SZ: Herr Wolf, Sie sind Wirt des Lokals „Goldenes Schiff“. Ihre Mitarbeiterin Rugiatu Kamara wurde letzte Woche sehr plötzlich zu Hause verhaftet, in das Abschiebegefängnis nach Hof gebracht und wenige Tage später nach Sierra Leone abgeschoben. Was ist da passiert?  

Josef Wolf: Am Donnerstag oder Freitag ist Rugi nicht zur Arbeit erschienen. Sie war nicht zu erreichen und wir haben uns Sorgen gemacht. Über ihren Anwalt haben wir später erfahren, dass sie in Haft sitzt und die Abschiebung im Gang ist. Da waren wir erst mal schockiert. Am Mittwoch haben wir von ihrem Anwalt den Anruf bekommen, dass Rugi am Vorabend in den Flieger nach Sierra Leone gesetzt wurde. Die Rugi arbeitet schon lange bei uns. Zuletzt wollte sie über das Chancen-Aufenthaltsgesetz ein durchgehendes Bleiberecht erwirken. Da kam es zu dem Problem, dass ihr Pass nicht anerkannt wurde. Das Angebot von Rugi nach Sierra Leone zu fliegen, um die Unterlagen selbst zu besorgen, wurde vom Amt nicht mehr angenommen.

Was war Rugis Position bei Ihnen im Wirtshaus „Goldenes Schiff“?

Sie war Hilfsköchin. Wir sind ein Familienbetrieb mit einer kleinen Küche. Jeder ist eigentlich essenziell. Sie hat Speisen vorbereitet, kalte Küche gemacht, teilweise aber auch Essensausgabe. Das war jetzt keine reine Kartoffelschäl- und Spülkraft, sondern ein wichtiger Teil des Betriebs.

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Gerade in der Gastronomie ist es schwierig, Personal zu finden. Wie ist es jetzt, mit einer Kraft weniger zu arbeiten?

Es ist extrem schwierig. Wir haben auch noch keinen Ersatz. Die meisten Kräfte sind Migranten oder Migrantinnen. Dementsprechend ist es ein essenzieller Teil für uns, Arbeitskräfte zu bekommen und zu wissen, dass es ihnen gut gehen wird und sie die Chance haben, sich zu integrieren. Das ist für uns ein wichtiger Baustein in unserem Betrieb.

Mit einem Instagram-Video haben Sie auf die Situation aufmerksam gemacht. Das Video hat mittlerweile mehr als 150 000 Likes und wurde vielfach geteilt. Was hat Sie dazu bewogen?

Mir war es wichtig, einen Diskurs anzustoßen, weil ich mich selbst als Arbeitgeber hilflos gefühlt habe. Für mich war es unglaublich, dass der Arbeitgeber von der Abschiebung nicht informiert wird. Mich hat das schockiert. Wahrscheinlich wird befürchtet, dass man aus emotionaler Nähe oder freundschaftlicher Bindung die Leute informieren könnte. Ich habe von vielen Kollegen gehört, dass sie mit dem Amt in Passau Probleme hatten, sowohl Gastronomen als auch Beamte. Viele beschweren sich, dass es immer schwieriger und gefühlt willkürlicher wird für Leute, die sich integrieren wollen. Deswegen war es mir wichtig, darüber zu sprechen.

Das Team im „Goldenen Schiff“:  Rugiatu Kamara, Wirtin Annette Piwowarsky, Sous-Chefin Anna Häusler, Beiköchin Magit Gruber (von rechts nach links).Das Team im „Goldenen Schiff“:  Rugiatu Kamara, Wirtin Annette Piwowarsky, Sous-Chefin Anna Häusler, Beiköchin Magit Gruber (von rechts nach links). Foto: privat

Sie haben Ihren Mitarbeitenden immer wieder bei Behördengängen geholfen. Was haben Sie da erlebt?

Selbst als helfende Person, die freiwillig die Menschen zum Amt begleitet, hat man das Gefühl, man tut etwas Schlechtes. Man fühlt sich selbst wie ein Krimineller. Als wäre man nicht erwünscht und müsste sich immer rechtfertigen. Das ist die Erfahrung, die ich gemacht habe und auch von vielen zugetragen bekomme. Gefühlt kämpft man gegen Windmühlen. Jedes Amt schiebt die Schuld zum anderen, das lokale Ausländeramt zur zentralen Ausländerbehörde, die zentrale Ausländerbehörde zur Regierung.

Es geht mir nicht darum, per se gegen das Amt zu schießen, ich habe diese Stadt sehr gern und möchte, dass die Leute weiterhin hier arbeiten können und wollen. Aber das möchte ich als Arbeitgeber auch vertreten können. Ich möchte guten Gewissens sagen, „Kommt zu uns, ihr könnt euch hier was aufbauen, ihr habt hier eine gute Zeit, ihr werdet hier gut behandelt“. Das ist mir immens wichtig.

Haben Sie den Eindruck, dass sich der Umgang der Behörden in letzter Zeit verändert hat? Auch im Zuge der verschärften Abschiebungsdebatte?

Ich kenne viele Leute bei der Fahndung oder der Grenzpolizei, die ihren Job gerade nicht mögen, weil sie Sachen machen müssen, die ihnen gegen den Strich gehen. Nach meinem Video haben sich viele Beamte gemeldet, die sagen, was du gesagt hast, ist richtig. Aber sie dürfen sich nicht öffentlich äußern. Gesetzlich bewegen wir uns oft in einem richtigen Rahmen, aber ob das menschlich richtig ist, das steht auf einem anderen Blatt. Das Absurde ist ja, hätte die Rugi am Tag davor jemanden mit dem Auto angefahren, hätte sie nicht abgeschoben werden können, weil dann noch ein Strafverfahren laufen würde. Das ist ein gesetzlicher und bürokratischer Murks, der da vonstattengeht. Jeder handelt nach seinen Leitfäden. Aber da geht die Menschlichkeit verloren.

Wissen Sie etwas über die aktuelle Situation von Rugiatu Kamara? Gibt es für sie eine Chance, wieder nach Deutschland zu kommen?

Über eine Bekannte aus Karlsruhe hat Rugi einen Kontakt in Freetown bekommen, bei dem sie jetzt unterkommen konnte. Ohne diesen Kontakt wäre sie dort komplett gestrandet. Ihre gesamte Familie ist mittlerweile nach Gambia geflohen. Das heißt, sie wäre als fast 60-jährige Frau komplett allein einfach dort gestrandet, nur mit dem Handy, ohne Geld. Da die Abschiebung offiziell ist, hat sie ein Einreiseverbot von bis zu 60 Monaten.

Selbst wenn sie zurück dürfte, bräuchte es einen triftigen Grund. Ein Arbeitsvisum wird sie wahrscheinlich nicht mehr bekommen, weil sie keine gelernte Fachkraft ist. Wir als Betrieb können deshalb nicht nachweisen, dass sie für uns unverzichtbar ist. Selbst mit Visum müsste sie die Kosten der Abschiebung tragen. Wenn der Wille da ist, die Frau seit Jahren hier ist, integriert arbeitet, die Tests besteht, die wahrscheinlich nicht mal ich bestehen würde, und so weiter, dann ist das alles schwer zu verstehen. Aber es gibt eben von der Regierung diese Abschiebezahlen, die erfüllt werden müssen.