Während Resignation sich breitmacht in Europa und Deutschland über die wirtschaftliche Stagnation und die gelähmt wirkenden Regierungen, setzt Alfred Kammer ein Zeichen: Nach rund 40 Jahren in den USA zieht er nach Europa. Er weiß, worauf er sich einlässt. Der Deutsche ist Direktor der Europaabteilung des Internationalen Währungsfonds (IWF). Seine Zeit in der Institution endet nach knapp 34 Dienstjahren, in denen er zu einem der einflussreichen Taktgeber des Fonds wurde. Unter anderem war er Stabschef von Kristalina Georgiewa, der jetzigen geschäftsführenden Direktorin des IWF. Amerikaner ist Kammer in all den Jahren in Washington aber nie geworden. Sein Herz schlägt europäisch.
Kammer teilt den Befund, dass Europa zu langsam, zu bürokratisch, zu teuer oder zu alt ist. Aber er widerspricht der Resignation. Europa habe gewaltige Stärken, die es nur nicht entschlossen nutzt. Gerade für Deutschland ist aus seiner Sicht die Vollendung des europäischen Binnenmarktes von größter Bedeutung: weniger Handelshürden zwischen den Ländern, mehr Freizügigkeit für Arbeitskräfte, ein tieferer Kapitalmarkt und ein gemeinsamer Energiemarkt. IWF-Ökonomen haben ermittelt, dass die Handelshürden in der EU wie ein Zoll von 44 Prozent auf Industriegüter und 110 Prozent auf Dienstleistungen wirken. Die Rechnung zahlen Verbraucher und Unternehmen: mit höheren Preisen und geringerer Produktivität.
„Deutschland muss mehr Frauen in den Arbeitsmarkt holen“
Seine alte Heimat hat nach Kammers Einschätzung drei Kernaufgaben. Es müsse Genehmigungsverfahren beschleunigen. „Es dauert viel zu lange, bis in Deutschland etwas in Gang kommt.“ Es müsse Regeln auch innerhalb Deutschlands harmonisieren. Und schließlich: Es müsse mehr Menschen in Arbeit bringen, besonders Frauen. Dafür brauche es bessere Kinderbetreuung, bessere Altenpflege und ein Steuersystem, das Zweitverdiener ermutigt. Das Ehegattensplitting sei ein Teil dieses Problems.
Europas Politiker erkennen laut Kammer den Ernst der Lage. Sie wüssten, dass mehr Wachstum und höhere Produktivität den Lebensstandard und die Staatsfinanzen sichern. „Die Welt ist hässlicher geworden. Europa wird immer wieder mit Schocks konfrontiert und muss sich gerade deshalb stärken.“ Nur: Die von der EU-Kommission vorgelegten Reformen stießen auf nationale Interessen und Besitzstände. Kammer beklagt, dass viele Bürger kaum verstehen, wie positiv die EU sein könnte. Statt sich wie in Deutschland an dem Nettozahlerstatus abzuarbeiten, sollten sie die EU stärken. Ein vollendeter Binnenmarkt nutze deutschen Arbeitnehmern und sei für Unternehmen ein Sprungbrett in die Welt.
Die wachsende Wohlstandkluft zwischen den Vereinigten Staaten und der EU ist für ihn das große Warnsignal. Das Pro-Kopf-Einkommen in der EU liegt im Durchschnitt rund 30 Prozent unter dem amerikanischen. Schwaches Produktivitätswachstum erklärt 80 Prozent der Kluft. In Amerika werden Unternehmen früher größer, ziehen Kapital und Talente an, profitieren von Skaleneffekten. In Europa dagegen stoßen Firmen schon beim Schritt über die Grenze auf neue Vorschriften: Produktkennzeichnung, Zulassungen, Dienstleistungsregeln bilden lauter kleine Blöcke, die sich zu hohen Mauern auftürmen. Dazu kommen Hürden für Arbeitnehmer. Während das Silicon Valley Talente aufsauge, mache Europa es seinen Talenten zu schwer, selbst innerhalb der EU umzuziehen, erklärt Kammer. Ein Umzug von einem europäischen Land in ein anderes ist nach IWF-Berechnung achtmal so teuer wie ein Umzug zwischen amerikanischen Bundesstaaten.
