György Kurtág ist der letzte Überlebende der großen Komponistengeneration um Luigi Nono, Pierre Boulez und György Ligeti, er mustert seine Besucher mit einem stechenden Blick, der sofort verrät, dass da nicht irgendein 100-Jähriger in seinem Lieblingssessel sitzt. In der Bachtrack-Statistik für 2025 war er in der Top Ten der meistgespielten lebenden Komponisten, nach all den Jubiläumskonzerten zu seinem Hundertsten wird er heuer wohl auch die Top Drei stürmen. Neben ihm liegt eine offene Haydn-Partitur, wegen seines schlechten Gehörs muss er Musik mittlerweile lesen. Als er zu erzählen anfängt, redet er langsam, aber klar. Im Kopf ist er voll da, in seiner kleinen, modern eingerichteten Wohnung im Budapest Music Center.
Kurtág gilt seit Jahrzehnten als einer der wichtigsten Zeitgenossen der Musikszene. Stars wie Sir András Schiff, Mitsuko Uchida oder Igor Levit schwören auf seine Klavierminiaturen, seine erste Oper „Fin de Partie“ wurde 2018 in der Mailänder Scala uraufgeführt und seitdem auch in Wien, Berlin und Paris gefeiert. Eine beeindruckende Karriere – hinter der sich allerdings jahrelange Schaffenskrisen und Schreibblockaden verbergen. Auf der Suche nach deren Ursprung landen wir zunächst in Frankreich: „1957 war das einzige Jahr meines Lebens, als ich geraucht habe. Ich lebte damals in Paris und aß so viel, dass ich danach 20 Kilo abnehmen musste.“
1957 steckte Kurtág also schon in einer Krise. Dabei war er endlich im Westen und nahm Unterricht bei Darius Milhaud und Olivier Messiaen. „Milhauds Musik war mir zu dünnflüssig, als Mensch war er aber unglaublich sympathisch. Messiaens Analysen von Strawinsky, Debussy und Mozart fand ich großartig.“ Geschichten über die beiden muss man ihm aber entlocken, er erzählt lieber über seine Begegnung mit der Psychologin Marianne Stein: „Für mich war sie im Rückblick viel wichtiger.“ Die Therapie bei ihr war so einschneidend, dass Kurtág sein Leben immer noch in davor und danach unterteilt. „Sie schaffte es rein über Gespräche, dass ich nach fast zwei Jahren wieder zu komponieren begann.“
Die von den Sowjets blutig niedergeschlagene Ungarische Revolution von 1956 war offensichtlich ein Auslöser seiner Schaffenskrise: „Damals ist meine ganze Welt zusammengebrochen. Bis dahin waren die Russen für mich Befreier, ich wusste nicht, dass auch sie Konzentrationslager betrieben.“ Kurtágs Freund und Kollege György Ligeti verließ mit der Emigrationswelle nach der Revolution das Land und wurde im Westen schon in den 60-er Jahren weltberühmt. Kurtág blieb in der Heimat, fast aber wäre es anders gekommen: „Eigentlich wollten wir mit Ligeti gemeinsam in den Westen. Hier könne man nicht mehr komponieren, meinte er. Ich musste davor aber mit meiner Frau unseren Sohn abholen, den wir nach dem Ausbruch der Kämpfe außerhalb der Stadt in Sicherheit gebracht hatten. Wegen einer Explosion konnte unser Zug dann lange nicht zurück nach Budapest fahren, sodass die Ligetis ohne uns abfuhren. Wir saßen schon im nächsten Zug Richtung Westen, aber die Schwiegermutter Ligetis holte uns mit der Information ein, dass die Grenze geschlossen war.“
Kurtág gab den Traum von der Emigration nicht auf, 1957 wurde ihm mit seiner Frau ein Aufenthalt in Paris offiziell genehmigt. Sie fuhr nach wenigen Wochen aus Paris zurück, um György Junior zu holen. „Man ließ sie fast ein halbes Jahr glauben, dass auch er ausreisen dürfe, bis ihr am Ende jemand aus dem Ministerium mitteilte: Mit dem Kind werden wir Sie das Land nie verlassen lassen.“
Von seiner Schaffenskrise in Paris springt Kurtág plötzlich zum Zweiten Weltkrieg – offensichtlich eine weitere prägende Station in seiner von Traumata geprägten Jugend. Im nördlichen Teil Siebenbürgens ermordeten die Nazis und ihre ungarischen Helfer fast alle Jüdinnen und Juden. Kurtág überlebte Krieg und Holocaust in Timișoara; die Stadt gehörte bis zum Ersten Weltkrieg ebenfalls zu Ungarn, blieb aber auch nach 1940 bei Rumänien. Dort war die Lage weniger lebensgefährlich, außerdem konnte er sich mit seiner jüdischen Familie im letzten Moment protestantisch taufen lassen. „Ich konfirmierte zweimal, erst jüdisch, dann protestantisch. Ich wollte zu meinem Wort stehen und hatte deshalb jahrelang vor, Theologie zu studieren.“ Während er bei den Piaristen lernte, gelangte er über Freunde in den antifaschistischen Untergrund. „Konkret habe ich nur einmal im Widerstand mitgeholfen, ich spielte den Liebhaber einer Kämpferin, die dabei Flugblätter verteilte. Piaristen und Antifaschismus, eine nette Mischung, oder?“
Auch nach dem Einmarsch der Russen behielt er seinen Sinn für ungewöhnliche Kombinationen: „Ich wurde auf Bitten des Bischofs von Timișoara Kantor, gleichzeitig schrieb ich für eine kommunistische Zeitung.“
Eigentlich wollte er aber so schnell wie möglich nach Budapest, um bei Béla Bartók zu studieren. Er überquerte die Grenze illegal, „in einen Zug, der für Schmiergeld nicht kontrolliert wurde“. Bei der Aufnahmeprüfung erwarteten ihn schwarze Flaggen: Bartók war noch im Exil in den USA gestorben. Er verlor damit sein Vorbild, traf dafür bei der Prüfung den drei Jahre älteren Ligeti. „Als ich seine Kompositionen sah, wusste ich, dass er kein Student, sondern ein fertiger Komponist war.“ Die beiden jungen Györgys teilten ihre jüdische Herkunft, die Kindheit in Rumänien, die Liebe zu Bartók, sie wurden lebenslange Freunde.
