Besprechung Ärzte

Prävention erfordert Zusammenarbeit im gesamten Versorgungssystem

Die Prävention kardiovaskulärer Erkrankungen gehört zu den zentralen Aufgaben der modernen Medizin. Neben evidenzbasierter Pharmakotherapie ist eine koordinierte Versorgung über verschiedene medizinische Disziplinen hinweg entscheidend.

In der klinischen Realität betreuen häufig mehrere Akteure denselben Patienten: Hausärzte, Fachärzte, Kliniken, Rehabilitationszentren, Apotheken oder Pflegeeinrichtungen. Gerade bei älteren multimorbiden Patienten entsteht dadurch ein komplexes Versorgungsnetz.

Auf dem Symposium „Der Internist und natürlich auch die Internistin als Dirigent: hohes kardiovaskuläres Risiko früh erkennen und konsequent behandeln“ der Firma Amgen im Rahmen des Jahreskongresses der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) thematisierte Frau Prof. Rona Reibis aus Potsdam in ihrem Vortrag „Gleichklang im Orchester: das internistische Behandlungsteam über Fach- und Sektorengrenzen“, warum diese Zusammenarbeit häufig nicht optimal funktioniert – und welche Ansätze die Versorgung verbessern könnten.

Multimorbide Patienten benötigen koordinierte Betreuung

Ein typischer kardiologischer Patient ist häufig älter und leidet an mehreren chronischen Erkrankungen. Neben der koronaren Herzkrankheit treten häufig Diabetes mellitus, arterielle Hypertonie oder Nierenfunktionsstörungen auf.

Solche Patienten befinden sich regelmäßig in Behandlung bei verschiedenen Fachärzten. Idealerweise übernimmt der Hausarzt eine koordinierende Rolle innerhalb des Behandlungsteams.

In der Praxis gelingt diese Koordination jedoch nicht immer. Therapieentscheidungen werden teilweise isoliert getroffen, ohne dass alle beteiligten Ärzte eingebunden sind.

Unterschiedliche Perspektiven zwischen Hausärzten und Fachärzten

Ein wichtiger Grund für Abstimmungsprobleme liegt in den unterschiedlichen Perspektiven der beteiligten Fachgruppen.

Kardiologen orientieren sich häufig stark an klinischen Studien und Leitlinienempfehlungen. Der Fokus liegt dabei auf der Reduktion kardiovaskulärer Ereignisse und der Umsetzung evidenzbasierter Therapien.

Hausärzte hingegen haben einen ganzheitlichen Blick und müssen ein breiteres Spektrum berücksichtigen. Neben medizinischen Parametern spielen für sie auch Faktoren wie:

Multimorbidität,Pflegebedürftigkeit,psychosoziale Aspekte,funktionelle Einschränkungen,Sturzrisiko oder Lebensqualität

eine wichtige Rolle.

Diese unterschiedlichen Prioritäten können zu divergierenden Therapieansätzen führen.

Dass dadurch Umsetzungslücken in der Praxis groß sind, zeigen aktuelle Daten: 
Beispielsweise bestimmen nur rund 20 % der Kardiologen Lipoprotein(a), dieser Anteil liegt bei Allgemeinmedizinern sogar bei lediglich 3 %.

Leitlinienempfehlungen werden unterschiedlich interpretiert

Ein weiteres Spannungsfeld entsteht durch unterschiedliche Leitlinien.

Internationale Leitlinien, etwa der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC), empfehlen häufig eine möglichst intensive Prävention. Ziel ist es, jedes vermeidbare kardiovaskuläre Ereignis zu verhindern.

Nationale Versorgungsleitlinien (NVL) verfolgen teilweise einen pragmatischeren Ansatz und berücksichtigen stärker die Umsetzbarkeit im Praxisalltag.

Hausärztliche Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin (DEGAM) wiederum betonen häufig eine individualisierte Behandlung und warnen vor Übertherapie bei vulnerablen Patienten.

Diese unterschiedlichen Empfehlungen können im klinischen Alltag zu Widersprüchen und Unsicherheiten führen.

Kommunikation zwischen Versorgern bleibt häufig unzureichend

Eine der größten Herausforderungen in der intersektoralen Versorgung ist die Kommunikation.

Idealerweise sollten medizinische Informationen schnell und vollständig zwischen den beteiligten Ärzten ausgetauscht werden. In der Realität geschieht dies jedoch häufig nur unzureichend.

