tzWissen

DruckenTeilen

Uns auf Google folgen

Der NASA-Chef will Pluto rehabilitieren, und dahinter steckt mehr als Wissenschaft. Was er plant – und warum es trotzdem scheitern könnte.

München – Knapp 20 Jahre ist es her, dass Pluto seinen Planetenstatus verlor. Am 24. August 2006 degradierte die Internationale Astronomische Union (IAU) den Himmelskörper zum Zwergplaneten. Jetzt will ausgerechnet der neue NASA-Chef diese Entscheidung kippen. Bei einer Senatsanhörung zum Budget 2027 bezog Jared Isaacman klar Stellung, wie Space.com berichtet: „Senator, ich gehöre ganz klar zu denen, die sagen: ‚Macht Pluto wieder zu einem Planeten‘.“ Seine Behörde bereite bereits Veröffentlichungen vor, um die Debatte in Fachkreisen neu zu entfachen.

Der Zwergplanet Pluto, aufgenommen von der Nasa-Raumsonde „New Horizons“ im Juli 2015. Wer genau hinschaut, erkennt auf der Oberfläche eine Herzform.Der Zwergplanet Pluto, aufgenommen von der Nasa-Raumsonde „New Horizons“ im Juli 2015. Wer genau hinschaut, erkennt auf der Oberfläche eine Herzform. © NASA-JHUAPL-SwRI/dpa

Dahinter steckt auch Patriotismus: Kein anderer Himmelskörper mit früherem Planetenstatus wurde von einem US-Bürger entdeckt. Der Astronom Clyde Tombaugh spürte Pluto 1930 auf. Isaacman erklärte, er wolle sicherstellen, dass Tombaugh „die Anerkennung erhält, die ihm einst zuteilwurde und die er zu Recht erneut verdient.“ Doch hier liegt das Problem: Über Planetendefinitionen entscheidet nicht die NASA, sondern ausschließlich die IAU – ein weltweiter Astronomenverband.

Pluto wurde zum Zwergplaneten, weil mehrere ähnliche Objekte entdeckt wurden

Der stufte nicht einfach nur Pluto zum Zwergplaneten herunter, sondern sah sich gezwungen, auf aktuelle Ereignisse zu reagieren: Im Kuipergürtel, Plutos kosmischer Heimat am Rand des Sonnensystems, tauchten immer mehr ähnlich große Objekte auf. Heute zählen Eris, Makemake und Haumea ebenfalls zu den Zwergplaneten. Ceres im Asteroidengürtel komplettiert die Liste. „Die IAU ist sich bewusst, dass die Entscheidung, Pluto neu einzustufen, nach wie vor heftige Reaktionen hervorruft“, teilt die Organisation auf Anfrage von Merkur.de von Ippen.Media mit.

Die IAU reagierte auf diese neuen Funde mit einer Definition, was Planeten und Zwergplaneten sind. Drei Kriterien gelten seither für Planeten: Ein Planet umkreist einen Stern, besitzt genug Masse für eine runde Form – und dominiert seine Umlaufbahn, indem er sie freiräumt. Am dritten Punkt scheitert Pluto, weil er sich den Kuipergürtel mit anderen Himmelskörpern teilt. Manche Fachleute sehen hier allerdings einen Widerspruch: Tausende Asteroiden kreuzen die Bahnen von Erde, Mars, Jupiter und Neptun. Streng genommen haben auch diese Planeten ihre Umlaufbahnen nicht geräumt.

So spektakulär sieht unser Universum durch das „Hubble“-Teleskop ausDiese bizarre Aufnahme des „Hubble“-Weltraumteleskops zeigt den sogenannten „Mystic Mountain“ – ein Säule aus Gas und Staub, die drei Lichtjahre hoch ist. In ihrem Inneren entstehen Sterne. Das Gebilde befindet sich im Carina-Nebel, der etwa 7.500 Lichtjahre entfernt ist. Fotostrecke ansehenPlanetendefinition zeigt den „aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstand über das Sonnensystem“

„Diese Definition spiegelt unseren aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstand über das Sonnensystem wider“, heißt es von der IAU. Die betont: „Wir sind uns bewusst, dass viele Menschen das Gefühl haben, Pluto sei ‚degradiert‘ worden, doch tatsächlich wurde Pluto zum führenden Objekt einer neuen Familie von Himmelskörpern im Sonnensystem. Pluto ist für die weltweite Wissenschaftsgemeinschaft nach wie vor von Interesse. Und die IAU erkennt auch die Bedeutung an, die Pluto in der öffentlichen Wahrnehmung einnimmt.“

