Sie reguliert Blutzucker, Verdauung und hält den Körper im Gleichgewicht – die Bauchspeicheldrüse. Das Tückische: Wenn sie erkrankt, bleiben Symptome lange unerkannt. Wie Sie Probleme früh erkennen und welcher Durchbruch in der Krebstherapie ansteht.

Die Bauchspeicheldrüse ist ein tückisches Organ. Sie arbeitet im Stillen, reguliert den Blutzuckerspiegel und trägt zur Verdauung bei. Funktioniert die Bauchspeicheldrüse nicht mehr richtig, bleibt das lange unbemerkt. „Viele Menschen wissen gar nicht, dass in ihrem Körper eine Zeitbombe tickt“, sagt Christoph Michalski im Gespräch mit WELT. Er ist ärztlicher Direktor der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Transplantations-Chirurgie am Universitätsklinikum Heidelberg.

Dabei sind die Prozesse, die das keilförmige Organ steuert, lebensnotwendig. Die Bauchspeicheldrüse – auch Pankreas genannt – ist Teil des Verdauungs- und Hormonsystems. Jeden Tag produziert das Organ 1,5 bis zwei Liter Verdauungssaft. Beim Essen strömt die Flüssigkeit durch den Ausgang des Organs in den Dünndarm. Mehr als 20 verschiedene Enzyme, die in dem Verdauungssaft enthalten sind, beginnen, Fette, Proteine und Kohlenhydrate in winzige Bauteile aufzuspalten, damit der Körper sie aufnehmen kann.

Die hormonelle Funktion besteht darin, Insulin und Glukagon ins Blut abzugeben. Gemeinsam regulieren sie den Stoffwechsel und den Blutzuckerspiegel. Braucht der Körper dringend etwas zu essen, hebt das Glukagon den Blutzuckerspiegel an. Schießt dieser nach einer Mahlzeit in die Höhe, reguliert das Insulin den Blutzuckerhaushalt nach unten. Gerät dieses fein abgestimmte System jedoch aus dem Gleichgewicht, drohen schwerwiegende Folgen.

„Diabetes mellitus, Schmerzen zwischen Brust- und Bauchnabel, die nach vorn oder hinten oder gürtelförmig ausstrahlen, können Anzeichen für eine Pankreatitis sein“, erklärt Michalski. Eine Pankreatitis ist eine Entzündung der Bauchspeicheldrüse. Der Chirurg ist spezialisiert auf komplizierte Operationen dieses Organs und erklärt, dass vor allem die diffusen Warnsignale, die die Bauchspeicheldrüse bei einer Funktionsstörung sendet, schwer einzuordnen seien. Insbesondere bei Frauen seien derartige Symptome gleichermaßen Anzeichen eines Herzinfarkts oder eines Magengeschwürs, so Michalski.

Verdauungsprobleme, Rückenschmerzen oder Fettstühle

Als häufigste Ursache einer Bauchspeicheldrüsenentzündung gelten etwa Gallensteine. Bleiben sie in der Mündung des gemeinsamen Ausführungsgangs von Gallenwegen und Bauchspeicheldrüse stecken, blockieren sie das Hinausströmen des Verdauungssafts. Die Bauchspeicheldrüse droht, sich selbst zu verdauen, und entzündet sich. Auch Alkoholkonsum zählt zu den häufigsten Ursachen für eine Pankreatitis.

Zu den besonders alarmierenden Anzeichen einer Erkrankung der Bauchspeicheldrüse zählen Verdauungsprobleme, Rückenschmerzen oder Fettstühle. Einen Fettstuhl erkenne man daran, dass der Stuhl von einer gelblichen Fettschicht umgeben ist, erklärt der Chirurg. „Der Stuhl verfärbt sich, weil die Galle nicht mehr in den Darm hineinkommt“, fügt er hinzu.

Besonders beim Bauchspeicheldrüsenkrebs zeigt sich das Problem: Die Anzeichen zeigen sich spät, unspezifisch und diffus. Treten diese Anzeichen auf, könne das auf ein Pankreaskarzinom hinweisen. Zudem stelle ein starker, ungewollter Gewichtsverlust ein großes Warnsignal für Pankreaskrebs dar, warnt der Chirurg. Wird die Krankheit schließlich erkannt, hat sich der Tumor oft bereits auf die umliegenden Organe ausgebreitet – eine Heilung ist kaum noch möglich.

