Chery Automobile gilt seit 23 Jahren als Chinas Exportmarke Nummer eins – allmählich bekommt auch Europa die Expansionsbestrebungen des 1997 in Wuhu nahe Shanghai gegründeten Unternehmens zu spüren.

Die Dynamik in der Automobilbranche betrifft einerseits die zunehmende Elektrifizierung, andererseits das Aufkommen neuer Unternehmen, die den traditionsreichen Herstellern das Auskommen schwermachen. Angekündigt wurde diese Entwicklung schon vor geraumer Zeit, in diesen Tagen, Wochen und Monaten wird jedoch richtig deutlich, was sich abspielt. Vor allem aus China drängen bekannte und unbekannte Marken auf internationale Märkte, um der hauseigenen Überproduktion Herr zu werden.

Staatliches Unternehmen: Chery Automobile

Gegründet wurde Chery Automobile im Jahr 1997 in der Stadt Wuhu, einer 3,7-Millionen-Einwohner-Stadt in der Provinz Anhui, die in der Nähe der Metropole Shanghai liegt. Im Vorjahr setzte Chery Automobile 2,8 Millionen Einheiten ab, fast die Hälfte davon ging in den Export. Weltweit beschäftigt Chery mehr als 100.000 Menschen.

Dabei war es zuvor anders herum: Europäische, japanische, nordamerikanische und nicht zuletzt südkoreanische Unternehmen rangen um Zugang zum und Einfluss auf den chinesischen Markt; Rendite versprachen günstige Arbeitskraft und ein überhand nehmendes Marktpotenzial in einem Land mit mehr als 1,4 Milliarden Einwohnern. Das funktionierte zeitweise, zugleich wuchs aber im Zuge gemeinsamer Projekte mit chinesischen Firmen – Joint Ventures – neue Konkurrenz heran, die sich emanzipierte. Das anfangs vorgeworfene bloße Kopieren von Fahrzeugen wich technologischen Eigenentwicklungen, ambitioniertem Design, wettbewerbsfähigen Produktionsstrukturen und der Kreation von neuen Mobilitätslösungen.

Die Chery-Marke iCaur dürfte Begehrlichkeiten in Europa auslösen.

© Markus Höscheler

Was von den konventionellen Autoherstellern schon länger befürchtet wurde, schlägt mit ungeheurer Wucht auf dem europäischen Markt auf. Vorboten waren MG Motor und vor allem BYD, jetzt wird es richtig ungemütlich für den Wettbewerb. Das liegt ein wenig an Labels wie Xpeng und Nio, die sukzessive den Markt aufrollen. Das liegt jedoch viel mehr an einem ganz besonderen Unternehmen: Chery Automobile. Das in Wuhu (Provinz Anhui, in der Nähe von Shanghai) 1997 gegründete staatliche Unternehmen begann 1999 mit der Produktion von Autos. Dabei verfolgte die Firma eine Art Doppelstrategie: Präsenz zuhause zeigen, gleichzeitig stark exportieren. Das hat sich ausgezahlt und wird sich ziemlich sicher noch mehr auszahlen. 23 Jahre lang hat sich Chery Automobile als der führende chinesische Hersteller mit den höchsten Exportzahlen ausgezeichnet.

Mit eleganter Formensprache zeigen sich Modelle der Chery-Marke Exceed.

© Markus Höscheler

Das liegt zum Ersten daran, dass sich seit Kurzem die Doppelmarke Jaecoo und Omoda mit einem respektablen Preis-Leistungs-Verhältnis und einem überzeugenden Produktangebot in Europa festgesetzt hat. In Österreich ist das Doppel seit wenigen Monaten präsent und findet – auch dank starkem Marketingeinsatz – reißenden Absatz. Das Produktportfolio wird innerhalb der nächsten zwölf Monate um mindestens drei neue Modelle anwachsen.

Dass Chery in Europa und damit in Österreich dauerhaft reüssieren dürfte, liegt zum Zweiten daran, dass sich weitere Marken auf einen Markteintritt vorbereiten. Bestätigt sind schon Tiggo und iCaur, Lepas ist beispielsweise schon in Großbritannien unterwegs. Lepas vollbringt das Kunststück, eine in der Automobilbranche noch nicht verwendete Raubkatze, nämlich den Leoparden, als eine Art Markenbotschafter zu verwenden. iCaur gilt als reizvoll mit seinem Geländewagen-Auftritt, verbunden mit innovativem Antrieb und der Hoffnung auf einen günstigen Preis. Und Tiggo setzt auf das Kernthema SUV, verknüpft mit Leistbarkeit.

Omoda und Jaecoo sind in Österreich seit knapp einem halben Jahr vertreten, Zug um Zug baut der Importeur Colmobil das Angebot aus. In der Pipeline befindet sich unter anderem das Kompakt-SUV Omoda 4.

© Markus Höscheler

Zum Dritten gewährt Chery Automobile westlichen Besuchern allzu gerne Blicke auf weitere Marken wie Exceed und Luxeed (ein Gemeinschaftsunternehmen mit Huawei), die sich für den Export nicht minder eignen als die zuvor erwähnten Labels, wenngleich hier mehr Exklusivität und folglich höhere Tarife zu erwarten sind.

Und zum Vierten braut sich noch mehr zusammen – mit dem Freelander 8, einem Projekt, das Chery gemeinsam mit Jaguar Land Rover verfolgt und der Branche weitere Geländewagen mit einer anerkannten Bezeichnung bescheren dürfte. Den Offroadbereich mit dem Hang zum Lifestyle unterstützt darüber hinaus Jetour, ein Label, das in ausgewählten Märkten (etwa im arabischen Raum) schon ausgiebig unterwegs ist und wohl auch in Europa Fans gewinnen könnte.

Immer mehr Hersteller aus China freunden sich mit der Karosserievariante Van an, wie Luxeed hier zeigt.

© Markus Höscheler

Schließlich achten die chinesischen Konkurrenten mit Argusaugen darauf, wie Chery Automobile agiert. Und: Es bleibt nicht nur bei geöffneten Sehorganen, sondern Aktivitäten sind die Folge. SAIC (MG Motor) weitet das Modellangebot in Europa ebenso aus wie BYD. Geely (Volvo, Polestar, Lotus, Smart) forciert die Eigenmarke sowie Lynk & Co. Und Xpeng, Changan, GAC und Great Wall haben gleichermaßen Interesse an den europäischen Märkten. Die chinesischen Drachen haben den Alten Kontinent lange genug beobachtet – und den Anflug auf ebendiesen begonnen.