Vier Geschwister, eine Villa in Katalonien, kein einziger Grund aufzustehen. Karim Aïnouz‘ Rosebush Pruning ist eine bitterböse Satire über Dekadenz, Patriarchat und das langsame Implodieren einer Familie – und einer der schrägsten Filme des Jahres.
Rosebush Pruning lief im Nachtsicht-Programm beim Crossing Europe in Linz – und Kurator Mattias Fabian hatte vor der Vorstellung eine Geschichte parat. Bei der Weltpremiere in Berlin seien Zuschauende vorzeitig gegangen. Das Nachtsicht-Publikum, so Fabian sinngemäß, habe schon Schockierenderes gesehen. Wer das Nachtsicht-Programm kennt, weiß: Das ist kein leeres Versprechen.
People are roses. Families are rosebushes. Rosebushes need pruning.

Foto: crossingeurope.at
Eine amerikanische Familie, vier Geschwister, eine Luxusvilla in Katalonien, kein Job weit und breit. Jack (Jamie Bell), Ed (Callum Turner), Anna (Riley Keough) und Robert (Lukas Gage) leben vom Erbe ihrer Mutter (Pamela Anderson), die unter mysteriösen Umständen ums Leben kam. Den blinden Vater (Tracy Letts) und seine mitunter grotesken Forderungen erdulden sie schweigend – das Leben ist zu bequem, um aufzubegehren. Alle beschäftigen sich hauptsächlich mit ihren Hobbys und sich gegenseitig. Als Jack ankündigt, mit seiner Freundin Martha (Elle Fanning) zusammenzuziehen, bekommt das fragile Gefüge Risse. Plötzlich stellt sich heraus: Blut ist doch nicht dicker als Wasser.
Was den Film sofort in den Griff bekommt, ist sein Ton. Ed kommentiert das Familiengeschehen aus dem Off – herrlich abgeklärt, dabei nah genug dran, um die Orientierungslosigkeit der Geschwister spürbar zu machen. Er erfindet gerne eigene Redewendungen, die die anderen verwirren sollen, und tut das mit einer Selbstverständlichkeit, die den absurden Grundton des Films perfekt verkörpert. Dazu kommen Bilder, die in satten Giallo-Farben und einer deutlich spürbaren 70er-Ästhetik schwelgen. Die Kostüme von Bina Daigeler tun ihr Übriges. Die unprätentiöse Dekadenz zieht einen regelrecht magisch an.

Foto: crossingeurope.at
Greek Weird Wave trifft Spanien
Das Drehbuch stammt von Efthimis Filippou, der auch als Co-Autor mehrerer Filme von Yorgos Lanthimos bekannt ist – darunter Dogtooth und The Lobster. Der Einfluss der Greek Weird Wave ist unübersehbar: die absurden Familienregeln, die Sprache als Machtinstrument, der systematische Zerfall einer Gemeinschaft von innen heraus. Dass Regisseur Karim Aïnouz Brasilianer ist und der Film in Spanien spielt, macht die Sache nur interessanter – die Weird Wave kennt offenbar keine geografischen Grenzen. Als Vorlage diente übrigens Marco Bellocchios Filmtragödie „Mit der Faust in der Tasche“ von 1965, in der ebenfalls eine bürgerliche Familie durch ihre eigene Pathologie implodiert.
Das Ensemble leistet seinen Teil dazu. Lukas Gage spielt Robert, den jüngsten Bruder, mit einer Mischung aus Verletzlichkeit und Dreistigkeit, die man von ihm kennt – man fragt sich unwillkürlich, ob er diese Rollen magisch anzieht oder ob es schlicht Typecasting ist. Das Setting erinnert auch an Saltburn: Ähnliches Milieu, ähnliche Faszination für moralisch kaputte Menschen in schönen Räumen – aber mit deutlich mehr Absurdität und weniger psychologischem Realismus. Das ist kein Fehler, sondern Programm.
Nachtsicht
Das von Mattias Fabian und Matthias Eckkrammer kuratierte Nachtsicht-Programm beim Crossing Europe Filmfestival widmet sich dem europäischen Genrefilm in all seinen Ausprägungen – abgründig, bizarr, manchmal verstörend, immer pointiert. Das heurige Festivalmotto „Family Ties“ hat sich also auch in dieser Sektion widergespiegelt, auch wenn die Familien hier noch etwas dysfunktionaler sind, von finnischem Body-Horror bis zu baskischer Mythologie. Alternde Patriarchen waren auch in „Feels like Home“ zu sehen. Auch dort eine schrägere Familiendynamik als in den meisten Filmen des Jahres – aber Rosebush Pruning übertrifft das noch einmal. Hier ist die Dysfunktion nicht Symptom, sondern Weltanschauung.
Fazit
Rosebush Pruning ist unterhaltsam, stylisch und bitterböse – ein Film, der seine Figuren vorführt, ohne sie zu erklären, und der genau darin seine Stärke findet. Karim Aïnouz und Drehbuchautor Efthimis Filippou schaffen eine Satire über Patriarchat und Dekadenz, die nie didaktisch wird. Ed’s Off-Kommentar bleibt im Ohr, die Bilder auch. Wer auf schräges Kino steht, ist hier genau richtig.

Rosebush Pruning
Regie: Karim Aïnouz
Italien / Deutschland / Spanien / Großbritannien, 2026
Color, 94 Minuten, Englisch, OmdU
Kinostart: 8. Mai 2026