Manche Betroffene berichteten auch von ausstrahlenden Schmerzen, weil die Tumorzellen entlang der Nerven Richtung Wirbelsäule wachsen würden und dort die gesunden Zellen zerstören. Bauchspeicheldrüsenkrebs zählt zu den aggressivsten Krebsformen überhaupt. Die Anzahl der Neuerkrankungen und Sterbefälle ist nahezu identisch, so Daten des Robert-Koch-Instituts. Nur rund acht Prozent der Patienten mit Bauchspeicheldrüsenkrebs überleben die ersten fünf Jahre nach der Diagnose.

„Wenn ein Karzinom entsteht, gibt es ein rasantes, symptomfreies Wachstum der bösartigen Zellen“, so der Chirurg. Warum die Krebszellen in diesem Organ schneller wachsen als andere, müsse weiter erforscht werden. Das Hauptproblem sei jedoch, dass das Karzinom erst dann erkannt werde, wenn sich bereits Metastasen gebildet haben. Metastasen sind sogenannte Tochtergeschwülste, die sich in anderen Teilen des Körpers ausbreiten und dort für weitere Tumore sorgen.

Beim Pankreaskarzinom streuen die Krebszellen meist in die Leber, die Lunge oder ins Bauchfell. Ärzte vermuten, dass ein Pankreaskarzinom bedeutend früher als andere Tumore, schon in kleinem Stadium fähig ist, Metastasen zu bilden. So könne es schon innerhalb weniger Monate zu einem stillen, flächendeckenden Krebsbefall im Körper kommen.

„Die Symptome sind so gering und unspezifisch, dass bei Rückenschmerzen erst einmal die Wirbelsäule untersucht und Physiotherapie verschrieben wird, bis man dann darauf kommt, dass es ein Tumor an der Bauchspeicheldrüse ist. Dann ist es oft zu spät und unheilbar – der Tumor hat bereits gestreut“, so Michalski. Dann sei auch eine Operation aussichtslos. „Der andere Punkt ist, dass es keine guten zielgerichteten Therapien gibt“, bedauert Michalski. Und weiter: „Die Chemotherapie, die wir haben, wirkt häufig auch nicht richtig gut.“

Stück für Stück zerstören die Metastasen dann das befallene Organ. „Das Pankreaskarzinom wächst unkontrolliert und zehrt den Körper des Patienten richtig aus“, sagt Michalski. Der Patient esse zu wenig, nehme rasant an Gewicht ab. „Die Tumore sind höchstens drei, vier Zentimeter groß, aber so aggressiv, dass man das nicht überleben kann.“

Operationen an der Bauchspeicheldrüse gelten als besonders schwieriges Unterfangen. „Einerseits ist es die Lage des Organs, ganz hinten im Körper, andererseits beziehen die Tumore meist auch die Gefäße mit ein, die Leber und Darm mitversorgen“, weshalb der Chirurg komplexe Operationen an Blutgefäßen durchführen muss. Zudem müsse die Bauchspeicheldrüse unter Umständen wieder an den Dünndarm genäht werden. Die Naht sei dann ein besonderer Risikobereich, so Michalski. Für eine Operation an der Bauchspeicheldrüse sei eine hohe operative Expertise unverzichtbar.

Christoph Michalski hofft auf neue Forschungsergebnisse. Er wünscht sich endlich ein Vorsorgeprogramm, das Erkrankungen des Pankreas früh genug erkennt – noch bevor der Tumor streut. Bislang sei das jedoch nicht der Fall: „Es gibt keine guten Vorsorgeuntersuchungen und auch keine guten Marker, die man entnehmen könnte, um wirklich im Vorhinein zu sagen, dass jemand Bauchspeicheldrüsenkrebs bekommt.“

Michalski setzt auf Künstliche Intelligenz, die künftig erste Anzeichen rechtzeitig bei Betroffenen erkennen soll. Tatsächlich könnten Patienten bald auf weitere vorsorgliche Maßnahmen hoffen. „Es gibt zwei Bereiche, die wirklich sehr, sehr interessant und attraktiv sind. Darunter Tumorimpfungen wie Peptidimpfstoffe und RNA-Impfstoffe“, erklärt Michalski.

