Linz: „AK Classics IV“ – Konzert im Brucknerhaus Linz, Großer Saal, 13. 05.2026

Symphonien von Ingo Ingensand und Antonín Dvořák

Bruckner Orchester Linz unter Marcus Merkel

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Ingo Ingensand, Rudolf Aigmüller. Foto: P.& H, Huber)

Der vor wenigen Tagen 75 Jahre gewordene, gebürtige Hannoveraner Ingo Ingensand ist seit Jahrzehnten mit dem Bruckner Orchester Linz verbunden, dem er auch einige Jahre als Chefdirigent vorstand. An sich hatte er, schon als 12-jähriger Stipendiat in seiner Heimatstadt, eine Komponistenkarriere (u. a. mit Boris Blacher und Erhard Großkopf) angestrebt, aber: „Um 1970 war die musikalische Avantgarde radikal. Verlor sich eine Terz in ein Werk, kollaborierte der Autor mit den musikalischen Museenverwaltern. Ich empfand dies nur als unnötige Einschränkung. Unsinnig fand ich auch die seitenlangen Texteinführungen für wenige Sekunden Musik, die mir dann trotzdem rätselhaft blieb. Sollte Musik nicht auch deshalb Musik sein, weil ihre Aussage eben nicht in Worte zu fassen ist?“ (www.ingo-ingensand.at)

So verlegte er sich für 30 Jahre aufs Dirigieren – als Schüler u. a. von Carl Melles, Zubin Mehta und Herbert v. Karajan – und gelangte nach Engagements in Deutschland, Schweiz und Italien nach Linz, wo er als 1. Kapellmeister am Landestheater wirkte. Besonders in Erinnerung sind uns seine Dirigate von „Hoffmanns Erzählungen“ 2009 oder von 2013 „Carmina Burana“, als Tanzstück von Mei Hong Lin. Neben seiner Lehrverpflichtung an der Bruckner-Privatuniversität widmete und widmet er sich auch der Volksbildung mit hochklassigen Veranstaltungen für die Arbeiterkammer.

Nach 2003 fand er Antworten auf die 1970 offen gebliebenen Fragen, und, ermutigt u. a. von Dennis Russell Davies, damit auch wieder Laune und Zeit fürs Komponieren. Inzwischen liegt eine eindrucksvolle Liste vor: 15 kammermusikalische Werke, 10 für großes Orchester; eine Oper ist ebenfalls im Werden. Die 1. Symphonie (op. 3) wurde am 5. Mai 2010 vom Bruckner Orchester uraufgeführt, die 2. (op. 20) im Oktober des Vorjahres in der Linzer Friedenskirche durch die Sinfonia Christkönig, einer von den Wiener Philharmonikern unterstützten Gemeinschaft, die weit über Kirchenmusik hinausgreift. Wie Georgina Szeless von der UA berichtete (» LINZ/ Friedenskirche: KONZERT SINFONIA CHRISTKÖNIG – eine neue Symphonie in der FriedenskircheOnline Merker), hatte sich Herr Ingensand u. a. von Mendelssohns „Lobgesang“ anregen lassen. Sein kompositorisches Leitbild zielt auf Austausch, Empathie und Dialektik ab; schockieren, Sensationen um ihrer selbst willen schaffen oder entfremden will er nicht.

Am Pult steht heute mit dem Berliner Marcus Merkel ein 40 Jahre später geborener Mann, dessen Karriere (Komposition, Dirigat, Klavier, Gesang) noch früher begonnen hat als die Ingensands. In Österreich hat er in Graz wesentliche Spuren hinterlassen, u. a. mit einigen wichtigen Premieren an der Oper. Aktuell ist er Chefdirigent am Theater Koblenz

Das Konzert wurde von ORF-Redakteur Rudolf Aigmüller einmoderiert, der auch Kurator der pro Saison 4 Konzerte umfassenden AK-Reihe ist. Er befragte natürlich auch den Komponisten zu seiner Arbeitsweise: „Die Themen sind alle zwölftönig, aber singbar – mitunter trällern sie Orchestermitglieder am Weg nach Hause von der Probe“. Somit bleibt er seiner Einstellung von 1970 treu. Und das läßt sich auch durchwegs über die ca. 40-minütige 2. Symphonie in drei Sätzen heraushören.

