten und sein Ding durchziehen. Das ist ein unglaublich kraftvoller Prozess.
subtext.at: Du hast auf deinem Album die Zeile verewigt: „You’ll heal eventually.“ Steht das Album in dieser Hinsicht für die Narben deiner Vergangenheit oder fungiert es eher als Heilmittel für die Gegenwart?
Tom Smith: Für mich persönlich hatte dieses Album definitiv eine heilende Wirkung. Absolut. (überlegt) Ich würde gerne sagen, dass ich an dieser Platte gewachsen bin, aber das klingt fast schon wieder zu dramatisch. Dennoch hatte die Arbeit einen tiefgreifenden Effekt auf mich als Künstler und Songwriter. Letztlich baut alles aufeinander auf: Ohne die Erfahrungen mit den Editors wäre ich heute nicht an diesem Punkt. Das Album ist im Grunde die Quintessenz meiner bisherigen musikalischen Laufbahn. Ich bin wirklich stolz darauf und genieße es sehr, diese Songs nun in einem intimeren Rahmen live zu präsentieren.
subtext.at: Du hast auch Songs der Editors in dein Set integriert. Nach welchen Kriterien wurden diese von dir ausgewählt? Sind es deine persönlichen Lieblingssongs?
Tom Smith: Ich würde sagen, dass ich gerne Songs spiele, die das Publikum hören möchte – das ist mir ein echtes Anliegen. Gleichzeitig gibt es mir die Chance, bestimmte Lieder in einem neuen Kontext zu betrachten. Das finde ich spannend. Es sind auch Songs dabei, die bei Spotify nicht unbedingt auf den obersten Plätzen ranken, die für mich aber in diesem Rahmen hervorragend funktionieren. Ich weiß nicht genau warum, aber insbesondere die Stücke unseres vierten Albums, „The Weight Of Your Love“, haben sich hier einfach angeboten. (überlegt) Manches funktioniert, manches nicht. Man muss experimentieren und den Dingen eine Chance geben.
subtext.at: Die Auswahl deiner Ergänzungen aus dem Editors-Repertoire harmoniert jedenfalls perfekt mit dem Material deines Soloalbums.
Tom Smith: Schön, dass du es so empfindest. Mir war extrem wichtig, dass die Stücke eine Einheit bilden. Nach 20 Jahren mit der Band zahlt es sich einfach aus, dass ich nun aus dem Vollen schöpfen kann (lacht)! Dass die Leute noch immer interessiert sind, finde ich auch wirklich, wirklich cool.
subtext.at: Zu guter Letzt möchte ich noch von dir wissen, wie es Wien in den Editors-Song „A Ton Of Love“ geschafft hat. Das interessiert mich schon ewig. Im Text wird Wien erwähnt, direkt gefolgt von New York. Was hat es damit auf sich?
Tom Smith: (lächelt) Ich habe keine Ahnung! Ich muss den Song etwa 2011 geschrieben haben. Vielleicht hat es ja mit dem Gasometer zu tun? Dort haben wir bestimmt schon an die dreißigmal gespielt (lacht laut)! Jedes Mal waren die Sitzplätze oben auf dem Balkon abgehängt. Es gibt diesen bandinternen Joke, dass wir es eines Tages schaffen werden, das Gasometer wirklich restlos auszuverkaufen!
subtext.at: Ich habe echt keine Ahnung, weshalb das so ist. Ich kann es mir nicht erklären.
Tom Smith: Nein, das passt schon, versteh mich nicht falsch. Es ist einfach ein Running Gag innerhalb der Band (lacht). Woher die Idee, ausgerechnet Wien zu erwähnen, konkret stammt, weiß ich wirklich nicht mehr. Mit diesem Song wollte ich eine bestimmte Form von Energie heraufbeschwören. Ich wollte genau darauf deuten (tippt mehrmals mit dem Zeigefinger auf den Tisch). Auf dieses eine Gefühl. Europa hat unsere Band ja stets mit offenen Armen empfangen. Die USA hingegen nicht (lacht). Vielleicht wollte ich auch über eine gewisse Unsicherheit schreiben. Wir haben schon oft hier bei euch gespielt und es war stets wundervoll.
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