Im Zentrum steht dabei ein Protein namens KRAS, das bei vielen Bauchspeicheldrüsentumoren verändert ist. Man könne das Immunsystem darauf trainieren, solche Tumorzellen zu erkennen und zu zerstören, so Michalski. Gleichzeitig gebe es erste Wirkstoffe, die genau diese Mutation blockieren. Frühe Studien zeigten bereits gute Ergebnisse. Auf die Frage, wann die Wirkstoffe verfügbar werden, ist der Chirurg optimistisch: „Ich glaube, in den nächsten sechs bis zwölf Monaten werden die Wirkstoffe, die genau diese Mutationen blockieren, in den Krankenhäusern ankommen.“ Impfstoffe würden noch etwas länger brauchen.

Alkohol gefährdet die Bauchspeicheldrüse

Es gibt auch klare Faktoren, die die Bauchspeicheldrüse besonders belasteten. „Ein übermäßiger Alkoholkonsum gilt als ein gesicherter Risikofaktor“, weiß Mats Wiese. Er ist Ernährungs- und Medizinwissenschaftler und veröffentlichte kürzlich ein Buch darüber, wie die Ernährung Erkrankungen der Bauchspeicheldrüse beeinflusst.

Ist bereits eine akute Pankreatitis festgestellt worden, könne der Konsum von Alkohol der Erkrankung den entscheidenden Schub in Richtung chronische Erkrankung geben. „Was zunächst als akute Erkrankung beginnt, chronifiziert sich und könnte langfristig zu Diabetes oder einem Pankreaskarzinom führen“, warnt Wiese. Je mehr Alkohol man trinke, umso höher sei das Risiko.

Ein europäisches Forscherteam unter der Leitung der Göttinger Universitätsmedizin hat nun herausgefunden, dass sich derartige Folgeerkrankungen voraussagen lassen. Ihre Studie wurde im Fachmagazin „Gut“ veröffentlicht. Dazu untersuchten sie das Mikrobiom, also die Bakterien im Darm. Diese befinden sich natürlicherweise im Magen-Darm-Trakt gesunder Menschen. In ihrer Studie analysierten die Forscher das Mikrobiom von 277 Patienten, die an einer Pankreatitis litten. Die Patienten wurden auch nach ihrer Genesung beobachtet.

Das Ergebnis: Das Darmmikrobiom der Patienten, die weiterhin unter Beschwerden des Pankreas litten oder gar Diabetes entwickelten, wies eine veränderte Zusammensetzung auf. Die Forscher resümierten: Die Zusammensetzung der Darmbakterien kann ein Fortschreiten der ursprünglichen Pankreatitis frühzeitig anzeigen. Derzeit untersucht das Forscherteam weltweit Mikrobiomproben von Patienten mit akuter Pankreatitis.

„Die Arbeit ist sehr interessant und die Ergebnisse sind hochspannend“, sagt Wiese. Er sieht ebenfalls Potenzial darin, das Mikrobiom in die Behandlung der Patienten einzubeziehen. Allerdings sei es wichtig, dass es weiterer Bestätigungen der Ergebnisse bedürfe, bevor die Therapie in die Kliniken Einzug finde.

Bis dahin bleibt nur die Möglichkeit, den eigenen Lebensstil möglichst risikoarm zu gestalten. Doch wie gelingt das?

„Eine vollwertige und abwechslungsreiche Ernährungsweise, die überwiegend pflanzlich ist, kann die Bauchspeicheldrüse unterstützen, gesund zu bleiben“, sagt Wiese. „Viel Obst, Gemüse, Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte und weniger tierische Produkte, insbesondere rotes und verarbeitetes Fleisch“, fügt er hinzu und beschreibt eine förderliche Ernährung für ein gesundes Organ.

Sei das Organ bereits krank, belaste ein zu hohes oder zu niedriges Körpergewicht die Bauchspeicheldrüse zusätzlich, wie seine aktuelle Arbeit zeigte. Dementsprechend falle auch die Krankheitsprognose negativ aus. Wiese rät daher, neben der üblichen Behandlung einer Pankreas-Erkrankung auch zu einer Ernährungs-Therapie. Je nachdem, welches Körpergewicht die Patientin oder der Patient auf die Waage bringt, solle die Ernährungsanpassung dabei unterstützen, ein Normalgewicht zu erreichen. „Patienten können den Verlauf der Erkrankung positiv beeinflussen“, erklärt der Ernährungswissenschaftler.