Herbert Blomstedt und die Kunst der lebendigen Form

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Manchmal gleicht der Herkulessaal der Münchner Residenz einer hochpräzisen Uhrmacherwerkstatt. Nur dass hier nicht an Zahnrädern, sondern an Klangfarben, Atemphasen und musikalischen Bögen gefeilt wird. Wer Johannes Brahms’ Variationen über ein Thema von Joseph Haydn für ein solides, etwas angestaubtes Repertoirestück hält, wird durch diese Veröffentlichung von BR-Klassik eines Besseren belehrt. Herbert Blomstedt, der große schwedische Grandseigneur, zeigt mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, dass dieses Werk ein atmender, lebendiger Organismus ist.

Der eigentliche Schatz dieser Aufnahme liegt im ausführlichen Probenmitschnitt. Hier erlebt man Blomstedt nicht als entrückten Meister, sondern als leidenschaftlichen Handwerker und mitreißenden Vermittler. Er spricht Musiker mit Namen an, singt vor, malt Bilder und erklärt die Architektur der Partitur mit einer Begeisterung, die ansteckend wirkt. Man spürt: Für ihn ist Musik keine noble Freizeitbeschäftigung, sondern eine existentielle Notwendigkeit. Sein Humor, seine Genauigkeit und seine Fähigkeit, Formstrenge und Gefühl miteinander zu verbinden, machen diese Proben zu einem seltenen Einblick in die Werkstatt großer Interpretation.

Im Konzertmitschnitt selbst entfaltet sich dann die Frucht dieser Arbeit. Blomstedt wählt für den Sankt-Antoni-Choral ein Tempo von großer Würde, ohne in falsche Feierlichkeit zu verfallen. Die Dynamik atmet, die Struktur ist kristallklar. Schon in der ersten Variation blühen die Streicher organisch auf und stecken die Bläser an. Man hört förmlich, wie die Gruppen miteinander musizieren, sich Bälle zuwerfen und gemeinsam atmen.

Besonders reizvoll geraten die kontrastreichen mittleren Variationen: die pointierten Sforzati der zweiten, der gesangliche Ton der Holzbläser in der dritten und das einladend tänzerische Vivace der fünften. Die Hörner der sechsten Variation zwinkern vergnügt, während die siebte eine anmutige Leichtigkeit entfaltet. Blomstedt hält die Zügel stets in der Hand, lässt den Musikern aber genug Raum zum Atmen. So entsteht kein streng durch kalkuliertes Uhrwerk, sondern ein lebendiges, atmendes Ganzes.

Die Spannung steigt kontinuierlich bis zum feierlichen Finale. Wenn am Ende alle Register gezogen werden, wirkt es nicht triumphal, sondern als logische Krönung einer langen, gemeinsamen Reise. Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks spielt mit Hingabe und Klangschönheit, die selbst bei diesem Standardwerk selten zu hören ist.

Blomstedt macht hörbar, dass Brahms diese Variationen in einer Phase des künstlerischen Aufbruchs schrieb – kurz vor der ersten Sinfonie. Er zeigt nicht den schweren Melancholiker, sondern den brillanten Konstrukteur von Licht und Schatten. Die Kombination aus Probenarbeit und Konzertmitschnitt macht diese Veröffentlichung zu einem wertvollen Dokument: Man lernt nicht nur, was Brahms geschrieben hat, sondern wie große Musik entsteht.

Eine Sternstunde bayerischer Orchesterkultur und ein beeindruckendes Zeugnis dafür, dass mit fast neunzig Jahren zum Zeitpunkt der Aufnahme noch immer eine Energie und eine künstlerische Neugier möglich sind, die viele Jüngere vermissen lassen. Diese CD ist ein Plädoyer für das genaue Hinhören – und für alle, die verstehen wollen, wie das Herz eines Orchesters wirklich schlägt.

Dirk Schauß, im Mai 2026

 

Johannes Brahms
Variationen über ein Thema von Haydn, op. 56a
Konzert und Probe
Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks
Herbert Blomstedt Dirigent
Liveaufnahme: München, Herkulessaal der Residenz, 13./14.02.2014
BR-Klassik: 900216