Quelle: Warner Bros. / New Line Cinema

„The Conjuring“: keine Horror-Marke ist derzeit so erfolgreich im Kino. Der finale Part der Hauptreihe erzielte 2025 knapp eine halbe Milliarde Dollar und landete auf Platz 15 der globalen Kino-Charts.

Wie kann es sein, dass die Reihe um die Para-Psychologen Lorraine und Ed Warren, sowie ihre Spin-off-Teile „Annabelle“ und „The Nun“ bei den Zuschauerzahlen in die Höhe schießen? Das Stichwort hier lautet filmische Manipulation.

Bereits ein Alfred Hitchcock setzte in seinen Tagen auf die Manipulation des Publikums, wohl wissend um ihre stetig steigende Seherfahrung. So gab er seiner Zuschauerschaft eine Art Wissensvorsprung, zeigte die Bombe unter dem Tisch der Protagonisten, und wurde somit zum Master des Suspense. Er überrascht auch gerne mit plötzlich eintretenden Schockelementen beispielsweise in Form von ausbrechender Gewalt.

Alfred Hitchcock; Bild: TMDB

Der Griff nach der (empirischen) Wissensgesellschaft

Nach „Blutgericht in Texas“ („The Texas Chainsaw Massacre“, 1974) und „Halloween“ (1978) machte der Teeny-Slasher in den 1980ern die große Kinorunde, auf ein junges Zielpublikum abgestimmt. Natürlich waren da noch Stephen Kings Werke und Filme wie „Jacobs Latter“ (1990), die jener Stimmung entgegentraten, wenn auch mit minderen Erfolg. Sogar die 1993er Version von „Invasion der Körperfresser“ beispielsweise ist als einzige Version, die eine Jugendliche (dem klassischen Final Girl) in der Hauptrolle besetzte.

Erst die Kultserie „Akte X“ gab den Horror in den 1990er Jahren erneut einen weit verbreiteten intellektuellen Anstrich, trotzdem die Pilotfolge von X-Akten selbst noch ein Teeny-Horror war. Ab der nächsten Folgen etablierte man zunehmend Elemente des 70er Jahr Paranoia-Kinos, mit dem Zufügen von Verschwörungstheorien und Ähnlichem. Die Handlung der Show funktioniert wie eine Kriminalserie, erweiterte das Repertoire der Fälle bzw. Straftaten aber auf ein paranormales Niveau.

Die Figur des Fox Mulder (David Duchovny) nahm stets Beispiele aus der echten, bekannten Welt, um das wöchentliche Phänomen zu begründen: ein Stückchen Echtheit in dieser Fiktion, eine Lüge zwischen zwei Wahrheiten. Die Nachvollziehbarkeit beim Publikum folgte dann automatisch. Hinterfragt wurde diese Echtheit dann durch seine Partnerin, der Medizinerin Dana Scully (Gillian Anderson). Geister und Dämon sind halt eben auch nur Gesetzlose, die ab und zu straffällig werden, wie bei „Ghostbusters„.

Das Interessante ist, dass die Protagonisten der „Conjuring“- Reihe in ihrem dritten Abenteuer „Conjuring: Im Bann des Teufels“ (2021) tatsächlich wie ein Ermittler-Paar agieren. Mulder und Scully lassen in den 2020ern grüßen.

Bei den X-Akten zu arbeiten muss recht frustrierend sein, liegt die Aufklärungsquote den Umständen entsprechend gegen null. Deshalb wurden Mulder (David Duchovny, links) und Scully (Gillian Anderson, rechts) auch nie befördert; Bild: „Akte X“ (1993-2018)

Der Faktor Authentizität

Horror funktioniert am besten, wenn er authentisch ist: eine heimische Atmosphäre, ein aktueller Bezug. In den 90er Jahren begann zudem die Welle des Selbstreferenziellen. Filme, wie „Scream“ (1996), wussten, wie sie mit den Konventionen des schaurigen Musters brechen konnten … oder jene zumindest offenlegen.

Wie konnte man das überbieten? „Blair Witch Project“ gab 1999 die Antwort. Einfach einen Horrorfilm im Dokumentarstil drehen, mit täuschend echten Interviews, die den Fluch um die titelgebende Hexe beim Empfänger (den Damen und Herren im Publikum) bestätigen und diese Information in die Welt außerhalb des Bildschirmes weitertragen. Noch dazu ein, zwei historische Fakten und fertig ist der Kultfilm. Ta-daa! – der Found-Footage-Film als neues Sub-Genre ist geboren.

Ein paar Jahre später schaffte es „Paranormal Activitiy“ (2007) neue virale Maßstäbe zu setzen und wurde über den Zeitraum von 2 Jahren zu einem viel-gesehenen Kultfilm, welcher zahlreiche Fortsetzungen und Spin-offs nach sich zog. Wie das? Nun, „Paranormal Activity“ bot erneut den Dokumentarstil in Form von Überwachungskameras. Diese lassen, im Sinne des übernatürlichem Aspektes, Spielraum für Spekulationen. Eine Hexe oder gar einen Dämon gab es da nämlich nicht wirklich zu sehen. Das aber wirklich erschaudernde ist die Verlagerung des Schreckens aus den Untiefen des Waldes und der Wildnis in das heimische Domizil.

