
AUDIO: Bildschöne Bücher: „Paula Becker & Otto Modersohn – Kunst und Leben“ (4 Min)
Stand: 04.05.2026 18:11 Uhr
Ein neu aufgelegtes Buch beleuchtet Briefe, Skizzen und Gemälde des Künstlerpaares Paula Becker und Otto Modersohn – und zeigt, wie aus der bewundernden Schülerin eine eigenständige Malerin wurde, die ihren berühmten Mann künstlerisch überflügelte.
„Sonst interessiert mich noch riesig ein Modersohn. Der hat die verschiedenen Stimmungen in der Heide so schön geschildert, sein Wasser ist so durchsichtig und die Farben so eigenartig“, schreibt Paula Becker ihrem Bruder Kurt im April 1895, nachdem sie eine Ausstellung von Worpsweder Künstlern in der Bremer Kunsthalle gesehen hat. Im Jahr darauf beginnt sie ihre Ausbildung an der Zeichen- und Malschule des Vereins der Künstlerinnen in Berlin. Wenig später reist Paula das erste Mal nach Worpswede. Es ist der Auftakt zu etlichen Besuchen im Künstlerdorf. 1898 schreibt sie an ihre Schwester Milly: „Neulich war Modersohn da. Der hat mir so viel Liebes über meine Sachen gesagt, dass ich fast gar nicht mehr glaubte, daß es meine Sachen waren.“
Otto zwischen Bewunderung und Skepsis
Als Otto Modersohn von der Pariser Weltausstellung 1900 im Juni nach Worpswede zurückkehrt, stirbt seine erste Frau Helene. Im September des gleichen Jahres verlobt er sich mit Paula Becker, die er zunächst in Tagebucheinträgen als „viel zu ultramodern, frei bis zum Exceß“ beschrieben hatte und zu dem Urteil kam: „In der Kunst verstehen wir uns zwar, aber im Leben nie.“
Am 25. Mai 1901 heiraten die beiden. Otto Modersohn vertraut seinem Tagebuch jetzt andere Gedanken an: „Sie ist echt künstlerisch in ihrem Innern. Was mich noch mehr anzieht, ist ihr wahrhaft köstliches, heiteres, sprühendes, sonniges Temperament. (…) Sie liebt und versteht mich als Künstler und Mensch.“
Ein Motiv, zwei Sichtweisen
Im Juni 1901 malt Otto Modersohn das Bild „Mädchen mit Hut an einem Baumstamm stehend“. Die ganze Fläche ist in Graubrauntönen gehalten, kein Himmel, kein Horizont. Auch der Baum, an dessen Stamm das blonde Mädchen im weißen Kleid und mit einem dunklen Hut auf dem Kopf lehnt, wächst aus dem Rahmen hinaus; erst am oberen Bildrand sieht man wenige, blattlose Äste. Rechts unten die nackten Füße, mittig links oben die Schultern, scheint das Kind den Baumstamm kaum zu berühren. Einzig die schräge Haltung deutet darauf hin, dass es sich wohl anlehnen muss.
Im gleichen Jahr malt auch Paula dieses Motiv. Es ist dasselbe Mädchen, das helle Kleid, hier eher ein langes Hemdchen, derselbe Hut, um dessen schwarze Krempe sich ein gelbrotes Band schlingt. In diesem Bild sehen wir das Mädchen nicht wie bei Modersohn von schräg unten, sondern von oben. Auch hier ist der Hintergrund in Graubrauntönen gehalten, es blitzt etwas Grün auf und das Kind steht eher neben dem Stamm, die Knie durchgedrückt, die nackten Füße in der Erde. Vorne links ist ein weiterer, dünner Stamm zu sehen, der die Komposition stützt.
Hier zeigt sich, was die beiden unterscheidet. Während Otto einen weiten Bildausschnitt wählt, rückt Paula die Figur in den Mittelpunkt. Durch die Perspektive auf das Kind entstehen Nähe und Unmittelbarkeit. „Obgleich die künstlerische Kommunikation und Interaktion der Modersohns zeitweilig von starker gegenseitiger Bewunderung, Anregung und Unterstützung geprägt war, kristallisiert sich im vergleichenden Sehen schnell ein eindeutiger Gegensatz in ihrer Arbeitsweise heraus. Zum Verwechseln ähnlich sind sich tatsächlich keine ihrer Bilder“, schreibt die Kunsthistorikerin Anna Schrader.

Am 8. Februar 1876 kommt die expressionistische Malerin zur Welt. Die Bedeutung ihres Werkes hat damals kaum jemand verstanden.
Paulas Emanzipation auf der Leinwand
Es wird gemalt, gezeichnet und diskutiert im Hause Modersohn-Becker. Und wenn mal kein Motiv zur Hand ist, zeichnet der Maler einfach seine Frau beim – Malen. Das dokumentieren zwei Skizzen. Die erste zeigt Paula unter einem Baum auf einem Schemel vor einer großen Leinwand, auf der die Umrisse des „Flöte blasenden Mädchens im Birkenwald“ erkennbar sind. In der nächsten Skizze sieht man nur das Bild, getragen von der fast vollständig verdeckten Malerin, von der nur Hut und Schuhe zu sehen sind. Darunter schreibt Modersohn: „Die Malerin mit ihrem Bilde, sie schreitet aus, wie eine Wilde“.
Das Künstlerpaar inspiriert sich gegenseitig, doch es wird auch deutlich, dass Paula sich rasch emanzipiert und Otto sich fortan von ihrer Bildwelt anregen lässt. Aus der Schülerin ist die Lehrerin geworden. Ein bemerkenswerter Band, der durch seinen konzentrierten Fokus spannende Einblicke gibt.

Es ist vor allem die Natur, die den Maler Otto Modersohn angeregt hat. Sein umfangreiches Werk wird auf rund 12.000 Bilder geschätzt.

150 Jahre – so alt wird kein Mensch, aber die Kunst von Paula Modersohn-Becker. Sie hat noch immer eine große Anhängerschaft.

Die Direktorin des Landesmuseums Hannover spricht über die norddeutsche Malerin, die vor 150 Jahren geboren wurde.

Eine finnische Nordic-Noir-Thriller-Serie, eine filmische Doku über Paula Modersohn-Becker und eine erschütternde Doku über Kindesmissbrauch sind die Streaming-Tipps.

Paula Modersohn-Becker revolutionierte mit ihren Bildern die Kunstwelt. Kann die Künstlerin heute auch Vorbild sein? Ja, meint Claudia Christophersen.

Unbeirrbar ging die Worpsweder Künstlerin ihren Weg. Die Dokumentation zeigt auch, wie ihr Wirken bis heute junge Frauen beeinflusst.

Boris von Brauchitsch zeichnet in seiner Biografie „Paula Modersohn-Becker“ das Leben der beeindruckenden Künstlerin nach.

Die Malerin hat einen entscheidenden Teil ihres Lebens in Worpswede verbracht. Dort erinnern nun viele Ausstellungen an ihr Leben.

Paula Becker & Otto Modersohn – Kunst und Leben
von
Seitenzahl:
92 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
Beiträge von Simone Ewald, Ernst G. Güse, Frank Schmidt, Anna Schrader, Wolfgang Werner
Verlag:
Wienand
ISBN:
978-3-86832-852-3
Preis:
24 €