Neuropathie Hand

Oxaliplatininduzierte periphere Neuropathie als persistente therapielimitierende Nebenwirkung

Oxaliplatin ist ein zentraler Bestandteil adjuvanter Chemotherapieregime (FOLFOX/CAPOX) beim Kolorektalkarzinom  und wirksam in der Reduktion des Rezidivrisikos. Gleichzeitig ist die Substanz mit einer hohen Inzidenz peripherer Neuropathien assoziiert, die sich klinisch durch Taubheit, Kribbeln und sensorische Störungen der Extremitäten äußern und die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen können. Diese Symptome persistieren bei einem relevanten Anteil der Patienten auch nach Abschluss der Chemotherapie und können funktionelle Einschränkungen sowie soziale und berufliche Folgen nach sich ziehen. Trotz intensiver klinischer Forschung existiert bislang keine etablierte pharmakologische Präventionsstrategie für die oxaliplatininduzierte periphere Neuropathie.

Duloxetin als möglicher Ansatz zur Prävention von OIPN

Duloxetin ist ein Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer, der in randomisierten Studien eine Wirksamkeit bei der Behandlung schmerzhafter chemotherapieinduzierter Neuropathien gezeigt hat und daher in Leitlinien zur Therapie bestehender Symptome empfohlen wird. Präklinische und klinische Daten legen nahe, dass Duloxetin zusätzlich peripher wirkende Effekte auf spannungsabhängige Natriumkanäle ausübt, die an der Entstehung neuropathischer Symptome beteiligt sind. Vor diesem Hintergrund zielte die multizentrische, randomisierte, doppelblinde Phase-II-Studie Alliance A221805 darauf ab, zwei Dosierungen von Duloxetin hinsichtlich ihres Potenzials zur Prävention sensorischer oxaliplatininduzierter Neuropathien zu untersuchen und gleichzeitig das Sicherheitsprofil der Substanz in diesem Setting zu charakterisieren.

Randomisiertes Phase-II-Studiendesign zur Prüfung zweier Duloxetin-Dosierungen

In die Studie wurden 199 Patienten mit Kolorektalkarzinom im Stadium II oder III eingeschlossen, die keine vorbestehende Neuropathie aufwiesen und eine oxaliplatinhaltige adjuvante Chemotherapie erhielten. Die Randomisierung erfolgte im Verhältnis 1:1:1 auf Duloxetin 30 mg einmal täglich, Duloxetin 60 mg einmal täglich oder Placebo. Die Studienmedikation begann am ersten Tag des ersten Chemotherapiezyklus und wurde über insgesamt 17 Wochen einschließlich einer Ausschleichphase verabreicht. Primärer Endpunkt war ein zusammengesetztes Maß zur Bewertung sensorischer Neuropathiesymptome, erhoben mittels validierter patientenberichteter Fragebögen zu Taubheit, Kribbeln und Schmerzen an Händen und Füßen.

Vergleichbare Raten milder sensorischer Symptome unter Duloxetin und Placebo

Von den 199 randomisierten Patienten waren 143 gemäß modifiziertem Intention-to-treat-Kriterium für die primäre Wirksamkeitsanalyse auswertbar. Ein Ansprechen lag vor, wenn während des Beobachtungszeitraums ausschließlich keine oder nur gering ausgeprägte sensorische Neuropathiesymptome berichtet wurden. Dieses Kriterium erfüllten 65,2 % der Patienten im Duloxetin-30-mg-Arm (90- %-Konfidenzintervall [KI] 52,1–76,8 %), 66,0 % im Duloxetin-60-mg-Arm (90- %-KI 53,0–77,4 %) und 68,0 % im Placeboarm (90- %-KI 55,5–78,8 %). Damit zeigte sich kein numerischer oder statistisch relevanter Unterschied zwischen den Behandlungsgruppen. Sensitivitätsanalysen zur Berücksichtigung fehlender Nachbeobachtungsdaten bestätigten dieses Ergebnis.

Unerwünschte Ereignisse und therapieassoziierte Toxizitäten unter Studienmedikation

Die Auswertung der Sicherheitsdaten umfasste 185 Patienten. Unerwünschte Ereignisse vom Schweregrad ≥ 3 traten bei 30,2 % der Patienten im Duloxetin-30-mg-Arm, bei 36,1 % im Duloxetin-60-mg-Arm und bei 31,3 % im Placeboarm auf. Am häufigsten wurden Diarrhöen beobachtet, wobei der höhere Duloxetin-Dosisarm eine höhere Inzidenz zeigte. Schwerwiegende Nebenwirkungen vom Grad 4 wurden bei sieben Patienten dokumentiert; lediglich ein Ereignis – eine Hypokaliämie im 60-mg-Arm – wurde als möglicherweise studienmedikationsbedingt eingestuft. Müdigkeit und Übelkeit stellten die häufigsten Studienmedikation-assoziierten Nebenwirkungen dar, schwergradige Verläufe waren jedoch selten.

Limitationen durch Endpunktwahl, Studiendesign und Placeboeffekte

Die Studie war als Phase-II-Screeningstudie konzipiert und nicht darauf ausgelegt, formale Wirksamkeitsvergleiche zwischen den Behandlungsarmen durchzuführen. Zudem erfolgte die primäre Endpunkterhebung nach einer kumulativen Oxaliplatindosis, die möglicherweise nicht ausreichte, um höhere Schweregrade der Neuropathie zuverlässig zu erfassen. Die hohe Placeboansprechrate, die durch patientenberichtete Endpunkte zusätzlich begünstigt worden sein könnte, stellt eine weitere methodische Einschränkung dar. Darüber hinaus war die Therapieadhärenz in allen Studienarmen vergleichsweise gering, was die Interpretation der Ergebnisse zusätzlich erschwert.

Ergebnisse sprechen nicht für eine präventive Wirksamkeit

Die vorliegenden Daten zeigen, dass Duloxetin in den untersuchten Dosierungen nicht wirksamer als Placebo in der Prävention sensorischer oxaliplatininduzierter peripherer Neuropathien ist. Die Ergebnisse unterstreichen die anhaltende therapeutische Herausforderung in diesem Bereich und verweisen auf die Notwendigkeit verbesserter Studiendesigns sowie objektiverer Endpunkte wie potenzieller Biomarker. Weitere Forschung ist erforderlich, um pathophysiologische Mechanismen besser zu verstehen und neue präventive Strategien zu identifizieren.

Die Studie wurde im Journal JCO Oncology Advances veröffentlicht, von den National Institutes of Health über das National Cancer Institute finanziert und aus ClinicalTrials.gov unter der Nummer NCT04137107 registriert.