Wochenlang war es relativ ruhig am Golf – jetzt greift der Iran wieder Schiffe und arabische Staaten an: Teheran riskiert eine neue Eskalation in der Auseinandersetzung mit den USA. Das iranische Regime befürchtet, die Kontrolle über die Straße von Hormus und damit seine wichtigste Trumpfkarte für die Verhandlungen mit Donald Trump und für die Nachkriegsordnung in der Region zu verlieren. Der neue Einsatz der US-Marine zum Schutz von Schiffen in der Meerenge bringt die iranischen Kommandanten aus dem Konzept.

Niemand dürfe die Straße von Hormus ohne iranische Erlaubnis passieren, erklärte Ahmad Vahidi, Chef der iranischen Revolutionsgarden und einer der mächtigsten Mitglieder der Führung in Teheran. Wer die iranischen Regeln zur Durchfahrt verletze, gelte als legitimes Ziel für Angriffe. Die Meerenge von Hormus sei verschlossen, und der Iran habe den einzigen Schlüssel.

Vahidi beschrieb damit, wie wichtig ihm und anderen Chefs des Regimes die Kontrolle über die Wasserstraße ist. Kurz nach Beginn des amerikanisch-israelischen Angriffs am 28. Februar hatte der Iran die Straße von Hormus für blockiert erklärt und die Weltwirtschaft damit in eine Krise gestoßen. Öl- und Gastransporte durch die Meerenge wurden gestoppt, mehr als 2000 Schiffe sitzen fest.

US-Präsident Trump, dessen Wähler über steigende Benzinpreise klagen, versucht seit Wochen, die iranische Sperre zu durchbrechen. Weil Trump einen potenziell verlustreichen Einsatz von Bodentruppen scheut, war sich das iranische Regime seiner Sache bisher sicher: Der Iran grenzt im Norden an die enge Durchfahrt und kann Schiffe mit Raketen, Drohnen und Artillerie beschießen oder mit Schnellbooten angreifen.

Trumps jüngste Aktion – „Projekt Freiheit“ – traf den Iran jedoch unvorbereitet. Seit Montag „unterstützen“ amerikanische Kriegsschiffe, Kampfflugzeuge und Hubschrauber zivile Schiffe bei der Durchfahrt durch die Meerenge, wie das zuständige US-Zentralkommando es formuliert. Das bedeutet, dass die US-Militärs iranische Angriffe auf die Schiffe abwehren.

US-Hubschrauber versenkten laut US-Militärangaben am Montag sechs iranische Schnellboote, US-Kriegsschiffe fingen mit Raketen iranische Geschosse und Drohnen ab. Zwei zivile Schiffe konnten nach US-Angaben aus dem Persischen Golf durch die Meerenge in den Golf von Oman und von dort in den Indischen Ozean gelangen.

Der Iran dementierte diese US-Angaben. Er feuerte auf Schiffe und Ziele in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) sowie im Oman. Einige Geschosse trafen Ölanlagen der VAE in Fujairah, das außerhalb der Straße von Hormus am Golf von Oman liegt. Teheran signalisierte damit seine Entschlossenheit, auch jenseits der Meerenge anzugreifen. Irans Parlamentspräsident Mohammad Bagher Ghalibaf warnte die USA, der Iran habe im Streit um Hormus noch viele Pfeile im Köcher: Teheran habe bisher „nicht einmal angefangen“.

Die iranische Regierungspropaganda stritt zudem militärische Verluste bei den jüngsten Zusammenstößen mit den Amerikanern ab. Teheran warf Washington vor, statt Schnellbooten zivile Schiffe versenkt zu haben. Dabei seien fünf Menschen getötet worden.

Teheran setze alles daran, die iranische Kontrolle über die Straße von Hormus zu verteidigen, sagt Iran-Experte Arman Mahmoudian von der Universität Süd-Florida der „Presse“. Die Führung im Iran sehe sich derzeit in einer relativ starken Position. Wenn Trump dem Regime das Druckmittel der Straße von Hormus aus der Hand nehmen könne, würden auch neue US-Angriffe auf den Iran wahrscheinlicher. Deshalb greife Teheran jetzt am Golf an, schildert er. Das sei aus Sicht des Regimes besser, als abzuwarten, bis die iranische Sperre durchbrochen sei.

„Projekt Freiheit“ legt damit einen Schwachpunkt der iranischen Taktik im Umgang mit Trump offen. Das Regime will einen neuen Krieg gegen die USA vermeiden, ist aber überzeugt, den US-Präsidenten mit der iranischen Kontrolle über den Tankerverkehr in Hormus zu Zugeständnissen zwingen zu können. Hardliner wie Garde-Chef Vahidi setzten sich seit dem Inkrafttreten der Waffenruhe vor einem Monat innerhalb der iranischen Führung mit dieser Linie durch.

Selbstgewiss füllte das Regime in Teheran seinen jüngsten 14-Punkt-Vorschlag an die USA mit Maximalforderungen. Die kommenden Tage werden zeigen, ob das „Projekt Freiheit“ den Iran zu einer Kursänderung bewegen kann. Außenminister Abbas Araghchi, der zu den Pragmatikern im iranischen Regime zählt, plädierte in der Nacht zum Dienstag in einem Kommentar auf X für eine diplomatische Lösung.