Irgendwann im Jahr 2026 oder 2027 werde es den Leuten in Washington dämmern. Sie würden Angst bekommen, die Tragweite der Sache erkennen. „In der einen oder anderen Form wird sich der nationale Sicherheitsapparat sehr stark einmischen“, schrieb Leopold Aschenbrenner, ein KI-Forscher, der damals für OpenAI arbeitete, im Juni 2024. In seinem viel beachteten Essay „Situational Awareness“ skizzierte er, wie es mit der künstlichen Intelligenz weitergehen würde. Nun scheint es, als könnte er in diesem Punkt seiner Vorhersagen recht behalten haben.
Donald Trump zieht in Betracht, eine staatliche Kontrolle für neue KI-Modelle einzuführen. Das berichtete die „New York Times“ am Montagabend mit Verweis auf anonyme Quellen. Was das genau heißen wird, ist noch vage. In einem ersten Schritt wolle der US-Präsident aber eine Arbeitsgruppe schaffen, die mit staatlichen Vertretern und Tech-Managern aus der KI-Industrie besetzt ist. Diese könnte ausloten, welche Prozedere denkbar sind, um die Beamten in die Modelle einsehen zu lassen. Dass es dabei wohl nicht um Konsumentenschutz geht, deutet die Liste der Stellen an, die laut „New York Times“ im Gespräch sind: der Nachrichtendienst NSA, der Nationale Cyber-Direktor oder die Direktorin der nationalen Nachrichtendienste. Weder dementierte das Weiße Haus den Bericht, noch bestätigte es ihn.
Es wäre ein bemerkenswerter Schwenk Trumps, der in der KI-Frage entschlossen schien, die Dinge möglichst frei laufen zu lassen. Als er im Juli 2025 den „AI Action Plan“ vorstellte, bedachte er die rasant wachsende Milliardenindustrie im Silicon Valley noch mit väterlicher Fürsorge. „Wir müssen dieses Baby fördern und ihm ermöglichen, sich zu entwickeln“, sagte er. „Wir können es nicht mit törichten oder gar dummen Regeln aufhalten.“ Die unter seinem Vorgänger Joe Biden geschaffene Behörde „Center for A.I. Standards and Innovation“ rückte er an den Rand.
Die Trump-Regierung sah sich in einem Wettkampf um „globale Dominanz bei künstlicher Intelligenz“, wie in ihrem AI Action Plan steht. „So wie wir das Wettrennen im Weltall gewonnen haben, ist es zwingend erforderlich, dass die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten dieses Rennen gewinnen.“ Ein Verweis auf den Kalten Krieg mit der Sowjetunion.
Mit Echos aus der Geschichte beschäftigt sich auch Dario Amodei, der Gründer von Anthropic, das zu den besten KI-Entwicklern weltweit zählt. Vom 43-Jährigen ist bekannt, dass er neuen Mitarbeitern gerne ein Buch schenkt: „The Making of the Atomic Bomb“, eine historische Abhandlung über das Manhattan-Projekt. Es ist ein Szenario, das in Debatten um die KI-Industrie immer wieder auftaucht: Der Staat könnte irgendwann damit beginnen, die KI-Produzenten stärker an sich zu ziehen, um in geopolitischen Konflikten die Hand auf dieser entscheidenden Technologie zu behalten.
Anthropic selbst befindet sich seit Monaten in einem Streit um die Fragen, wofür seine Modelle eingesetzt werden und wer am Ende die Kontrolle behält. Zum einen ist da ein Rechtszwist mit dem US-Verteidigungsministerium: Dieses wollte sich von Anthropic nicht vorschreiben lassen, wofür es dessen KI-Modelle verwenden darf. Als das Unternehmen auf Vertragsklauseln beharrte, kündigten die US-Behörden auf Zuruf von Trump ihre Geschäftsbeziehungen. Der KI-Entwickler wurde zum Lieferkettenrisiko erklärt, wodurch es auch für andere US-Unternehmen riskant sein könnte, seine Produkte zu kaufen.
Gleichzeitig deutete Anthropic der US-Regierung vor Kurzem an, dass es sich lohnen könnte, den Kontakt nicht ganz zu verlieren. Mit „Mythos“ will man ein neues Modell entwickelt haben, das gefährlich gut sei. Es habe in kurzer Zeit unzählige Sicherheitslücken in Software entdeckt, die es möglich machen würden, Behörden, Unternehmen und Infrastruktur auf der ganzen Welt anzugreifen. Anthropic beschloss daher, „Mythos“ nur mit einem kleinen Kreis von Vertrauten zu teilen. Die Öffentlichkeit sollte keinen Zugriff bekommen.
Was an den Behauptungen über „Mythos“ stimmt, kann nicht unabhängig überprüft werden. Laut „New York Times“ soll Anthropic neben Google und OpenAI aber zu jenen KI-Entwicklern gehören, die vom Weißen Haus über die Pläne für eine Kontrollstelle informiert wurden.
Die Frage nach der Regulierung der milliardenschweren KI-Industrie beschäftigt das Weiße Haus nicht erst seit „Mythos“. Laut dem Pew Research Center ist die Skepsis gegenüber den massiven Investitionen in die neue Technologie eines der wenigen politischen Themen, das Republikaner und Demokraten vereint.
Sie arbeiten zusammen, um den Bau von Datenzentren zu stoppen. Mehr als 1000 einzelne KI-Gesetzesvorhaben wurden bisher im ganzen Land eingebracht, darunter auch von Republikanern und Trump-Fans. Im vergangenen Jahr haben 38 US-Bundesstaaten neue KI-Regulierungen beschlossen, darunter auch Kalifornien, wo das Silicon Valley liegt.
Im Dezember reagierte das Weiße Haus: Der Präsident erließ ein Dekret, um die KI-Industrie vor einem „inkonsistenten und teuren Compliance-Regime“ zu schützen. Den 50 Bundesstaaten soll es schwer gemacht werden, eigene KI-Regeln zu erlassen. Zum einen soll es Flickwerk verhindern. Zum anderen warf Trump Kalifornien und Colorado vor, sie würden „linke Ideologie in die Programmierung einbringen“.
Im März stellte Trump dann den Plan für einen nationalen KI-Rechtsrahmen mit sieben Punkten vor – von Kinderschutz über Strompreise, Bau von Datenzentren bis zu Schulungen und Urheberrechtsfragen. Das ebenfalls noch vage Vorhaben soll in den kommenden Monaten ausgearbeitet werden. Im November finden entscheidende Kongresswahlen statt.
Auch neue Berater hat Trump im März gefunden: 13 Personen – darunter Metas Mark Zuckerberg – sollen ihm in Technikfragen helfen.