Spaniens letzte Europa-Hoffnung 

Wie das „schlecht organisierte“ Rayo Vallecano ins Conference-League-Finale will

©IMAGO

Denkt man an spanische Erfolge im Europapokal, kommen einem direkt Real Madrid, der FC Barcelona oder der FC Sevilla in den Sinn. In dieser Saison liegen nach dem Ausscheiden Atlético Madrids gegen den FC Arsenal sämtliche spanische Hoffnungen auf Rayo Vallecano, das erst zum zweiten Mal in der Vereinsgeschichte europäisch spielt. Am Donnerstagabend könnte der Klub aus dem Madrider Stadtteil Vallecas ins Finale der Conference League einziehen.

Im Halbfinal-Hinspiel gegen RC Straßburg gewann Rayo mit 1:0, am Donnerstagabend steht das Rückspiel in Frankreich an. Die Spanier hatten sich mit Platz fünf in der Ligaphase direkt für das Achtelfinale qualifiziert, wo sie den türkischen Vertreter Samsunspor besiegten, im Viertelfinale konnten die Madrider AEK Athen dank eines 3:0 im Hinspiel ausschalten. Sowohl gegen Samsunspor als auch gegen AEK gingen die Rückspiele verloren – ein schlechtes Omen?

„Sie schlagen sich wirklich gut. Abgesehen davon, dass die Conference League ein Turnier ist, bei dem sich auch schwächer platzierte Mannschaften aus den Top-Ligen gut behaupten können, nutzt Rayo diesen Moment in vollem Umfang, wohl wissend, dass es sich um eine besondere Gelegenheit handelt, die sie ergreifen und genießen müssen. Ein Großteil des Verdienstes dafür gebührt ihrem Trainer, Iñigo Pérez“, sagt Iván Fuente, Area Manager Spanien bei Transfermarkt. Pérez übernahm im Februar 2024 von Francisco Rodríguez und war zuvor Co-Trainer unter Andoni Iraola, ehe dieser im Sommer 2023 zum AFC Bournemouth ging. Der 38-Jährige wird mit dem Trainerposten beim FC Villarreal in Verbindung gebracht, wo Marcelino den Klub zum Saisonende verlässt. „Er hat großartige Arbeit geleistet und hat eine ehrgeizige Vision, die derzeit besser zu ihm zu passen scheint als die von Rayo.“

Beim Blick auf den Kaderwert ist Rayo der Außenseiter im Halbfinale der Conference League. Mit 107 Millionen Euro ist das Team von Pérez deutlich niedriger bewertet als Racing Straßburg, das bei 362 Mio. Euro liegt. Im anderen Halbfinale duelliert sich das favorisierte Crystal Palace (541 Mio.) mit Shakhtar Donetsk (168 Mio.).

„Schlecht organisiert“: Das sind die Probleme von Rayo Vallecano

Eigentlich ist der Klub aus Vallecas ein Fahrstuhlverein, der zwischen den ersten beiden Ligen Spaniens pendelt. Siebenmal ist der Klub aus LaLiga abgestiegen, zuletzt 2018/19. Seit fünf Jahren sind die Franjirrojos jedoch wieder erstklassig. In der vergangenen Saison belegte Rayo mit 52 Punkten Platz acht in LaLiga – die beste Saison der Vereinshistorie nach 2012/13, als man einen Zähler mehr holte. Da die spanischen Klubs auf internationaler Bühne gute Leistungen zeigten, reichte der achte Platz für die zweite Europapokalteilnahme der Vereinsgeschichte. In der Saison 2000/01 scheiterte Rayo im Viertelfinale des UEFA Cups an Deportivo Alavés.

Doch der 1924 im Schatten der Madrider Top-Klubs gegründete Verein hat mit vielen strukturellen Problemen zu kämpfen. „Der Verein ist sehr schlecht organisiert. Er hat auf allen Ebenen Probleme, und manchmal wirkt er gar nicht wie ein Profiverein. Vor einigen Monaten musste er ein LaLiga-Spiel verschieben, weil der Rasen ausgetauscht worden war und das Spiel nicht im eigenen Stadion ausgetragen werden konnte. Das Stadion gehört der Autonomen Gemeinschaft Madrid, weshalb Rayo nicht in das Stadion investiert; infolgedessen ist es schmutzig und reparaturbedürftig“, erklärte Fuente. „Die Spieler haben sich mehrfach über den schlechten Zustand ihrer Trainingsanlage und die Probleme beim Training beschwert. Zudem ist ihr Präsident, Raúl Martín Presa, sehr umstritten, und die Fans sind gegen seine Führung.“ Das Estadio de Vallecas bietet Platz für 14.708 Zuschauer.

Resthoffnungen auf eine europäische Teilnahme in der kommenden Saison darf sich Rayo nicht nur wegen eines möglichen Erfolgs in der Conference League machen. Mit 42 Punkten belegt der Klub Rang elf in LaLiga, das Polster zu den Abstiegsrängen beträgt nur sechs Zähler. Allerdings wird Spanien wohl den fünften Champions-League-Platz bekommen, sodass Rang sieben eine erneute Teilnahme an der Conference League bedeuten würde und der Abstand zu Getafe beträgt nur zwei Zähler.

Rayo ist das drittälteste Team Europas Top-Ligen

Einen großen Ausverkauf wird es im Sommer nicht geben, wie Fuente bestätigt. „Die meisten der herausragenden Spieler des Vereins befinden sich an einem Punkt ihrer Karriere, an dem sie aufgrund ihres Alters wahrscheinlich nicht mehr in einen Verein auf höherem Niveau passen würden.“ Dies bestätigt auch ein Blick auf das Durchschnittsalter von 28,8 Jahren. In Europas Top-5-Ligen sind nur zwei Teams noch älter: Inter Mailand (29,4) und Real Betis (29,2). Conference-League-Gegner Straßburg ist mit 22,9 Jahren sogar das jüngste Team.

Als einen Kandidaten für einen möglichen Abgang sieht Fuente Rechtsverteidiger Andrei Rațiu (27), der mit einem Marktwert von 18 Mio. Euro der wertvollste Profi im Kader ist. Zu den weiteren Leistungsträgern zählt der Torhüter Augusto Batalla (30), Linksverteidiger Pep Chavarría (28) sowie die Offensivspieler Isi Palazón (31), Jorge de Frutos (29) und Álvaro García (33). Garcia und de Frutos zählen mit 23 bzw. 16 Torbeteiligungen zu den treffsichersten Profis Rayos.

Spanische Teams gehören in Europapokalwettbewerben jedes Jahr zu den Top-Favoriten. Insgesamt konnten Real Madrid, der FC Barcelona, der FC Sevilla, Atlético Madrid, der FC Villarreal und der FC Valencia 34-mal die Königsklasse oder die Europa League bzw. den Vorgänger UEFA Cup gewinnen. Die 2021 eingeführte Conference League gewann bisher noch kein Team von der iberischen Halbinsel – Rayo könnte Geschichte schreiben.

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