Die nächste prägende Begegnung war die mit seiner späteren Frau Márta bei ihrem Klavierlehrer, den er noch aus Rumänien kannte. „Ihr Lehrer meinte zu ihr, ich sei ein begabter Pianist.“ Kurtág mimt überraschend authentisch eine zutiefst skeptische junge Frau: „Er? Dieser Idiot ein begabter Pianist?“ Die Erinnerung bringt ihn zum ersten Mal im Gespräch zum Lachen. „Ich sollte etwas spielen, nach zwei Minuten aus Liszts ,Marchant sur les flots’ entschied sie sich, mich zu heiraten, meinte sie später.“ Márta gab für ihn ihre vielversprechende Karriere als Pianistin auf und wurde seine wichtigste Ersthörerin und Kritikerin. Ihre gemeinsamen Auftritte genießen mittlerweile Legendenstatus, auf YouTube hat ein Video mit den Beiden eine halbe Million Views. Wie sie da mit überkreuzten Händen seine zarten Bach-Bearbeitungen spielen, scheinen sie fast zu einer Person zu verschmelzen.
Nach der erzwungenen Rückkehr aus Paris unterrichtete Kurtág Klavier und komponierte nur nebenbei, bis ihn sein Chef überzeugte, sich aufs Komponieren zu konzentrieren. „Ich unterrichtete Zoltán Kocsis und András Schiff, hätte sie aber hauptsächlich auf Wettbewerbe vorbereiten sollen. Ich übergab sie dann an Ferenc Rados, der Stars aus ihnen machte. Stattdessen fing ich an, in Vollzeit zu komponieren, motiviert von meinem Chef in der Akademie, András Mihály. Später stellte sich heraus, dass Mihály der Cousin von Marianne Stein war. Ein seltsamer Zufall, ich verdanke beiden Cousins sehr viel.“
Langfristig konnte auch die Therapie in Paris seine Schreibblockaden nicht beenden, immer wieder konnte er wochenlang nicht schreiben. „Ich war dann wie gelähmt.“ War es eine Depression? „Ja, das kann schon sein.“ Eine zweite Marianne Stein traf er nicht, die späteren Blockaden löste er durchs Zeichnen. „Das ging mit dem Rauchen in Paris los. Ich begann mit Zigarettenstümmeln und Streichhölzern Formen auf dem Boden auszulegen. Irgendwann konnte ich das Putzen nicht mehr weiter aufschieben, also zeichnete ich die Formen ab. Und dann blieb ich beim Zeichnen. Dabei musste ich in der Schule zweimal eine Nachprüfung in Zeichnen machen.“ So fand er zu seiner Musiksprache: „Ich fand in meinen Zeichnungen die Formen, die ich dann komponierte. Das waren keine akademischen Zeichnungen, ich hielt den Stift so (er zeigt seine geballte Faust) und gab krampfhaft Signale ab.“ „Verdichtetes Atom“ nennt er diese extreme Komprimierung, für die seine meist kurzen, dichten Stücke bekannt sind.
Auch mit knapp 100 arbeitet er noch fleißig: „Am Vormittag komponiere ich, am Nachmittag schlafe ich, mache so aus dem Abend einen zweiten Arbeitstag.“ So entstand seine zweite Oper „Die Stechardin“, die beim Minifestival zu seinem 100. Geburtstag am 20. Februar in Budapest uraufgeführt wird. Das Libretto ist von Christoph Hein. „Es geht um…“ Eine lange, schwere Pause folgt, dann sagt Kurtág mit leiser, gebrochener Stimme: „Ich lebe schon sechs Jahre ohne Márta. Auch mein Librettist Christoph Hein verlor seine Frau, wir versuchen, diesen Verlust zu verarbeiten.“
Nach Mártas Tod war er besonders lang gelähmt, bevor er wieder zu schreiben begann. Nach der Frage, wie er diese letzte Blockade überwunden hat, schweigt er lang. „Das weiß ich eigentlich gar nicht“, antwortet er schließlich leise und schweigt weiter. „Es ist immer noch schwer. Ich war 72 Jahre mit Márta und warte nur noch darauf, dass wir endlich wieder zusammen sind.“