Steigende Spannungen zwischen den USA und Iran haben den Ölpreis bereits auf ein Sechsmonatshoch getrieben. Angesichts der wachsenden Spannungen zwischen Washington und Teheran und einer möglichen militärischen Eskalation hat der Iran für den Fall eines Angriffs „entschlossene und angemessene“ Gegenmaßnahmen angekündigt. Experten fürchten nun zwei Szenarien, die den Ölpreis in die Höhe treiben könnten:
Es könnten Ausfälle bei Irans Öl-Förderung und Exporten drohen. Oder noch schlimmer: eine Störung der Straße von Hormus, durch die rund ein Viertel des weltweiten seegestützten Ölhandels läuft. US-Präsident Donald Trump hat laut Bloomberg einen „begrenzten Schlag“ gegen den Iran ins Spiel gebracht, um Teheran zu einem raschen Abkommen über sein Atomprogramm zu bewegen.
Für den globalen Ölmarkt ist der Iran nicht mehr der Schwergewichtsproduzent früherer Jahrzehnte, dennoch kann schon ein begrenzter Ausfall spürbar werden: Der Iran steht für rund drei Prozent des globalen Angebots und fördert etwa 3,3 Millionen Barrel pro Tag. Größer als das Risiko bei der iranischen Produktion ist jedoch der geopolitische „Multiplikator“ auf der Straße von Hormus: Eine ernsthafte Störung dieses Korridors würde nicht nur iranische Exporte treffen, sondern auch Lieferungen aus Saudi-Arabien, Irak, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Katar.
Historisch war der Iran in den 1970er-Jahren ein zentraler Öllieferant mit mehr als zehn Prozent der Weltproduktion und eine der tragenden Säulen der Opec. Nach der Revolution 1979, dem Rückzug ausländischer Konzerne und jahrelang geringeren Investitionen fiel die Produktion und erreichte die Spitzenwerte nie wieder. Der nächste Bruch kam 2018, als die erste Trump-Regierung aus dem Atomabkommen ausstieg und Sanktionen wieder verschärfte.
Heute ist der Iran laut den im Text genannten Jänner-Daten der viertgrößte Opec-Produzent – hinter Saudi-Arabien, Irak und den VAE.
Unter dem Sanktionsregime ist China der zentrale Kunde und nimmt laut Bloomberg rund 90 Prozent der iranischen Rohölexporte ab – häufig mit deutlichen Abschlägen und über schwer nachverfolgbare Handelswege. Offizielle chinesische Zolldaten weisen demnach seit Mitte 2022 keine iranischen Importe mehr aus; tatsächlich laufen die Lieferungen laut Schiffs- und Analysedaten (Kpler) aber weiter. Diese Ströme hätten im Jänner knapp 1,25 Millionen Barrel pro Tag erreicht (gegenüber 898.000 ein Jahr zuvor). Weitere Abnehmer werden in der Meldung nur in kleinerem Umfang genannt, etwa Syrien.
Ein großer Teil der iranischen Produktion – Bloomberg nennt „bis zu zwei Millionen Barrel pro Tag“ – fließt zu chinesischen Raffinerien. Würden diese Mengen ausfallen, müsste China kurzfristig alternative Lieferanten finden. Das würde den Preis nach oben treiben, selbst wenn andere Produzenten technisch in der Lage wären, einen Teil zu kompensieren: Ersatzbarrel sind nicht automatisch sofort verfügbar, und logistische Engpässe können die Lage verschärfen.
Die Straße von Hormus verbindet den Persischen Golf mit dem Arabischen Meer. Der Iran hat in der Vergangenheit wiederholt erklärt, im Ernstfall eine Blockade erzwingen zu können, auch wenn eine wirksame Sperre bislang nicht gelungen ist. Würde es dennoch zu gravierenden Einschränkungen kommen, wären neben Öl auch LNG und LPG (Flüssiggas) betroffen.
Durch den Engpass fließen laut Bloomberg rund 16,5 Millionen Barrel Öl pro Tag. Besonders exponiert ist Saudi-Arabien, das etwa fünf Millionen Barrel täglich über Hormus exportiert. Das Land kann aber einen Teil über eine Pipeline zu einem Hafen am Roten Meer umleiten. Auch die VAE können bis zu 1,5 Millionen Barrel pro Tag per Pipeline zum Golf von Oman an Hormus vorbeiführen. Diese Ausweichrouten mildern das Risiko, ersetzen den Seeweg aber nicht vollständig.
Erfahrungsgemäß reagiert der Markt schon auf das „Risiko an sich“: Bloomberg verweist auf eine Phase erhöhter Spannungen im Juni 2025 während eines 12-tägigen Israel-Iran-Konflikts, in der die Frachtrate für Supertanker Richtung China spürbar ansprang – ein Hinweis, wie schnell Versicherung, Transportkosten und Risikoaufschläge den Preis beeinflussen können.
Für Iran sind Ölexporte trotz Diversifizierungsversuchen zentral. Die Branche trug laut Bloomberg 2023 rund zwei Prozentpunkte zum BIP-Wachstum bei (bei rund fünf Prozent Gesamtwachstum). Gleichzeitig drücken Sanktionen die Erlöse: Iran verkauft demnach mit deutlichem Abschlag gegenüber internationalen Benchmarks. Bloomberg schätzt die Einnahmen allein im November auf rund 2,7 Milliarden Dollar – kalkuliert mit einem rabattierten Ölpreis von 45 Dollar je Barrel nach Abzug von Versand- und sonstigen Kosten.
Zusätzlicher Druck könnte entstehen, wenn Trumps „Maximum Pressure“-Kurs chinesische Käufer abschreckt oder Iran Preiszugeständnisse machen muss, um gegen stark verbilligtes russisches Öl zu bestehen. (duc/est/Bloomberg)