Es soll ein „einfacher“ Sorgerechtsstreit werden. Doch im Gericht entladen sich in steriler Amtsatmosphäre immer mehr Offenbarungen zwischen den Eltern, die in diesem Film große Dramatik heraufbeschwören.
Alice muss vor Gericht – und das gemeinsam mit ihren beiden Kindern Étienne und Lila, denn deren Vater klagt auf Sorgerecht. Alice soll seine Kinder bewusst von ihm fernhalten, heißt es in der Anschuldigung. Doch hinter dieser Behauptung liegt so viel mehr. Ein strafrechtliches Verfahren gegen den Vater läuft bereits im Hintergrund, doch das soll laut Gesetz hier nicht wirklich eine Rolle spielen – obwohl es das dringend sollte. Die mit der Situation überforderte Mutter und Protagonistin darf sich also keinen Raum für Fehler erlauben. In seinen knapp 80 Minuten erzählt We Believe You den Gerichtsprozess in peinigender Detailgenauigkeit, mit all seinen Facetten und Emotionen.

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Einschneidender Schnitt
We Believe You ist ein Film, der sich seinem Thema auf minimalistische Weise nähert. Nichts wird unnötig ausgeschmückt, aber auch nichts gekürzt. Eine Herangehensweise, die vor allem für einen Debüt-Langfilm mehr als ambitioniert ist. Umso überraschender ist es, wie packend der entstandene Film über seine gesamte Laufzeit hinweg bleibt. Hauptsächlich sieht man Talking-Heads von Mutter und Vater im steril-weißen Gerichtssaal, gemeinsam mit ihren rechtlichen Vertretern.
Was zunächst eintönig klingen mag, eröffnet eine immense Emotionswelt, die ihresgleichen sucht. Das Schauspiel von Myriem Akheddiou ist eine absolute Wucht – jedes kleinste Muskelzucken im Gesicht überträgt sich auf den eigenen Puls. Der Schnitt weiß dabei zu jeder Zeit genau, welche Reaktion oder welcher Dialog gerade am wichtigsten zu beobachten ist. Das ist ganz große Kunst.
Nervositätsspirale
Das Drehbuch ist eine weitere große Stärke. Eine derart komplexe Geschichte zu schreiben, ist eine Leistung, die größtes Lob verdient. Mit jedem Sprecherwechsel fürchtet man um das Schicksal der Kinder, schöpft Hoffnung – nur um sie in der nächsten Szene wieder brutal zu verlieren.
Wichtig sind hier jedoch Triggerwarnungen, die man sich vor dem Film ansehen sollte. An dieser Stelle wird nicht gespoilert, und es wird im Film auch recht schnell klar, in welche Richtung es geht. Dennoch wäre es am besten, völlig unvorbereitet in den Saal zu gehen. Dann entfaltet die Geschichte ihre volle emotionale Wucht und zieht einen komplett in ihren Bann.
Meisterleistung
Schnitt, Drehbuch und Schauspiel wurden bereits lobend erwähnt. Doch vor allem die Regie von Charlotte Devillers & Arnaud Dufeys muss hervorgehoben werden. Devillers arbeitet selbst im Sozialbereich, weshalb sie vermutlich ein besonders geschärftes Auge für solche Fälle hat. Gemeinsam mit der Kamera entsteht hier eine Ebene der Filmgestaltung, die kaum besser sein könnte. Die Kamera steht stets am richtigen Ort, die Kompositionen sind schlicht, aber immer bewusst gewählt und präzise umgesetzt. Selbst Tonalitätswechsel werden mit Leichtigkeit gemeistert. Ein Film also, der auf ganzer Linie überzeugt.
Fazit
We Believe You ist ein Film, der in all seinen Aspekten die bestmögliche Erzählung eines so harten und mitnehmenden Themas liefert. Mit technischer Präzision und grandiosem Schauspiel wird eine Gefühlswelt offenbart, die selten so einnehmend ist. Das ist Kino, wie es sein soll.

On vous croit / We Believe You
Regie: Charlotte Devillers, Arnaud Dufeys
78 Minuten, Französisch
Mit Myriem Akheddiou, Laurent Capelluto
