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Eine fünf Stockwerke hohe Raketenstufe rast auf den Mond zu. Der Einschlag ist erst der zweite seiner Art – und eine Warnung.
Frankfurt – Mit einer Geschwindigkeit von 8700 Kilometern pro Stunde nähert sich ein fünf Stockwerke hohes Raketenteil dem Mond. Am 5. August 2026 um etwa 8:44 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit wird die ausgebrannte Oberstufe einer SpaceX-Rakete nahe dem Krater Einstein einschlagen. Das Objekt mit der Bezeichnung 2025-010D stammt von einer „Falcon 9“-Rakete, die am 15. Januar 2025 die Mondlander „Blue Ghost“ und „Hakuto-R“ ins All beförderte.
Auf dem Mond wird im August 2026 ein neuer Krater entstehen. (Archivbild) © IMAGO/BREUEL-BILD
Während „Blue Ghost“ erfolgreich auf dem Mond landete und „Hakuto-R“ abstürzte, trieb die leere Raketenstufe weiter durchs All. Teleskope verfolgten das Objekt über Monate hinweg, Fachleute sammelten bis Februar 2026 1053 Beobachtungen. Aus diesen Daten berechnete der Astronom Bill Gray den bevorstehenden Aufprall.
SpaceX-Raketenteil hat Landegeräte zum Mond gebracht – und wird selbst dort abstürzen
Die Vorhersage stellte Gray vor besondere Herausforderungen. Weltraumschrott unterliegt nicht nur der Schwerkraft von Erde, Mond und Sonne – auch der Druck des Sonnenlichts beeinflusst seine Bahn. „Diese Kraft ist extrem sanft, aber über Monate hinweg kann sie sich wirklich aufbauen“, erläutert Gray auf seiner Website. Da das taumelnde Objekt das Licht unterschiedlich reflektiere, sei die genaue Wirkung nicht vollständig vorhersagbar.
Der Aufprall wird bei den Mondkoordinaten 15 Grad Nord und 88 Grad West stattfinden – knapp auf der erdzugewandten Seite des Mondes. Trotzdem wird das Ereignis von der Erde aus vermutlich nicht zu beobachten sein. Gray zufolge ist der Mond während des Einschlags zwar im Osten der USA und Kanadas sichtbar, doch selbst unter optimalen Bedingungen wäre ein Lichtblitz unwahrscheinlich. Als die NASA 2009 absichtlich eine Raketenstufe auf den Mond stürzte, um nach Wassereis zu suchen, registrierten selbst große Teleskope nicht. In Mitteleuropa spricht ohnehin die Tageszeit dagegen: Zum Zeitpunkt des Aufpralls herrscht heller Vormittag.
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Fotostrecke ansehenEinschlag auf dem Mond wird einen Krater hinterlassen
Doch auch wenn der Einschlag nicht beobachtet wird: Auf dem Mond wird ein Krater mit einem Durchmesser von etwa 16 bis 18 Metern entstehen – vergleichbar mit jenem, den 2022 die Oberstufe der chinesischen Chang‘e-5-T1-Mission hinterließ. Der Lunar Reconnaissance Orbiter der NASA, der den Mond seit 2009 umkreist, dürfte den neuen Krater einige Wochen nach dem Einschlag fotografieren können.
Es handelt sich erst um den zweiten dokumentierten Fall, bei dem Weltraumschrott unbeabsichtigt den Mond trifft. Das Problem verschärft sich jedoch mit der steigenden Zahl von Raketenstarts. Gray benennt drei zentrale Gefahren: Wiedereintretender Weltraummüll verschmutzt die obere Atmosphäre mit feinem Staub. Satelliten und Trümmerteile sind zunehmend als bewegliche „Punkte“ am Nachthimmel zu sehen. Kollisionen zwischen Schrottteilen erzeugen immer mehr Trümmer – im schlimmsten Fall droht eine Kettenreaktion, der sogenannte Kessler-Effekt.
Gleich zwei sich teilweise überlagernde Krater hat die Rakete, die im März 2022 abgestürzt ist, auf dem Mond hinterlassen. Das zeigt eine Aufnahme der Nasa-Raumsonde LRO. © Nasa„Mondkollisionen zu vermeiden, ist relativ einfach“
Doch Lösungsansätze existieren: Bei der Mission des „James Webb“-Weltraumteleskops etwa wurde die Oberstufe bewusst in eine sichere Sonnenumlaufbahn gelenkt, wo sie für Jahrhunderte niemanden stört. Auch SpaceX und die chinesische Raumfahrtbehörde scheinen umzudenken – bei jüngeren Mondmissionen entsorgten sie die Raketenstufen bewusster. „Dieser Trick funktioniert nur für einen kleinen Teil des Schrotts“, mahnt Gray allerdings. Nur Raketenstufen, die zum Mond oder noch weiter fliegen sollen, lassen sich auf diese Weise entsorgen.
„Die gängigeren Raumfahrzeuge, die in niedrigere Umlaufbahnen fliegen, verfügen nicht über genügend Energie, um in eine Umlaufbahn um die Sonne zu gelangen“, erklärt Gray. „Mondkollisionen zu vermeiden, ist relativ einfach; das Zeug zu vermeiden, das auf die Erde trifft, ist ein viel schwierigeres Problem.“
Einschlag auf dem Mond zeigt „gewisse Nachlässigkeit bei der Entsorgung von Weltraumschrott“
Der Mondeinschlag am 5. August 2026 stellt keine Gefahr dar, betont der Astronom. „Es verdeutlicht jedoch eine gewisse Nachlässigkeit bei der Entsorgung von Weltraumschrott.“ Das Raketenteil wird lediglich Mondgestein aufwirbeln und einen Krater hinterlassen. Doch der kosmische Einschlag ist ein Weckruf: Wer den Weltraum nutzen will, muss lernen, ihn nicht zu vermüllen – das gilt nicht nur für den Erdorbit, sondern auch für den Mond. (Quellen: Project Pluto, eigene Recherche) (tab)