Philharmoniker fotografiert
„Resonanz. Wenn Klang zum Bild wird“ heißt eine neue Ausstellung, die ab Freitag in der Wiener Leica Galerie zu sehen ist. Gezeigt werden Fotos, die eine neue Perspektive auf die Wiener Philharmoniker bei der Arbeit eröffnen. Gemacht wurden diese Aufnahmen nämlich nicht aus der Publikumsperspektive, sondern vom Orchester aus – genauer: von Wilfried K. Hedenborg, Mitglied der 1. Violine des Wiener Staatsopernorchesters und der Wiener Philharmoniker. Seiji Ozawa, Chrisitan Thielemann oder Zubin Mehta sind nur einige der Porträtierten, die hautnah zu erleben sind.
6. Mai 2026, 17:29

WILFRIED K. HEDENBORG
Rainer Küchl 2015 bei Proben zu Beethoven Symphonie Nr. 1 im Musikverein Wien
Wilfried K. Hedenborg hat zu allen hier Porträtierten eine besondere Beziehung. Hinter jedem Bild steckt eine Geschichte – und jedes Bild hat seinen eigenen Soundtrack. Direkt neben den Fotos ist nämlich vermerkt, welches Stück in diesem Moment gerade gespielt wurde. Im Fall Thielemann war es Hans Pfitzners Oper „Palestrina“.
Der Taktstock federt in der rechten Hand des Maestros. Die linke scheint den Klang des Orchesters förmlich heranziehen zu wollen. Christian Thielemann beugt sich leicht nach vorne, sein Blick ist durchdringend und fokussiert, das Gesicht halb im Schatten. Was steckt für den Fotografen, Wilfried K. Hedenborg, in diesem Bild? „Eine Mischung aus ‚ich vertraue euch, aber gebt mir auch, wonach ich suche und strebe‘.“ Der Violinist ist in diesem Moment Auge in Auge mit dem Dirigenten. „Volles Vertrauen und gleichzeitig Freiheit zu geben, das macht Thielemann für mich aus.“
Mit der Kamera auf dem Schoss
Der Sohn eines Schweden und einer Japanerin, aufgewachsen in Salzburg, lernt schon während seines Studiums die Fotografie lieben. Ein Freund überlässt ihm eine alte Leica Kamera. Im Februar 2001 gewinnt Hedenborg dann das Probespiel bei den Wiener Philharmonikern. Sofort beschließt er, ab nun seine berufliche Reise zu dokumentieren.

LEICA AUSTRIA
Doch wie funktioniert der Dreiklang aus Geige, Bogen und Kamera? „Die Kamera auf den Boden zu legen ist eine Möglichkeit, aber das geht auch nicht wirklich“, sagt Hedenborg. „Es könnte leicht jemand stolpern. Darum habe ich nun den Bogen in der linken Hand, die Geige in der rechten Hand und die Kamera bei mir auf dem rechten Schoss. So wurde sie peu à peu zu einem Begleiter, der einfach zu mir dazugehört.“
Ozawas fesselnde Kraft
Es braucht Geduld und besonderes Einfühlungsvermögen, um die sensible Balance im Orchestergraben nicht zu stören. Hedenborg machte die Kollegenschaft Schritt für Schritt mit seinem neuen, zweiten Instrument vertraut. Seine Grenzen sind ihm dabei sehr bewusst. „Es gibt Momente, in denen der Ausdruck so stark ist, das Ende der Neunten von Bruckner etwa oder auch bei Mahlers Dritter – diese Augenblicke darf man nicht stören.“
Unter dem Dirigenten Seiji Ozawa spielte Hedenborg 2002 sein erstes Neujahrskonzert. Schon als Bub verehrte er den japanischen Freigeist. In der Leica Galerie hängt nun ein Bild von Ozawa, das vor allem eines ausstrahlt: Intensität. „Er war immer in der Partitur versunken“, erinnert sich Hedenborg an den 2024 verstorbenen Maestro. „Selbst zuletzt, als er nicht mehr so aktiv war und wir eine Beethoven-Ouvertüre in Japan gespielt haben. Seine Bewegungen waren sehr klein, aber er hatte eine solche Spannung. Vor allem hatte er die Kraft, mit den Augen und seinem Ausdruck, das Orchester an sich zu fesseln.“
Mikrokommunikation sichtbar
Es sind aber nicht nur Dirigenten, die Hedenborg mit seiner Kamera einfängt. Gleich links im ersten Raum der Ausstellung fällt ein Porträt auf. Es sind die markanten Züge von Daniel Froschauer, dem Vorstand der Wiener Philharmoniker. Der Blick versonnen – wenig Licht, vielleicht auch dadurch das Gefühl von Gravitas.

Zumin Mehta
Zubin Mehta bei Proben zu Beethovens 7. Symphonie – Musikverein Wien, 2026
Zwar sind Hedenborgs Kameras sind nicht so alt wie die besten Geigen. Einige Jahrzehnte haben sie dennoch auf dem Buckel. Froschauer etwa fotografierte er mit einer Kombination aus einer Schraub-Leica aus den 1940er Jahren und einem Objektiv aus den 1930er Jahren. „Ich kann das Licht nicht einstellen, ich muss mit dem arbeiten, was da ist. In diesem Moment sah ich, dass das genau passt – Film, Licht und Glas“, so Hedenborg.
Wilfried K. Hedenborg hält fest, was sonst oft verborgen bleibt. Kleine Gesten, Blickkontakte, ein angedeutetes Lächeln – die Mikrokommunikation, die ein Orchester erst lebendig macht. Gerade die Wiener Philharmoniker, geschult im Gesehenwerden, gewinnen so an Nahbarkeit.
Nach Ausstellungen in Japan und in Salzburg ist „Resonanz. Wenn Klang zum Bild wird“ für Wilfried K. Hedenborg eine weitere Station auf dem Weg zu einem Buch, mit dem er einmal seine gesammelten Einblicke weitergeben kann.
Gestaltung