Zu den häufig genannten Problemen gehören:

Fehlende digitale Schnittstellen,eingeschränkter Zugang zu elektronischen Patientenakten (ePa),zeitaufwendige telefonische Rücksprachen,verzögerte Arztbriefe.

Gerade bei komplexen Patienten kann dies zu Informationsverlusten und Therapieinkonsistenzen führen.

Strukturelle Barrieren erschweren Präventionsarbeit

Neben Kommunikationsproblemen existieren auch strukturelle Hindernisse.
Das Vergütungssystem im Gesundheitswesen belohnt in vielen Fällen kurative Eingriffe stärker als präventive Maßnahmen. Für invasive Verfahren stehen häufig klar definierte Abrechnungsstrukturen zur Verfügung.

Für koordinierende Tätigkeiten oder präventive Beratung existieren hingegen oft weniger Anreize. Dadurch kann Prävention im Versorgungsalltag in den Hintergrund treten.
Auch unterschiedliche Vergütungsmodelle zwischen ambulanter Versorgung, Klinik und Rehabilitation erschweren eine koordinierte Betreuung.

Neben finanziellen Fehlanreizen erschweren zudem der grassierende Personalmangel und die damit verbundenen zeitlichen Barrieren eine engmaschige intersektorale Abstimmung zwischen den einzelnen Facharztgruppen und Praxen.

Praktische Strategien zur Verbesserung der Zusammenarbeit

Trotz dieser Herausforderungen gibt es verschiedene Ansätze, um die intersektorale Zusammenarbeit zu verbessern.

Eine zentrale Rolle spielt eine klare, strukturierte und horizontale Kommunikation zwischen den behandelnden Ärzten. Dazu gehört insbesondere:

Prägnante Arztbriefe mit klaren Anweisungen und Therapieempfehlungen,eindeutige Zielwertdefinitionen,transparente Dokumentation der Behandlungsstrategie,

Am konkreten Beispiel einer Lipidtherapie sollte als gemeinsamer Nenner für alle Fachgruppen sein, dass das LDL-Cholesterin prognostisch der wichtigste und zugleich am einfachsten zu beeinflussende Faktor ist.

Wichtige Informationen wie LDL-Zielwerte und notwendige Therapieanpassungen sollten für eine effiziente Kommunikation im Arztbrief klar hervorgehoben werden, so Prof. Reibis.

Netzwerke und persönliche Kontakte erleichtern die Abstimmung

Neben formalen Strukturen kann auch persönlicher Austausch die Zusammenarbeit verbessern.

Regionale Netzwerke zwischen Hausärzten und Fachärzten erleichtern häufig die Kommunikation und ermöglichen schnellere Abstimmungen im Behandlungsalltag.

Ein gegenseitiges Verständnis der jeweiligen Arbeitsbedingungen gilt dabei als wichtiger Faktor für eine erfolgreiche Kooperation.

Intersektorale Versorgung bleibt eine zentrale Herausforderung

Die Diskussion auf dem Symposium zeigt, dass die Umsetzung evidenzbasierter Präventionsstrategien stark von funktionierenden Versorgungsstrukturen abhängt.

Selbst wenn wissenschaftliche Evidenz und Leitlinienempfehlungen eindeutig sind, können strukturelle Hindernisse eine optimale Patientenversorgung erschweren.

Eine bessere Verzahnung der verschiedenen Versorgungssektoren könnte langfristig dazu beitragen, Präventionsstrategien effektiver umzusetzen.

Ausblick: Prävention braucht Systemlösungen

Die intersektorale Zusammenarbeit wird auch künftig eine zentrale Rolle in der kardiovaskulären Versorgung spielen.

Die elektronische Patientenakte, stärkere Digitalisierung von Prozessen (u. a. der digitale Arztbrief), verbesserte Kommunikationsstrukturen und angepasste Vergütungsmodelle könnten dazu beitragen, bestehende Barrieren abzubauen.

Langfristig wird entscheidend sein, Prävention nicht nur als medizinische Aufgabe, sondern als strukturelle Herausforderung des Gesundheitssystems zu verstehen.

Letztlich geht es darum, durch ein synchronisiertes Vorgehen aller Fachdisziplinen – vergleichbar mit einem harmonisch spielenden Orchester – den Patienten ein gesundes Altern zu ermöglichen, so Prof. Reibis.