„Ψαλμός“. So heißt der erste Song auf Chris Jagodas Demoliste für sein neues Album. Der Titel ist griechisch und stammt aus dem Neuen Testament. Auf Deutsch bedeutet er „Psalm“.

Den Song hat Chris, 29, über seine große Schwester geschrieben. Er ist eine musikalische Dokumentation ihres Leidenswegs. Im Oktober vergangenen Jahres verstarb sie an Brustkrebs.

Als eine Art Klagelied „vergeht mit jeder Minute im Song ein Kapitel“, sagt Chris. Kapitel von ihrer Diagnose, der Realisation über die Krankheit, über Krankenhausaufenthalte, der Zeit im Hospiz bis zu ihrem Tod.

Tritt man in Chris Wohnzimmer, fällt einem sofort ein Holzschrank auf, der in einer Ecke des Raumes steht. Ein Gesellenstück, das Chris am Ende seiner Schreinerausbildung anfertigte. Der Schrank ist hoch und schmal, die Tür ist verglast. Die Schublade sei verzinkt, darauf ist Chris besonders stolz. Die Vitrine fertigte Chris 2021 gezielt für seine E-Gitarre an, die hinter der Glastür hängt. Der Gitarrenkorpus ist weiß und rosa gefärbt.

Neben der Vitrine steht ein Keyboard und mehrere Gitarren in einem Gitarrenständer. Auf dem Fensterbrett dahinter sind gerahmte Fotos von Jimi Hendrix aufgereiht. Auf der anderen Seite des Wohnzimmers lehnt hinter dem Esstisch ein großer Kontrabass an der Wand.

Chris blond gefärbte Haare fallen verwuschelt über seine Stirn. An seiner Nase trägt er ein Piercing.

Chris kam erst spät zur Musik. Mit 20 kaufte er sich seine erste Gitarre, um mit dem großen Bruder eines Freundes spielen zu können, den er immer sehr bewunderte. Während seiner Schreinerausbildung bereitete er sich dann für die Aufnahmeprüfung an der Jazz-School in München-Pasing mit Hauptfachinstrument Jazz-Gitarre vor.

Chris erzählt, dass der Tod seiner Schwester sein Ansporn war, sich selbst in seinem Musikprojekt zu verwirklichen. In der Musik fand er einen Kanal, seine Trauer und seinen Schmerz über den Verlust seiner Schwester zu verarbeiten.

So entstand auch „Ψαλμός“. „Ich entscheide mich bewusst, keine Texte zum Song zu schreiben“, sagt Chris. Er hätte das Gefühl, Bedeutungen vorwegzunehmen. „Meine Schwester war gläubig, deswegen auch der Titel.“ Im Song gebe es viele Parallelen und Bezüge zu seiner Schwester, die er aber „den Hörern nicht ins Gesicht drücken will.“

Der zweite Track auf seiner Demoliste heißt „Last Spring“. Mit diesem Track wolle Chris die schönen Seiten des Lebens zeigen. Der Song startet mit einem hellen Gitarrenkick und führt ein in eine heile Welt von damals. Er erzählt von einem Frühling, in dem Chris frisch verliebt war und er mit Bands im ZDF-Morgenmagazin spielte.

„Mir hat sich diese Welt aufgemacht und ich wollte, dass der Song sich anfühlt wie ein Frühling. Wie wenn was aufblüht“, sagt Chris. Mit der Geschichte, die er in „Last Spring“ erzählt, verbinde er jedoch auch Schmerz und Nostalgie. „Weil es der letzte Frühling war, der zu genießen ist. Weil danach einfach alles anders war.“

Wenn er über seine Schwester spricht, wendet Chris manchmal seinen Blick ab und schaut aus dem Fenster. Man spürt, wie nahe ihm das Thema geht. 

Die Auseinandersetzung mit seiner Trauer und die Entstehung seiner Lieder beschreibt Chris als „teilweise ziemlich wehleidigen Prozess“. Seine Musik entsteht durch Gefühle, die er im Prozess des Musikmachens ergründet und verarbeitet. Dazu kommt eine akademische Komponente: Er schreibt sich immer ein Konzept, und überlegt, wie die verschiedenen Parts am Klavier und an der Gitarre klingen können. Dann widmet er sich dem dramaturgischen Aufbau und baut Orgel, Bass, Drums und weitere Instrumente ein.

Dabei hat er vor allem Spaß an der Orgel gefunden. „Orgel ist das, was ich gerade am meisten liebe und am liebsten aufnehme und spiele. Orgel klingt einfach super cool und ich mag, wie man sie spielt. Weil es ein ganz anderer Ansatz ist als beim Klavier“, sagt er.

Im Sommer dieses Jahres wird Chris seinen Abschluss an der Jazz School machen. Danach möchte er Gitarrenlehrer werden. Bereits jetzt hat er eine Stelle an der Musikschule in München-Ismaning. „Ich träume nie von der Solokarriere“, sagt Chris. „Ich will einfach unterrichten.“

Später sagt er: „Ich liebe eigentlich alles, was ich mache. Ich finde alles so geil. Ich liebe die ganzen Instrumente, die ich habe und dass ich dem Ganzen so viel Ausdruck verleihen kann.“