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Trotz aller Dekontamination: Ein Pilz aus NASA-Reinräumen könnte die gesamte Mars-Reise überstehen – mit brisanten Folgen für die Weltraumforschung.
Frankfurt – Ein Pilz aus den Reinräumen der NASA könnte die gesamte Reise zum Mars überleben – trotz extremer Kälte, tödlicher Strahlung und nahezu luftleerem Raum. Das zeigt eine neue Studie, die in der Fachzeitschrift Applied and Environmental Microbiology veröffentlicht wurde. Die Ergebnisse stellen bisherige Dekontaminationsstrategien der Raumfahrtorganisation infrage und werfen eine brisante Frage auf: Könnten Raumfahrtprogramme den Mars versehentlich mit irdischem Leben kontaminieren?
Der rote Planet Mars. (Symbolbild) © IMAGO/Marcos Osorio
Ein Forschungsteam um Kasthuri Venkateswaran, ehemaliger leitender Forscher in der Biotechnology and Planetary Protection Group des NASA Jet Propulsion Laboratory, isolierte 27 Pilzstämme aus NASA-Reinräumen, in denen Komponenten für die „Mars 2020“-Mission zusammengebaut wurden – jene Mission, die den Rover „Perseverance“ auf den roten Planeten brachte. Die Pilze hatten bereits alle Dekontaminationsmaßnahmen überlebt.
Pilz hält brutale Bedingungen einer Mars-Mission aus
Die Forscher züchteten aus den Pilzen sogenannte Konidien – asexuelle Fortpflanzungssporen – und setzten sie den brutalen Bedingungen einer Mars-Mission aus: eisige Temperaturen, ultraviolette und ionisierende Strahlung, extrem niedrigen Luftdruck und Kontakt mit Marsstaub, dem sogenannten Regolith. Das Ergebnis überraschte selbst die Fachleute: Die Konidien des Pilzes Aspergillus calidoustus überlebten nahezu alle Tests. Nur die Kombination aus extremer Kälte und hoher Strahlung konnte den Pilz töten, wie die American Society for Microbiology in einer Pressemitteilung schreibt.
„Das bedeutet nicht, dass eine Kontamination des Mars wahrscheinlich ist, aber es hilft uns, potenzielle mikrobielle Überlebensrisiken besser zu quantifizieren“, betont Venkateswaran. „Mikroorganismen können eine außergewöhnliche Widerstandsfähigkeit gegenüber Umweltstress besitzen.“
Diese Dinge wurden auf dem Mars entdeckt – sie gehören dort nicht hin
Fotostrecke ansehenNASA konzentriert sich bei der Dekontamination bisher auf Bakterien
Bislang konzentrierten sich die Dekontaminationsmaßnahmen der NASA hauptsächlich auf Bakterien. Pilze wurden als Risikofaktor unterschätzt. Die aktuelle Studie ist nach Angaben des Forschungsteams die erste, die zeigt, dass eukaryotische Mikroben – also Organismen mit Zellkern wie Pilze – jeden Abschnitt einer Mars-Mission überstehen könnten: von der Vorbereitung über die Raumfahrt bis zur robotischen Erkundung auf der Marsoberfläche.
„Mikrobielles Überleben wird nicht durch einen einzelnen Umweltstress bestimmt, sondern durch Kombinationen von Stresstoleranz-Mechanismen“, erklärt Venkateswaran. Diese Erkenntnis hat weitreichende Konsequenzen: Die NASA sollte ihre Strategien, andere Planeten zu schützen, überdenken und Pilze künftig stärker in den Blick nehmen.
Pilz könnte als blinder Passagier zum Mars mitreisen und auf der Oberfläche überleben
Die Studie zeigt, dass Aspergillus calidoustus ein Mikroorganismus ist, der die extremen Reinigungsbedingungen in Raumfahrteinrichtungen überleben, als blinder Passagier in einem Raumschiff mitreisen und auf robotischen Systemen auf der Marsoberfläche überleben könnte. „Zusammen tragen diese Untersuchungen dazu bei, die Strategien der NASA zum Schutz der Planeten sowie die Ansätze zur Bewertung mikrobiologischer Risiken für aktuelle und zukünftige Weltraumforschungsmissionen zu verfeinern“, sagt Venkateswaran.
Das Thema ist hauptsächlich vor dem Hintergrund relevant, dass Forschende bereits seit vielen Jahren nach Spuren von Leben auf dem Mars suchen. Würden irdische Mikroorganismen den roten Planeten kontaminieren, könnten sie mögliche Mars-Organismen überwuchern oder wissenschaftliche Messungen verfälschen. Im schlimmsten Fall würden Forscher irdisches Leben finden – und es für außerirdisch halten. Die Erkenntnis, dass Aspergillus calidoustus als blinder Passagier zum Mars gelangen könnte, ist deshalb ein Weckruf: Wer andere Welten erforschen will, muss erst lernen, sie vor sich selbst zu schützen. (Quellen: Studie, Pressemitteilung) (tab)