Länger und länger zieht sich der Ton. Nach zwanzig Sekunden steigt er sogar noch weiter in die Höhe. Was die ukrainische Sängerin Leléka in ihrem Song „Ridnym“ vollkommen mühelos vorführt, dürfte die längste Vokalise sein, die je auf einer ESC-Bühne gesungen wurde.

Wie kam es zu diesem im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubenden Special Effect abseits von Konfetti, Feuer und Nebel? Leléka erklärt es bei einem Videotelefonat aus Kyjiw, wo sie sich auf den Wettbewerb vorbereitet: „Dieser lange Ton ist ein Symbol dafür, dass Unmögliches möglich ist. Dafür, dass man alles aushalten kann, wenn man in seinem Inneren ein Licht, einen Glauben oder eine Hoffnung hat“, sagt sie.

In diesen dunklen Zeiten sei es schwer, die Hoffnung zu bewahren. Sie wolle zeigen, dass es trotz allem möglich ist. Die Ukraine hält seit über vier Jahren Unglaubliches aus. Ihren Landleuten etwas Licht zu schenken, ist ein wichtiges Motiv der Sängerin, die 1990 in einer Bergbaustadt in der Donbas-Region Dnipropetrowsk zur Welt kam.

Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen von unseren Redakteuren ausgewählten, externen Inhalt, der den Artikel für Sie mit zusätzlichen Informationen anreichert. Sie können sich hier den externen Inhalt mit einem Klick anzeigen lassen oder wieder ausblenden.

Externen Inhalt anzeigen

Ich bin damit einverstanden, dass mir der externe Inhalt angezeigt wird. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr Informationen dazu erhalten Sie in den Datenschutz-Einstellungen. Diese finden Sie ganz unten auf unserer Seite im Footer, sodass Sie Ihre Einstellungen jederzeit verwalten oder widerrufen können.

Die zentralen Songzeilen „When we oppose our fears/ And turn all our woes to cheers/ We’ll see the trees grow even taller“ lassen sich allerdings auch universell und individuell verstehen. Die Bedeutung des ukrainischen Titels „Ridnym“, den die 35-jährige Sängerin mit „An meine Liebsten“ übersetzt, fasst sie ebenfalls weit. Letztlich seien damit „alle Menschen, die humanistische Werte schätzen“, gemeint.

Weekender: Unsere Tipps für Ihr Wochenende

Zu viel Kultur, zu wenig Zeit? Unser „Weekender“-Newsletter sortiert Berlins Highlights für Ihr Wochenende – persönlich kuratiert, kostenlos im Postfach.

Einen ersten Impuls zum Schreiben des Lieds hatte die Sängerin, die 2014 für ein Gesangsstudium nach Deutschland kam, kurz nach dem Start der russischen Vollinvasion in der Ukraine. „Es hat mich sehr bewegt, die vielen Proteste in Berlin zu sehen, bei denen nicht nur Ukrainer*innen auf die Straße gingen, sondern Menschen aus ganz verschiedenen Ecken der Welt“, erinnert sich Leléka, die 2015 in der deutschen Hauptstadt eine Band gegründet hat. Bei den ersten Auftritten sammelte sie Geld für Hilfsprojekte von Freunden im Osten der Ukraine – dort hatte die russische Aggression nach der Annexion der Krim ja bereits lange vor 2022 begonnen.

Die Band trägt den Namen Leléka, was Storch bedeutet und seit einigen Jahren auch der offizielle Nachname der Sängerin ist. Ihr Vorname lautet Viktoria. Zusammen mit drei deutschen Musikern spielt sie traditionelle ukrainische Lieder in kammerjazzigen Versionen. Ihr Debütalbum „Sonce u Serci“ kam 2021 heraus, im Jahr darauf war die Band für den Deutschen Jazzpreis nominiert. Zuletzt erschien im vergangenen Jahr „Kolysanky“ (Wiegenlieder).

When we oppose our fears/ And turn all our woes to cheers/ We’ll see the trees grow even taller.

Leléka im ESC-Song „Ridnym“

Der ESC-Song „Ridnym“, an dem Leléka-Schlagzeuger Jakob Hegner mitgeschrieben hat, wird von einem Streicherarrangement getragen und bewegt sich auf poppigerem Terrain. Vor allem wenn in der Mitte plötzlich Breakbeats und düstere Synthies in ihn einbrechen. Hier wechselt die Sängerin ins Ukrainische, ihre Stimme klingt bestimmter, weniger feenhaft-sanft.

Dieser Songteil steht für „die schreckliche Realität, in der wir leben“, sagt die Sängerin im Gespräch, das die meiste Zeit ohne Bild stattfindet, denn die Internetverbindung ins weiterhin von russischen Drohnen und Bomben drangsalierte Kyjiw ist an diesem Morgen wackelig.

Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen von unseren Redakteuren ausgewählten, externen Inhalt, der den Artikel für Sie mit zusätzlichen Informationen anreichert. Sie können sich hier den externen Inhalt mit einem Klick anzeigen lassen oder wieder ausblenden.

