Die wichtigsten europäischen Börsen dürften ihre Rückzugsbewegung am Dienstagmorgen fortsetzen. Sie reagieren damit, wie die meisten anderen globalen Finanzplätze, auf die erneuten geopolitischen Spannungen im Nahen Osten, die zu einem Anstieg der Volatilität und der Risikoaversion an den Märkten führen. Den ersten verfügbaren Indikationen zufolge steuert der CAC 40 zur Eröffnung auf ein Minus von rund 0,2% zu, ebenso wie der Euro STOXX 50-Index. In Frankfurt wird der DAX mit einem Rückgang von fast 0,4% erwartet.

Wie bereits am Vortag veranlassen die Sorgen um die Entwicklung der Lage in der Straße von Hormus, wo zwei US-Zerstörer gestern Abend Berichten zufolge unter iranischen Beschuss gerieten, die Anleger zur Vorsicht.

Nach Angaben des US-Nachrichtensenders CBS News mussten sich die USS Truxtun und die USS Mason, unterstützt von Apache-Hubschraubern und anderen Fluggeräten, gestern einem iranischen Sperrfeuer stellen, was die Eskalation im Konflikt zwischen Washington und Teheran weiter verschärft.

Obwohl offenbar kein US-Kriegsschiff getroffen wurde, scheinen diese Entwicklungen das Szenario des am 8. April in Kraft getretenen Waffenstillstands und eines günstigen Ausgangs der Angelegenheit in Frage zu stellen.

Optimismus aus der Berichtssaison durch Geopolitik gebremst

Noch vor diesen Informationen hatte ein Zwischenfall mit einem südkoreanischen Handelsschiff gestern an der Wall Street die Sorgen der Anleger neu entfacht, da Auswirkungen eines möglichen Festfahrens des Krieges auf die Ölpreise, die Wirtschaft und die Unternehmen befürchtet werden.

Der Dow Jones gab so um 1,1 % auf 48.941,9 Punkte nach, während der S&P 500 um 0,4 % auf 7.201,7 Punkte zurückfiel. Der Nasdaq 100 hielt sich besser und begrenzte sein Minus auf 0,2 %, um bei 27.651,8 Punkten zu schließen.

Die geopolitische Ungewissheit dämpfte den Optimismus, der in den letzten Wochen durch deutlich besser als erwartet ausgefallene Quartalsergebnisse geweckte worden war. Diese hatten hinsichtlich der Auswirkungen des Energieschocks auf die Gewinne der börsennotierten Unternehmen beruhigt.

Zwischen Gewinnmitnahmen und saisonaler Vorsicht

In diesem Kontext könnten die Aktienmärkte in Erwartung neuer Katalysatoren stagnieren. Einige Anleger fragen sich, ob es nicht an der Zeit ist, Gewinne mitzunehmen, bis geklärt ist, welche Folgen dauerhaft hohe Energiepreise oder gar restriktivere Finanzierungsbedingungen haben werden.

Die US-Märkte neigen dazu, im Mai eine eher glanzlose Performance zu zeigen, ganz nach der populären Maxime ‚Sell in May and go away‘.

Als Zeichen der Nervosität der Anleger sprang der CBOE-Volatilitätsindex gestern um 7,6 % auf fast 18,3, während die Feinunze Gold dank Fluchtkäufen, von denen auch Anleihen profitieren, um 0,5 % auf 4.554,9 Dollar zulegte. Mit fast 4,45 % kehrt die Rendite der 10-jährigen US-Staatsanleihe, die Benchmark des Rentenmarktes, in die Nähe ihrer Höchststände seit Jahresbeginn zurück.

An den Rohstoffmärkten gibt der Ölpreis nach seinem gestrigen Höhenflug infolge der Spannungen im Golf wieder nach. Brent (-0,8 %) fällt in Richtung 113 Dollar pro Barrel, während US-Leichtöl um 2,1 % unter 104,2 Dollar nachgibt.

Fokus auf den ISM-Dienstleistungsindex

Während der Großteil der Berichtssaison in den USA vorüber ist, dürften die europäischen Unternehmen, die noch ihre Zahlen vorlegen, die Hauptimpulsgeber für den Trend bleiben.

Jenseits des Atlantiks meldete der Datenanalysespezialist Palantir gestern Abend Rekordergebnisse für das erste Quartal, getragen von einer schnellen Expansion seiner öffentlichen und privaten Geschäftsfelder. Die Veröffentlichung wurde im elektronischen Handel jedoch ohne Begeisterung aufgenommen (-2,2 %).

Abgesehen von den Ergebnissen warten die Anleger auf die für heute Nachmittag in den USA geplante Veröffentlichung des Dienstleistungsindex des Institute for Supply Management (ISM) für den Monat April.

Der Konsens prognostiziert eine Stabilität bei 54 im Vergleich zum Vormonat. Vor allem aber wird die Preisponente am genauesten beobachtet werden, um festzustellen, ob die Befürchtungen eines Wiederauflebens des Inflationsdrucks angesichts der sprunghaft angestiegenen Energiepreise gerechtfertigt sind.