26. Februar 2026
Rüdiger Suchsland

Bild: Copyright Vague Nation / Atsushi Nishijima
Drei Episoden, ein Gefühl – familiäre Leere. Zwischen Tom Waits, Charlotte Rampling und stiller Grausamkeit erzählt Jim Jarmusch vom Unbehaustsein.
Eigentlich muss man sich diesen Film schon deswegen im englischen Original anschauen, weil man sonst die wunderbare Stimme von Tom Waits verpassen würde. Oder die Original-Stimmen von Charlotte Rampling, Cate Blanchett und Vicky Krieps, wenn sie mal Englisch sprechen.
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Der US-Independent-Regisseur Jim Jarmusch. ist der Autor so unvergesslicher Werke wie „Stranger Than Paradise“, „Down by Law“, „Night on Earth“, „Ghost Dog“: Aber erst im letzten Jahr gewann er schließlich beim Filmfestival von Venedig den bedeutendsten Preis seiner Karriere: „Father Mother Sister Brother“ war ein umstrittener Gewinner des Goldenen Löwen.
Es geht in diesem neuen Jarmusch-Film um Beziehungen, die Beziehungen erwachsener Geschwister zueinander und zu ihren alt gewordenen Eltern.
Über die Freuden und die Schrecken der Familie: Jim Jarmusch betont die Wiederholung von Verhaltensmustern seiner Figuren, um den Familienmythos zu demontieren und die Unfähigkeit aufzuzeigen, das bereits Zerstörte, Nichtexistente zu reparieren. „Father, Mother, Sister, Brother“ macht uns zu Zeugen von Begegnungen an unterschiedlichen Orten, jedoch mit denselben Szenarien und Konflikten.
Kurzgeschichten aus der Bourgeoise
Schon der Titel ruft in seiner eingängigen Schlichtheit lose aneinandergereihte Kurzgeschichten aus der Bourgeoise in den Sinn, in simpler unaufgeregter Handlungsstruktur, durchzogen von sentimentaler Stilisierung der klassischen Kernfamilie: Vater, Mutter, Kind. Es geht um die Alltäglichkeit und Banalität des Lebens.
(Bild: Bild: Copyright Vague Nation / Frederick Elmes)
Dies ist ein Episodenfilm, in dieser Hinsicht Jim Jarmuschs „Night on Earth“ (1991) am ähnlichsten – ein Film voller Geheimnisse und nur lose verbunden.
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Alles beginnt mit einem alten, von Tom Waits gespielten Vater in der ersten und witzigsten Episode. Das Leben entgleitet diesem Alten, der allein in einer abgelegenen, heruntergekommenen Hütte auf dem Land lebt, wo er von seinen Kindern Jeff (Adam Driver) und Emily (Mayim Bialik) besucht wird.
Von dieser klarsten Geschichte bewegt sich der Film ins Terrain tieferer Ungewissheit.
Bild: Copyright Vague Nation / Yorick Le Saux
Die zweite Episode, „Mother“ steht stärker in der Tradition von Woody Allen, spielt mit scheinbaren Subtilitäten und reichlich passiv-aggressiven Situationen.
Beim obligatorischen Jahresbesuch im bürgerlichen Heim der Mutter können die beiden Töchter den Tee nicht genießen angesichts der Strenge und wertenden Haltung der Matriarchin gegenüber ihrem Lebensstil. Im Zentrum steht die grandiose Charlotte Rampling, deren unwiderstehlicher Blick schweigend ihre Umgebung vernichtet, voller Verachtung und Kontrolle.
Die dritte Geschichte ist jene, in der Jarmusch am meisten auf Emotion setzt – doch hier hat der Film am wenigsten Ertrag. Schon die wenig inspirierte Darstellung von Indya Moore verhindert, dass der Film sich durch sie wirklich entfalten kann.
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So muss Luka Sabbat die Episode nahezu allein tragen, und obwohl zwischen beiden Chemie und Komplizenschaft auf der Leinwand spürbar sind, bleibt Moore in den entscheidenden Momenten hinter den Anforderungen zurück. Der Film verliert viel durch diese deutlich nüchternere Episode, während die vorherigen vor Ironie und Leichtigkeit sprühen.
Erzwungene Kommunikationsversuche
„Father Mother Sister Brother“ bietet eine Variation von „Tokyo Story“ von Yasujirō Ozu. Alle drei Geschichten stehen im Zeichen des Besuchs: die erste als Bestandsaufnahme; die zweite sporadischen Zwang; die dritte, eher gespenstisch als physisch, inszeniert das Wiedersehen zweier Zwillings-Geschwister, die mit der Abwesenheit ihrer Eltern konfrontiert sind.
Bild: Copyright Vague Notion 2024_Frederick Elmes
Es sind erzwungene, selten erwiderte Kommunikationsversuche. Jarmusch erzeugt eine Atmosphäre aus Spannung und Scham, so absurd und heuchlerisch, dass sie erhellt, wie sehr uns der äußere Schein täuschen kann.
Eine der größten Stärken des Films ist seine unbestreitbare Aktualität. Jarmusch sperrt seine Figuren in Innenräume ein, in Häusern mit beinahe klaustrophobischen Einstellungen, um das Konzept des Zuhauses – eigentlich ein Ort der Sicherheit und Freiheit von Gefahren – infrage zustellen.
An die Stelle des Wohlbefindens treten jedoch Einsamkeit und emotionale Entfremdung der Kinder. Begriffe, die heute allgegenwärtig sind aber nur selten mit solcher Feinfühligkeit und Präzision innerhalb familiärer Bindungen dargestellt werden.