Nach 17 Jahren kehrt die IIHF Eishockey-Weltmeisterschaft in die Schweiz zurück. Ab dem 15. Mai messen sich die 16 besten Eishockey-Nationen der Welt, darunter auch Österreich, in Zürich und Fribourg um den Titel. Vor dem Start der Endrunde sprach Sky mit Teamchef Roger Bader, Kapitän Peter Schneider und Verteidiger Paul Stapelfeldt.
Für Österreichs Eishockey-Nationalteam ist es bereits die fünfte A-Weltmeisterschaft in Folge – ein Meilenstein für den heimischen Eishockeysport. Lange galt Österreich als klassische „Lift-Nation“ und pendelte regelmäßig zwischen Top-Division und B-Gruppe/Division I. Doch dann kam Roger Bader: Der Schweizer, der seit 2016 als ÖEHV-Teamchef fungiert, brachte die nötige Konstanz ins Nationalteam und führte Österreich im vergangenen Jahr erstmals seit 1994 wieder in ein A-WM-Viertelfinale.
Die schnelle Entwicklung des ÖEHV-Nationalteams kam auch für den 61-Jährigen überraschend: „Das ist sehr rasant gegangen. Wir haben uns schon auch 2016 ziemlich gut entwickelt. Aber seit 2022 ist eine sehr starke Entwicklung spürbar. Das war damals die erste Weltmeisterschaft, die wir durch den Ukraine-Krieg „geschenkt“ bekommen haben. Wir haben dann mit Nachdruck bewiesen, dass wir dazugehören. Und seither ist die Entwicklung sehr positiv gelaufen.“
Ein besonderes Highlight ist für den gebürtigen Schweizer nun auch die Heim-WM. Ablenken lassen möchte sich Bader davon aber nicht: „Dass die Weltmeisterschaft in meinem Heimatland stattfindet, ist natürlich was Besonderes. Es werden vielleicht ein paar Leute mehr zuschauen, die ich kenne, aber auf meine Arbeit hat es keinen Einfluss. Ich werde nichts anderes tun, als ich in Stockholm oder in Prag getan habe.“
Österreich wurde der Gruppe A zugelost und kämpft nun in Zürich gegen Gastgeber Schweiz, die USA, Finnland, Deutschland, Lettland, Ungarn und Großbritannien um das von Bader erneut ausgegebene Ziel Klassenerhalt.
Durchwachsene WM-Vorbereitung für Bader kein Thema: „Resultate sind zweitrangig“
Seit Anfang April testete der Teamchef die ÖEHV-Auswahl gegen mehrere Nationen aus der Top-Division. Doppeltests gegen Lettland, Deutschland und Tschechien sowie Spiele gegen Italien und Slowenien brachten sportlich nur bedingt Erfolg. Drei Siege und fünf Niederlagen standen am Ende der Vorbereitung zu Buche. Für Bader jedoch kein Grund zur Sorge:
„Wir hatten von der Qualität her verschiedene Gegner. Das wir zum Beispiel zweimal gegen Tschechien verlieren, ist jetzt nicht unbedingt eine Überraschung. Wir haben eine fünfwöchige Vorbereitung, die Trainings sind unterschiedlich hart. Die Testspiele sind vor allem dazu da, um den Kader zu sichten. Die Resultate sind zweitrangig.“
Auch Peter Schneider sieht die Ergebnisse differenziert: „Wenn du gegen Nationen wie Tschechien oder Deutschland spielst, dann ist ganz klar, dass es gegen diese Kaliber nicht so leicht wird. Diese Mannschaften wollen in der Vorbereitung auch nicht verlieren.”
Im Laufe der Vorbereitung stießen zudem mehrere Spieler verspätet zum Team. Einer davon war Paul Stapelfeldt. Der Verteidiger gewann mit den Graz99ers erst kürzlich die win2day ICE Hockey League und rückte erst in der vierten Vorbereitungswoche ins Nationalteam ein.
Der fünffache österreichische Meister richtet den Fokus nun aber vollständig auf die WM:
„Der Meistertitel mit Graz war wirklich überwältigend. Wir haben diesen Titel als Mannschaft auch ausgiebig mit den Fans gefeiert haben. Nichtsdestotrotz geht es jetzt weiter. Ich trainiere seit anderthalb Wochen wieder hier und der große Fokus liegt auf der WM und das ist jetzt das Einzige, was zählt.“
Das Selbstvertrauen beim 27-Jährigen ist entsprechend groß: „Wenn du mit einem Titel zum Team anreist, dann gibt es immer einen gewissen Schub.”
WM ohne NHL-Legionäre – „Kollektiv“ der Schlüssel zum Erfolg?