Noch dazu wurde viral über das ganze Internet mitgeteilt, dass alles an dem Film, auch die handelnden Person, echt seien. Die Darsteller traten unter ihrem bürgerlichem Namen auf. Die Filme erzielten zu ihren Hochzeiten um die 200 Mio. Dollar weltweit.

The Real Ghostbusters

Es ist 2013. Der Found-Footage-Horror hat seinen populären Zenit (recht rasch) überschritten. Die Ursache war die totale Übersättigung des Horror-Marktes durch das Sub-Genre. Wie kann das Publikum noch auf neuem Wege erschreckt werden? Authentischer als dokumentarische Kameraaufnahmen geht es einfach nicht, oder doch?

„The Conjuring“ nun orientiert seinen Stil an den klassischen Geister- und Dämonenfilme der 1960er und 70er Jahre: „Das Schloss des Schreckens“ (1961), „Bis das Blut gefriert“ (1963), „Rosemaries Baby“ (1968), „Der Exorzist“ (1973) und „Das Omen“ (1976). In ihrem Kern behauptet die Filmreihe ständig, das all das Gesehene nach wahren Begebenheiten nachgezeichnet, also ein zeitgeschichtliches Werk sei. Die Reihe spielt passenderweise überwiegend in den 1960er bis 80er Jahren.

Erzählt werden die Fälle von Ed und Lorraine Warren; zwei Dämonologen und Para-Psychologen, die 1952 das New England Society for Psychic Research gründeten. Sie waren in den Amityville-Fall involviert, aus dem der Film „The Amityvill Horror“ (1979) und seine zahlreichen Fortsetzungen hervorgingen. Die beiden bildeten die ‚wissenschaftliche‘ Vorlage für „Poltergeist“ (1982) und „Ghostbusters“ (1984) und dem christlich-mythologischem Hintergrund.

Ed (Patrick Wilson, links) und Lorraine Warren (Vera Farmiga, rechts) bei einen ihrer Vorträgen in der Uni. Wie viel Glauben braucht man eigentlich, um das Modul zu bestehen?; Bild: „The Conjuring: Last Rites“ (2025)

Humbug oder nicht?

Die Eröffnungstitel versprechen stets das schauerlichste Abenteuer der Warrens – und natürlich ist es immer das Ereignis des jeweiligen Teiles. Sind das alles bloß Ammenmärchen? Beobachtungen in der Wissenschaft und in der Kultur helfen uns dabei, solche Dinge zu erklären, ohne gleich den Hildegard Orgon Akkumulator 6 mal auf 66° zu drehen. Bei der Debatte um das authentisch Nachvollziehbare, müssen wir dabei mal kurz den Fox Mulder heraushängen lassen und wage Vergleiche in der aktuellen Wissenschaft heranziehen.

Wie in allen Kulturen so sind auch hier die Geister gebunden an diverse Gegenstände (in Japan nennt man diese Geister Tsukumogami). Die Warrens selbst sind große Sammler von jenen Objekten und haben sie in ihrem hauseigenem Keller-Museum in Conneticut gebunkert. Das Warren Occult Museum wird in jedem der „Conjuring“- Filme als Handlungsszene genutzt.

Wissenschaftlich gesehen können wir noch keine Sachen wie ‚Liebe‘ messen. Allerdings wissen wir, dass Gegenstände Energie speichern können (von denen wir immer kleine Stromschläge bekommen). Salz und Gestein werden heutzutage u.a. zur chemischen Energie- und Wärmeerzeugung genutzt. Und Geister sind im Grunde reine Energie, da sie keinen materiellen Körper besitzen.

Lorraine Warren sieht sich selbst als Medium, das mit der Geisterwelt in Kontakt steht. Sie tritt dabei in die Fußstapfen von japanischen Schrein-Priesterinnen und nordischen Seher- und Schamaninnen, die allesamt (ja, überwiegend weiblich) als Medium mit der Anderswelt in Verbindung stehen. Zumindest wissen wir gegenwärtig, das Frauen ein feineres Farbspektrum wahrnehmen können.

Die Warrens bei ihren Untersuchungen mit Ausrüstung für paranormale Messungen; Bild: „The Conjuring“ (2013) mit Vera Farmiga (links) und Patrick Wilson (rechts)

Dämonische Blockbuster Action mit Familiensinn

Natürlich, die „Conjuring“- Filme sind völlig überzogen in ihrer Darstellung. Inszeniert wie Actionfilme, ähneln sie zu Beginn noch subtilen Horrorfilmen und transformieren im späteren Verlauf der Filmhandlung zu halben Superhelden-Story, in denen Menschen herumfliegen und durch die Gegend geworfen werden. Die Auswirkungen von psychischen Krankheiten werden hier somit als aggressive Dämonen präsentiert.