Für das „Lento – Allegro agitato e con violenza“ schrieb Ingensand eine zarte, feingliedrige Einleitung: hohe Holzbläser, reduzierte Streicher, Vibraphon, dann akzentuierte Überleitung in eine fugenartige Durchführung, die in eindrucksvolle Steigerungen mündet. Der Satz klingt aber mit gaaaanz leisen Pauken (Leonhard Schmidinger, immer präzise und ausdrucksstark), Solovioline (die neue Konzertmeisterin Ruth Elisabeth Müller) und Vibraphon (vmtl. Nico Gerstmayer) aus. Schon der Beginn ist also, trotz der zeitgemäßen Behandlung der Harmonien und Tonreihen, durchaus zugänglich, spannend und macht Lust auf die Fortsetzung.

Das Andante fängt ruhig an – Streicher, Holzbläser (dominierend die Oboe). Die Musik lädt zur Versenkung und Kontemplation ein, welche Stimmung auch nicht gebrochen wird, wenns lauter wird. In diesem Satz wird das Vibraphon durch das – fragiler klingende – Xylophon ersetzt. Ein Bläserchoral leitet das breite Finale in gedämpften Farben ein, das Assoziationen zum Stadt- und Flußpanorama weckt, das man aus dem Foyer des Brucknerhauses genießen kann. Wiederholt ertönen Blechsignale über einem zarten, leisen Streicherbordun.

Munter bewegt beginnt der dritte Satz, Allegro con spirito. Wieder läuft eine Fuge durch, flankiert von Akzenten – aber nicht schroff, alles bleibt im Flußss und unter Spannung.  

Zum Finale hin ein großer, durchaus an Bruckner gemahnender Choral, bevor nach einem kurzen Durchatmen ein kräftiger, präziser Schlag den Schlusspunkt setzt.

Nach dieser frischen, spannenden und trotz ihrer entschiedenen Heutigkeit zugänglichen Symphonie gab es gut 5 Minuten lang kräftigen Applaus und Bravorufe für die rund 70 Orchestermitglieder, den präzisen und musikalisch empfindsamen Dirigenten und den Komponisten.

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Schlussapplaus Orchester. Foto: P.& H. Huber)

Nach der Pause folgt einer der größten Schlager unter allen Symphonien, nämlich Antonín Dvořáks op. 95, die Symphonie Nr. 9 „Aus der neuen Welt“. Mutig von Ingo Ingensand, dass er sich diesem Vergleich stellt – aber vielleicht hat er nicht nur äußerlich eine gewisse Ähnlichkeit mit Clint Eastwood? Für das Orchester ist diese Symphonie natürlich eine Selbstverständlichkeit, aber ohne Dirigent funktioniert das auch nicht. Marcus Merkel läßt das Orchester traumhaft transparent, feingliedrig und strahlend musizieren, dirigiert tänzerisch und steckt damit das Orchester mit Leichtigkeit und Eleganz an. Einziger Einwand: an ein paar Stellen im 3. und 4. Satz, wenn die Violinen die Melodie führen, sind die akzentuierenden und begleitenden Trompeten zu laut; andererseits paßt die Balance, wenn das Blech führt. Zu dem Thema gibt es übrigens von Richard Strauss leicht maliziöse „Stammbucheintragungen für junge Kapellmeister“ von 1922… Berückend schön (um eine von vielen herausragenden Individualleistungen hervorzuheben): das Englischhornsolo zum Beginn des 2. Satzes von Margret Bruschke.

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Schlussapplaus Marcus Merkel und Orchester. Foto: P..&.H. Huber)

Berückend auch der Gesamteindruck der Dvořák-Aufführung, der dem Publikum fast 10-minütigen Jubel wert ist. Und eins ist auch klar: Ingo Ingensands Mut war nicht übertrieben!

Petra und Helmut Huber