Die ÖEHV-Auswahl muss bei der Weltmeisterschaft auf mehrere wichtige Leistungsträger verzichten. NHL-Exports wie Marco Rossi oder Marco Kasper erhielten von ihren Klubs keine Freigabe. Die Ausfälle wiegen schwer, dennoch betont Kapitän Peter Schneider, dass das Team auch ohne die NHL-Stars konkurrenzfähig sein kann.
„Wir gehen immer mit demselben Mindset & derselben Spielweise in die Weltmeisterschaft. Die NHL-Spieler haben sich immer super in das System eingefügt, also wird sich von daher nicht viel für uns ändern. Es ist jetzt nochmal wichtiger, Wert darauf zu legen, dass wir einfach als Kollektiv wahnsinnig gut funktionieren. Es werden sicher auch einige schlechtere Spiele bzw. härtere Zeiten auf uns zukommen. Da müssen wir aber schauen, dass die Mannschaft so stark zusammenhält, dass wir durch diese Tiefen eben durchtauchen können und dass wir einfach über die ganze WM hinweg so gut wie möglich performen können.“
Stapelfeldt sieht ebenfalls das Kollektiv als entscheidenden Faktor: „Was vielleicht vorher ein Spieler in manchen Situationen geleistet hat, muss jetzt einfach die Mannschaft auffangen und ich glaube, dass wir dafür einfach einen richtig guten Kader haben. Wir haben genug Spieler mit Qualitäten und von daher habe ich überhaupt keine Sorge, dass wir das als Kollektiv gut auffangen werden.“
Center-Position bereitet Sorgen
Besonders bitter ist der verletzungsbedingte Ausfall von Center Benjamin Baumgartner. Der Schweiz-Legionär versuchte vergangene Woche noch, auf den WM-Zug aufzuspringen, doch die Platte in seinem Fuß verursachte weiterhin starke Schmerzen. Die Center-Position war ohnehin bereits durch Verletzungen und Absagen dünn besetzt – keiner der Center aus dem Vorjahreskader steht diesmal zur Verfügung.
Für Stapelfeldt ist das dennoch kein Grund zur Panik: „Das macht uns keine Sorgen, denn wir haben jetzt vier andere Center, die genauso gut Eishockey spielen können und ihre Qualitäten haben. Und das ist jetzt einfach die Zeit für andere Spieler, sich zu beweisen und zu zeigen, was sie können. Und ich glaube, dass man gar nicht so viel darüber reden muss, wer nicht da ist, sondern dass für uns wichtig ist, wer da ist. Wir haben volles Vertrauen auf uns gegenseitig. Wir wissen, was wir können.
Schneider vertraut den neuen Kräften im Team: „Wir haben alle vier Center von unserem letztjährigen Team verloren, aber wir haben zum Glück jetzt auch einige neue Spieler, die eben diese Position schon ihr Leben lang gespielt haben, dabei. Die machen den Job sehr gut. Es ist immer möglich, dass man bei einem Turnier gewisse Positionen nicht mit den Spielern füllen kann, wie man sich das eigentlich vorgestellt hat und das Spieler auf anderen Positionen spielen müssen, wo sie es nicht gewohnt sind. Aber das ist halt so bei einem Turnier und deswegen haben wir das Glück, dass wir auch Spieler dabeihaben, die sehr flexibel sind und diese Positionen auch wahnsinnig gut füllen können.
Bader setzt auf junge Talente
Überraschend kam für viele auch die Nominierung von Leon Kolarik und Ian Scherzer. Beide ÖEHV-Talente spielen aktuell in Nordamerika – Kolarik bei den Peterborough Petes in Kanada, Scherzer bei den RPI Engineers in den USA.
Die Entwicklung junger Spieler ist Roger Bader ein großes Anliegen, wurde er für seine Herangehensweise doch oft belächelt: “Ich wurde immer wieder mal von Leuten kritisiert, warum wir fünf Vorbereitungscamps machen. Es ist doch falsch, denn im ersten Camp sind ja so wenig dabei, die dann nachher bei der Weltmeisterschaft spielen. Aber das ist genau der Punkt. Dann lädt man junge Talente oder Spieler, die noch nicht bei der Weltmeisterschaft gespielt haben, ein, die vielleicht am Schluss tatsächlich noch nicht dabei sind, aber dann so viel Erfahrung sammeln können. Das ist sehr wertvoll. Ich habe viel von Ralph Krüger in der Schweiz gelernt. Er wurde auch immer für diese Camps kritisiert und am Schluss weiß man, war es super, dass er das gemacht hat. Genau deshalb haben wir jetzt diese Breite an Spielern.”
Peter Schneider ist mit 35 Jahren der älteste Spieler im WM-Kader. Der Niederösterreicher möchte seine Erfahrung an die jungen Spieler auf seine Art und Weise weitergeben.