In den ersten beiden Filmen steht das zu ergründende Phänomen im Vordergrund der Erzählung. Ab Teil 3 werden die beiden Hauptprotagonisten von Anfang an stärker in die Geschichte eingebaut. Das Publikum soll eine Bindung zu den beiden fiktiven Warrens aufbauen. Im finalen Teil nun ist ausschließlich ihre Familie involviert. Das Franchise wird damit zur Familienangelegenheit. Ein ähnlichen Prozess erlebte auch die „Fast and Furios“- Reihe.

Im Gegensatz zu Regisseur Steven Spielberg, der bei „Poltergeist“ auf sehr offensichtliche Effekte setzt, hält sich James Wan mit seinen ersten beiden „Conjuring“- Beiträgen inszenatorisch überwiegend bedeckt. Wo Spielberg sich an dem Kino eines George Lucas orientierte, nahm Wan Stilelemente aus den Werken des David Lynch: Langsame Kamerafahrten in die bedrohliche Dunkelheit, immerwährend Spannung aufbauend und nur pointiert einen Jumpscare (Schreckmoment) ausspielend.

2012 kam der mit 3 Oscars prämierte Film „Argo“ von und mit Ben Affleck, über die iranische Revolution und eine verdeckte Aktion der CIA, in die Kinos. Der Titelabspann zeigte echte, dokumentierte Bilder in Kombination mit den fiktiven Filmaufnahmen. „The Conjuring“ übernahm ein Jahr später dieses Stilmittel, um seinen authentischen Aspekt zu festigen.

Ed hat keine übersinnlichen Fähigkeiten wie seine Frau. Allerdings kann er gut mit widerspenstigen Wasserleitungen umgehen und hilft in der Küche mit; Bild: „The Conjuring“ (2013) mit Patrick Wilson

Der Finale Aspekt

Die ersten beiden „Conjuring“- Werke hatten 2013 und ’16 jeweils über 300 Mio. Dollar eingespielt. Der dritte Teil brachte ’21 ‚nur‘ noch etwas über 200 Mio. Der vierte Teil wurde nun als letztes Kapitel verkauft, was dem Zuschauerabsprung vom zweiten Teil entgegenwirkte. Ähnlich wie die „John Wick“- Reihe, welche beispielsweise mit ihrem finalen vierten Teil einen ähnlichen Gewinn einbrachte. „John Wick: Chapter 4“ erlangte bislang unerreichte 447 Mio. Dollar – der erste brachte 2014 rund 86 Mio. ein.

Dieses Resultat zeigt, wie wichtig der Titel ‚Final‘ bzw. ‚Last‘ und seine endgültige Bedeutung für die Vermarktung ist. Dieses Wort brachte einst die „Final Destination“- Reihe wieder auf die kommerzielle Spur. „Final Destination 3“ spielte 2006 rund 119 Mio. weltweit ein. Die darauffolgende Fortsetzung „The Final Destination“ (mit der Betonung auf Final) verzeichnete 2009 eine Gewinn-Steigerung auf 186 Mio. Dollar. Nachdem das „Conjuring“- Franchise seit 2019 auf unter 300 Mio. gefallen ist, katapultierte jener endgültige Umstand den finalen Teil auf ein neues, finanzielles Hoch.

Die kritische Errungenschaft der ersten beiden Teile und ihre positive Resonanz auf das Publikum, sind ein nicht unerheblicher Punkt im Erfolg des Franchises. Bei „Alien“, „Terminator“ und „Lethal Weapon“ gelten die ersten beiden Teile als Genre-Klassiker und haben sich aus diesem Grund stärker als Serienmarke etabliert als andere Werke mit einem einzigen ‚Original‘.

Selbst unter Spiritisten sollte gelten: symbolischer Halsschmuck hilft nicht ohne Weiteres gegen Besessene. Die materielle Manifestation eines Dämons kann dir trotzdem jederzeit physisch in den Hintern treten; Bild: „The Conjuring 2“ (2016) u.a. mit Vera Farmiga und Patrick Wilson

Gegenseitige Befruchtung

Dem originären „Conjuring“- Double-Feature (2013 und ’16) entsprang im Anschluss mit „Annabelle“ (2014) und „The Nun“ (2018) jeweils ein Spin-off, welche beide ebenso Fortsetzungen bekamen. Auf kommerzieller Ebene, hielten die Marke in den Charts oben, da die Werke sich alle gegenseitig befruchteten.

The Conjuring 1+2 (2013/16): jeweils rund 320 Mio.

Annabelle (2014): 257 Mio.

Annabelle 2 (2017): 307 Mio.

The Nun (2018): 366 Mio.

Annabelle 3 (2019): 231 Mio.

The Conjuring: The Devil Made Me Do It (2021): 206 Mio.

The Nun 2 (2023): 270 Mio.

The Conjuring: Last Rites (2025): 499 Mio.