«Ich würde rückblickend nichts ändern:»: Maler Hans Witschi erläutert seine Neukom-Porträts

Vor 100 Zuhörenden legte der Künstler offen, warum er Martin Neukom als zweifelnden Wanderer in schmelzendem Eis malte. Der Regierungsrat blieb dem Anlass fern.

Publiziert: 07.05.2026, 21:30

Maler Hans Witschi im Rollstuhl posiert in der Galerie Stephan Witschi in Zürich neben zwei Porträts von Regierungsrat Martin Neukom.

Zwischen Gandhi und Superman: Der Maler Hans Witschi zwischen zwei Porträts des Zürcher Regierungsrats Martin Neukom, die dieser ablehnte.

Foto: Michael Buholzer (Keystone)

Der Künstler Hans Witschi hat an einer Podiumsdiskussion die Symbolik hinter den umstrittenen Porträts von Regierungsrat Martin Neukom dargelegt. Dabei wurde die enge Verbindung zwischen der Darstellung und Neukoms Rolle als grüner Politiker deutlich.

Der Künstler betonte am Donnerstagabend vor rund 100 Zuhörerinnen und Zuhörern in Zürich, dass die Werke über eine rein ästhetische Abbildung hinausgingen und auch eine politische Einordnung beinhalteten.

Im Zentrum des Anlasses standen die drei Porträts, die der Regierungsrat Martin Neukom (Grüne) zunächst abgelehnt hatte. Später bezahlte er eines davon privat. Es lagert nun in der Kunstsammlung des Kantons. Was damit geschehen soll, ist derzeit offen.

Martin Neukom als Wanderer in der Gletscherschmelze

Hans Witschi erklärte ausführlich, wie das erste und wohl markanteste Bild entstanden ist. Zum Zeitpunkt des Auftrags arbeitete der 72-jährige Maler an einer Serie über Eislandschaften. Dieses Thema habe er bewusst mit der Person Martin Neukom verknüpft, der als grüner Politiker massgeblich mit der Klimapolitik assoziiert wird.

Das Bild sei gewissermassen eine Hommage an Caspar David Friedrichs berühmtes Werk «Wanderer über dem Nebelmeer», wobei Witschi Martin Neukom in eine Eislandschaft im Stile von Ferdinand Hodler versetzte.

Die Intention des Künstlers war es, Neukom als jemanden darzustellen, der angesichts der monumentalen Herausforderung der Klimakrise die Kontrolle verliert oder zumindest tief in deren Reflexion versunken ist.

Der Kunsthistoriker Ulrich Gerster beschrieb das Werk als einen «Zeitkollaps», wie er in Witschis Bilder oft zu sehen sei. Es sollte den derzeit jüngsten Zürcher Regierungsrat nicht als glatten Funktionär zeigen, sondern als zweifelnden «Elder Statesman».

Neukom selbst hatte das Bild ursprünglich abgelehnt, weil er darin Hilflosigkeit und Verzweiflung sah – ein krasser Gegensatz zu dem von ihm gewünschten Image.

Porträts zwischen Gandhi und Superman

Auch zu den beiden weiteren Werken äusserte sich Witschi. Das zweite Bild, eine Kopfstudie, bezeichnete er als eine Art «Vorwegnahme» einer zukünftigen möglichen Rolle Neukoms als Bundesrat.

Er habe sich dabei an der asketischen Ausstrahlung von Mahatma Gandhi orientiert. Doch auch diese Darstellung stiess bei Neukom auf wenig Gegenliebe; sie sei «zu bleich» und kontrastarm, lautete damals das Verdikt.

Besonders aufschlussreich waren die Erläuterungen zum dritten Bild. Nachdem Neukom explizit eine Darstellung gefordert hatte, die «jung, modern und frisch» wirke, griff Witschi zu offiziellen Pressefotos.

Als subtilen Kommentar zu diesem Wunsch nach einer fast schon heroischen Selbstdarstellung versteckte der Maler im orange-gelben Ohr des Porträtierten ein Superman-Emblem. Dieser ironische Seitenhieb auf die Erwartungshaltung des Auftraggebers sei lange Zeit unentdeckt geblieben.

Die weitere Diskussion verdeutlichte das Spannungsfeld zwischen künstlerischer Freiheit und dem Repräsentationsanspruch eines offiziellen Porträts für die kantonale Ahnengalerie.

Hans Witschi hielt fest, dass er rückblickend nichts an seiner Arbeit ändern würde. Hätte er von Anfang an gewusst, dass lediglich ein gefälliges Abbild gesucht werde, hätte er offen gesagt, dass er der falsche Maler für diesen sei.

Martin Neukom, der dem Anlass fernblieb, hatte die Wahl des Künstlers nach Bekanntwerden des Vorgangs in einer Stellungnahme als «seinen Fehler» bezeichnet.

Knatsch um Porträtbilder von Regierungsrat

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