Präzedenzfall Ceres

Der heutige Zwergplanet Ceres hat eine noch viel bewegtere Geschichte hinter sich als Pluto: Am 1. Januar 1801 wurde der Himmelskörper von Giusepe Piazzi entdeckt. Zuerst galt Ceres als Planet, als später zahlreiche weitere Asteroiden entdeckt wurden, wurde der Himmelskörper als Asteroid klassifiziert – und mit der IAU-Definition aus dem Jahr 2006 wurde Ceres zum Zwergplaneten. Zu finden ist der Himmelskörper im Asteroidengürtel zwischen den Umlaufbahnen von Mars und Jupiter.

NASA-Raumsonde zeigt Pluto in seiner ganzen Schönheit – ein Planet ist er trotzdem nicht

Frischen Wind bekam die Diskussion 2015. Damals funkte die NASA-Raumsonde „New Horizons“ atemberaubende Bilder von Pluto und seinem Mond Charon zur Erde. Gestartet war sie noch zu Plutos Planetenzeiten – angekommen erst Jahre nach der Degradierung. Missionsleiter Alan Stern kritisierte 2018 in der Washington Post: „Der Prozess, Planeten neu zu definieren, war zutiefst fehlerhaft und wurde auch von denen kritisiert, die das Ergebnis akzeptiert haben.“

Stern favorisiert eine simple Regel: Alles Runde mit ausreichender Größe ist ein Planet. Doch das hätte Konsequenzen: Mindestens 110 Planeten würde unser Sonnensystem dann zählen – große Monde eingeschlossen. Doch es ist laut IAU nicht so einfach, Pluto wieder als Planeten anzuerkennen: „Dafür müsste die Definition überarbeitet werden, insbesondere im Hinblick auf das dritte Kriterium. Ohne diese Anforderung würden auch mehrere weitere Objekte in den äußeren Regionen des Sonnensystems als Planeten gelten, da sie von der Größe her mit Pluto vergleichbar sind“, teilt die Organisation auf Anfrage mit.

Würde man die Planetendefinition ändern, würde alles komplizierter

Und weiter: „Zwar würde die Anzahl der infrage kommenden Objekte steigen, doch würde die Schwierigkeit, Objekte in diesen weit entfernten Regionen zu entdecken und ihre Größe und Masse genau zu bestimmen, die genaue Anzahl ungewiss machen.“ Exakt dieses Szenario wollte die IAU allerdings 2006 vermeiden. Mehr als 100 potenzielle Zwergplaneten sind allein im Kuipergürtel bekannt. „Derzeit gibt es keine laufenden formellen Arbeiten der IAU, die auf eine Neudefinition des Begriffs ‚Planet‘ abzielen, obwohl es in der wissenschaftlichen Gemeinschaft entsprechende Ideen gibt“, heißt es bei der Astronomie-Organisation.

„Plutokiller“ Mike Brown meldet sich zu Wort

Mike Brown, Professor für Planetenastronomie am California Institute of Technology, hatte im Januar 2005 den heutigen Zwergplaneten Eris entdeckt und damit die „Degradierung“ Plutos mit angestoßen. Im Internet nennt er sich stolz „Plutokiller“ und hat über seinen Fund und die Auswirkungen ein Buch geschrieben. Dem The Independent schreibt er in einer Mail: „Während es den NASA-Verantwortlichen freisteht, in Nostalgie über die Zeiten zu schwelgen, als Pluto noch ein Planet war, werden die Wissenschaftler, die tatsächlich auf diesem Gebiet tätig sind, weiterhin versuchen, Objekte im Sonnensystem so zu erklären und zu klassifizieren, dass es uns tatsächlich hilft, die Welt, in der wir leben, zu verstehen.“

Die Neudefinition von Planeten würde „umfangreiche wissenschaftliche Vorarbeiten erfordern“, erklärt die IAU. Letztlich müsste die neue Planeten-Definition der IAU-Generalversammlung zur Abstimmung vorgelegt werden. Die nächste Versammlung ist für August 2027 in Rom geplant. (Quellen: Eigene Recherche, IAU, space.com, Washington Post, The Independent) (tab)