Europäische Start-ups suchen ihr Heil in den USA
„An Kreativität mangelt es Europa nicht“, sagt Kammer. Das Problem beginnt, wenn junge Firmen Kapital brauchen, um zu wachsen. Banken finanzieren keine riskanten Wachstumsphasen. Besonders in der IT zählt die Größe: Ist das Produkt einmal entwickelt, kostet seine Verbreitung wenig. Dann entscheidet die Skalierung, das schnelle Erlangen von Größe. Genau dafür fehle in Europa das Kapital, sagt Kammer. Viele europäische Start-ups sähen deshalb ihre Zukunft nicht in Frankfurt, Paris oder London. „Sie gehen in die Vereinigten Staaten.“
Ein weiterer Engpass ist Energie. Strom ist in Europa rund doppelt so teuer wie in den USA. Das belastet energieintensive Branchen. Zugleich macht die Abhängigkeit von fossilen Importen Europa verwundbar: erst durch den russischen Gasstopp, nun durch den Krieg im Nahen Osten. Deshalb verteidigt der IWF-Direktor den Green Deal der EU. Er soll Energie billiger machen, Preisschocks dämpfen, die Abhängigkeit von Öl und Gas verringern und Europa dekarbonisieren. Kammer warnt eindringlich vor einem ständigen Kurswechsel. Wer am Emissionshandel rüttele oder den Green Deal pausiere, zerstöre Vertrauen von Investoren.
Europa müsse deshalb nicht zurück, sondern schneller voranschreiten: mit mehr Netzen, mehr Verbindungen zwischen den nationalen Netzen, mehr gemeinsamer Planung. Es braucht einen europäischen Energiemarkt für Wind, Sonne, Speicher, Grundlast und Netze. Zum deutschen Atomausstieg gibt Kammer kein Urteil ab. Das sei eine gesellschaftliche Entscheidung. Politik dürfe wählen, aber nicht so tun, als seien ihre Entscheidungen kostenlos, sagt er.
Deutschland hat seine Infrastruktur vernachlässigt
Kammer lobt Deutschland dafür, dass es die Schuldenbremse reformiert hat. Staatsschuld, Defizite und Zinslasten seien im Vergleich zu Wettbewerbern niedrig. Wichtige Investitionen seien zu lange verschoben worden. Deutschlands Infrastruktur passt nicht mehr in die Zeit: Dabei geht es nach Kammers Einschätzung nicht nur um Digitalisierung, sondern auch um klassische Infrastruktur wie Bahnverbindungen, Stromnetze oder Autobahnen.
Sein Blick auf Deutschland ist nicht herablassend, eher ungeduldig. Deutschland habe enorme Stärken: Innovationskraft, industrielle Erfahrung, solide Finanzen, gute Unternehmen. Aber das alte Modell stoße an Grenzen. Große Länder könnten nicht dauerhaft auf exportgetriebenes Wachstum setzen. Die Weltwirtschaft verschiebe sich von Industrie zu Dienstleistungen, von Maschinen zu Software, von klassischen Fabriken zu digitalen Geschäftsmodellen.
Kammer ist überzeugter Europäer und Multilateralist
Deutschland müsse die Voraussetzungen schaffen, damit neue Sektoren entstehen. Dazu gehörten digitale Infrastruktur, verlässliche Stromversorgung, schnellere Verwaltung und weniger Schutz alter Strukturen. Wer alte Branchen konserviert, verliere am Ende die neuen. „Wenn man versucht, die alten Sektoren zu schützen, ist das eine Verliererstrategie“, sagt Kammer sinngemäß. Das heißt nicht, Industrie aufzugeben. Es heißt, ihr den Wandel zuzumuten.
Kammer ist nicht nur ein überzeugter Europäer, sondern ein Multilateralist durch und durch: Der IWF mit seinen 191 Mitgliedsländern sei eine einzigartige Institution, ein Ort für Austausch, Transparenz und gemeinsame Krisenlösungen. Wenn es den Fonds nicht gäbe, sagt er, würde man ihn heute kaum noch schaffen. Stolz ist er vor allem auf den Beitrag des IWF zur Stabilisierung von Schwellenländern. In den 1980er und 1990er Jahren litten viele dieser Länder unter hoher Inflation und Finanzkrisen. Heute seien ihre Institutionen stärker, ihre Zentralbanken unabhängiger und ihre Politik solider, sagt Kammer. Deshalb hätten viele Schwellenländer Pandemie, Energiepreisschock und Kriege besser überstanden als früher.
Kammer verteidigt die vielen internationalen Gipfeltreffen und Beratungen. Sie wirkten in ruhigen Zeiten mühsam. In Krisen aber zählten Vertrauen, persönliche Kontakte und direkte Leitungen, die in diesen zuweilen zähen Zusammenkünften entstanden seien. Diese Netzwerke seien eine zivilisatorische Errungenschaft, sagt Kammer.