Der ehemalige IBM-Hauptsitz in London gilt als Ikone brutalistischer Architektur. Nun wurde der denkmalgeschützte Gebäudekomplex sensibel und ökologisch behutsam revitalisiert.
12. 05. 2026, 00:01 Uhr
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Das dynamische Viertel Southbank am Südufer der Themse ist ein Hotspot der Londoner Kulturszene. Zu den bedeutendsten Kunsteinrichtungen zählt hier auch das Royal National Theatre direkt am Flussufer der Themse. 1976 entstand das Theater nach Entwürfen des englischen Architekten Denys Lasdun.
1983 vollendete Lasdun seine architektonisch-städtebauliche Vision auf dem Nachbargrundstück mit dem Bau des IBM-Marketing-Centers. Die beiden Gebäude beeindrucken als spätbrutalistisches Ensemble mit strenger horizontaler Linienführung, rauen Sichtbetonoberflächen und imposanten Betonkörpern. Die damals von Lasdun fein ausbalancierte Symmetrie der beiden Bauwerke lässt sich auch heute noch von der nahe gelegenen Waterloo Bridge aus bestaunen.
Um den nach dem Auszug von IBM drohenden Teilabriss zu verhindern, stellte die Stadt London 2020, wie schon 1994 das National Theatre, das ehemalige IBM-Gebäude unter Denkmalschutz. Das Londoner Architekturbüro AHMM entwickelte daraufhin für den Bürokomplex „76 Southbank“ ein Umbaukonzept, das vorsah, das Gebäude nicht nur sorgfältig zu sanieren, sondern auch einen Großteil der ursprünglich verwendeten Materialien wieder einzusetzen.
Betonstruktur erhalten
Das Konzept der Architekten verfolgte eine Modernisierung des Gebäudes in mehreren Schritten. Nach erfolgter CO2-armer Kernsanierung und energetischer Optimierung sollte die Nutzfläche durch die Aufstockung eines Staffelgeschoßes und Erweiterungen im Süden und Osten um 11.000 Quadratmeter vergrößert und die neue Bürofläche hocheffizient ausgerüstet und flexibel gestaltet werden. Für die Erfüllung der hohen Nachhaltigkeitsziele mussten die in der Bausubstanz gebundenen CO2-Emissionen sowie das Abfallaufkommen bei der Entkernung so weit wie möglich reduziert werden. Dafür wurden alle Baumaterialien aus dem Bestand und für den Neubau einer umfassenden Bewertung hinsichtlich ihres ökologischen Fußabdrucks unterzogen und zum Teil aufwendige Umweltverträglichkeitsprüfungen vorgenommen.
Trotz Entkernung und Rückbau von Keller und Erdgeschoß konnten 80 Prozent der Betonstruktur erhalten und damit CO2-Emissionen durch Abriss verhindert werden. Über 200 Fassadenteile aus Beton oder Granit mit bis zu 10 Tonnen Gewicht wurden zurückgebaut und zum Teil im Projekt, zum Teil an anderer Stelle wiederverwendet. Ebenso 27.360 Bodenfliesen, 95 Tonnen Pflastersteine und 71 Tonnen Ziegelsteine. Es wurden neue Fundamente eingebracht und neue Betonstützen gesetzt, bei denen Hüttensand 50 Prozent des Zements ersetzte. Recycelte Stahlträger und -stützen mit einem Gesamtgewicht von 42 Tonnen wurden eingebaut und auch für den Hohlraumboden in den Büros wurde recycelter Stahl verwendet.
CO2-Reduktion der Fassade
Die Fassade macht einen beträchtlichen Teil des in dem Projekt gebundenen CO2 aus. Daher hatte die Konstruktion der neuen Fassade eine große Bedeutung bei der Erfüllung der Nachhaltigkeitsziele. Beim Rückbau der Fassade konnten zwar 62 der denkmalgeschützten Fassadenpaneele und 20 Kernfassadenpaneele erhalten und beim Wiederaufbau der Fassade wiederverwendet werden, alle weiteren Fassadenelemente aus Beton mussten neu erstellt werden. Für die neuen Waschbetonplatten wurde Kies aus dem originären Steinbruch verwendet und in Handarbeit aufgebracht.
Fit für die Zukunft
Die erfolgreiche Transformation wurde bereits zweifach ausgezeichnet. Mit ihrer Sanierungsstrategie und der respektvollen Umgestaltung haben die Projektbeteiligten der Betonikone eine Zukunft gesichert. Das „76 Southbank“ bedankt sich mit aufwendig begrünten Fassaden und Außenterrassen und einem einladenden Eingangsbereich und so für eine neue Akzeptanz der strengen Betonarchitektur in dem kreativen Stadtteil.