Externen Inhalt anzeigen

Ich bin damit einverstanden, dass mir der externe Inhalt angezeigt wird. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr Informationen dazu erhalten Sie in den Datenschutz-Einstellungen. Diese finden Sie ganz unten auf unserer Seite im Footer, sodass Sie Ihre Einstellungen jederzeit verwalten oder widerrufen können.

Der elektronische Songteil verweist zudem auf ein weiteres Projekt, das die Sängerin seit ein paar Jahren unter dem Namen Donbasgrl betreibt. Dieses finsterer angelegte Alter Ego sei für sie „ein therapeutisches Projekt, in dem ich lerne, das Licht in mir zu verteidigen“, so Leléka, die in ihrem ESC-Lied einen Kampf zwischen Hell und Dunkel sieht.

Die Sängerin ist in der Industriestadt Schachtarske aufgewachsen. Sie liegt zwischen Donetsk und Dnipro, in einer Region, die noch nicht okkupiert ist, aber sehr nah an der Frontlinie. Lelékas Eltern – eine Kindertheatermacherin und ein Choreograf – sind nach Deutschland geflohen. Als Leléka klein war, hatte sie Klavierunterricht, sang viel und hörte eines Tages von ihrer Mutter den Satz „Wer Jazz spielen kann, kann alles spielen“, was in ihr eine große Neugier auf diese verheißungsvolle Macht entfachte.

Sie spricht perfekt Deutsch

An der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden, wo sie Jazzgesang studierte, und am Jazzinstitut in Berlin hat sie das Genre eingehend erforscht – und nebenbei ein nahezu makelloses Deutsch gelernt. Die Motivation dafür kam aus der eigenen Familiengeschichte, denn eine von Lelékas Urgroßmüttern gehörte zu den Wolga-Deutschen, ihre Oma Erna sprach allerdings nur noch wenige Worte Deutsch.

„Es ist traurig, wenn man eine Sprache in der Familie hat, die dann plötzlich verschwindet. Deswegen war es mir wichtig, Deutsch zu lernen – genauso wie Ukrainisch.“ Auch diese Sprache sei aufgrund der Russifizierung aus ihrer dadurch vielfach traumatisierten Familie gedrängt worden, sagt Leléka.

Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen von unseren Redakteuren ausgewählten, externen Inhalt, der den Artikel für Sie mit zusätzlichen Informationen anreichert. Sie können sich hier den externen Inhalt mit einem Klick anzeigen lassen oder wieder ausblenden.

Externen Inhalt anzeigen

Ich bin damit einverstanden, dass mir der externe Inhalt angezeigt wird. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr Informationen dazu erhalten Sie in den Datenschutz-Einstellungen. Diese finden Sie ganz unten auf unserer Seite im Footer, sodass Sie Ihre Einstellungen jederzeit verwalten oder widerrufen können.

Das Verdrängte wiederzubeleben, ist ein Akt des privaten Widerstandes. Auf der Bühne Ukrainisch zu singen, hat eine politische Dimension, bestreitet der russische Imperialismus doch deren Eigenständigkeit.

Die Kultur ihrer Heimat feiert Leléka beim ESC überdies mit dem Einsatz eines besonderen Instruments: In „Ridnym“ ist eine Bandura zu hören. Der Klang dieser ukrainischen Lautenzither erinnert an eine Harfe. Leléka findet ihn „unglaublich schön“ und freut sich, dass dieses alte Instrument in Wien für knapp drei Minuten eine große Bühne bekommen wird. Ein Bandurist wird dort ihr einziger Begleiter sein.

Unterstützung von ukrainischen ESC-Stars

Einige Tage nach dem Gespräch wird sich Leléka auf den Weg nach Österreich machen, der für sie ein längerer und gefährlicherer ist als für ihre 34 Konkurrent*innen. Wenn sie am kommenden Donnerstag im zweiten Halbfinale antritt, werden ihr in der Ukraine sicher auch viele Menschen die Daumen drücken, die nach ihrem Sieg im nationalen Vorentscheid noch darüber diskutierten, ob jemand, der so lange im Ausland lebt, das Land überhaupt repräsentieren könne.

Solche Debatten gebe es in jedem Jahr, sagt die Sängerin. „Egal, wer gewinnt, wir diskutieren lang und emotional.“ Der ESC ist in der traditionell stark abschneidenden Ukraine eben eine große Sache. Die Sängerin kann die Kritik aber auch nachvollziehen: Sie zeige die offene Wunde einer Gesellschaft, die von Krieg, Flucht und Migration zerrissen ist.

Mehr zum ThemaUkrainische Dragkünstlerin Verka Serduchka „Auch bei Sirenenlärm kann man lachen und singen“ Der ukrainische Chor Homin Vom TikTok-Hype zur Europa-Tournee Ukrainischer Popstar Jerry Heil im Interview „Ich denke ständig an die Jungs an der Front“

Inzwischen sei die Aufregung aber verflogen, sagt sie: „Ich spüre vor allem Unterstützung.“ Die kommt auch von früheren ukrainischen ESC-Teilnehmenden wie Jamala, Verka Serduchka oder der Band Ziferblat, die ihr Tipps für den Wettbewerb gegeben haben. Und sie alle werden den Atem anhalten, wenn Leléka ihren langen Ton in den Himmel schickt.