“Ich muss da niemanden an die Hand nehmen, weil bei uns in Mannschaft, ist dieses Hierarchiedenken gar nicht so vorhanden. Wir sehen uns alle als gleichwertige Spieler. Natürlich bringe ich einiges mehr an Erfahrung mit, aber das will ich ihnen mehr als Information mitgeben, anstatt das ich denen genau sage, wie sie das spielen sollen. Das sind alles überragende Spieler, die genau wissen, wie sie spielen sollen. Wenn ich ihnen mit ein paar kleinen Punkten oder Tipps helfen kann, ist das super. Aber auf der anderen Seite, werden die das schon selbst gut machen”
Schneider vor 100. Länderspiel für Österreich: “Unfassbare Marke”
Für Schneider stehen bei der kommenden WM gleich zwei besondere Höhepunkte an. Der Flügelspieler wird Österreich erstmals bei einer Endrunde als Kapitän anführen, zudem fehlen ihm nur noch vier Einsätze auf die Marke von 100 Länderspielen.
“Das ist einfach eine unfassbare Marke, die man erreichen kann. 100 Länderspiele in einer Karriere und zudem als Kapitän bei einer WM auflaufen zu dürfen – das wird ein großartiges Erlebnis sein. Es ist auch eine kleine Auszeichnung, dass man jetzt schon lange Jahre dabei ist. Ich freue mich schon sehr darauf. Vielleicht gibt es auch ein kleines Geschenk. (lacht)”
Ob er nach der Endrunde seine Teamkarriere beendet, lässt Schneider offen: “Man weiß nie, wie lange man die Chance noch hat, dass man das machen kann. Wenn es nach mir geht, dann würde ich das noch ewig so weitermachen. Solange ich der Mannschaft helfen kann und es auch familiär geht, bin ich immer gern dabei. Schauen wir mal, wie lange noch. Ich behandle das eigentlich für mich persönlich immer so, als wäre es die letzte, weil ich glaube, dann kann man es am meisten genießen. Und genauso, werde ich es dieses Jahr machen.
Schlüsselspiele gegen Großbritannien & Ungarn
Um das große Ziel Klassenerhalt zu erreichen, werden gegen Großbritannien und Aufsteiger Ungarn wohl Siege nötig sein. Dass ausgerechnet die ersten beiden Gruppenspiele gegen die vermeintlichen Abstiegskandidaten stattfinden, könnte laut Bader entscheidend für den weiteren Turnierverlauf werden. Gleichzeitig warnt er davor, diese Gegner zu unterschätzen.
„Wenn wir vom Klassenerhalt reden, sind die ersten zwei Spiele gegen Großbritannien und Ungarn richtungsweisend. Wir haben gegen Großbritannien bis jetzt immer unsere Schwierigkeiten gehabt. Das ist ein unangenehmer Gegner.“
Auch Stapelfeldt mahnt zur Vorsicht: Wir wissen, dass die die ersten zwei Spiele mit Großbritannien und Ungarn natürlich direkte Konkurrenten im Kampf gegen den Abstieg sind. Wir müssen von Anfang an da sein, weil das vielleicht die zwei wichtigsten Spiele des Turniers für uns sind. Von dem her heißt’s: Ab Minute eins zu 100 % da sein und die Leistung aufs Eis bringen!“
Kapitän Schneider weiß aus Erfahrung, dass bei einer Weltmeisterschaft nicht immer alles nach Plan läuft:
„Ob es jetzt beim ersten Spiel oder beim dritten oder beim fünften ist, es wird bei dieser WM und das kann ich mit Sicherheit sagen, zu einer Situation kommen oder eine Phase, wo es nicht so läuft, wie wir uns das vorstellen und auf das müssen wir auch gefasst sein. Diese schwierigen Situationen müssen wir einfach dann gut meistern.
Fan-Support als wichtiger Faktor?
Gerade in schwierigen Phasen könnte die Unterstützung der österreichischen Fans entscheidend werden. Im Nachbarland Schweiz rechnet das Nationalteam mit vielen rot-weiß-roten Anhängern. Bader sieht darin einen zusätzlichen Push für die Mannschaft: “Jeder Mensch reagiert positiver auf Lob oder ein positives Umfeld. Wenn österreichische Fans uns antreiben, dann hilft das natürlich sehr.”
Verteidiger Stapelfeldt hofft auch auf lautstarke Unterstützung:
“Wir rechnen mit einem großen Support, wie es vielleicht auch schon bei der WM vor zwei Jahren in Prag der Fall gewesen ist. Die Fans sind ein wesentlicher Teil des Erfolgs und geben uns sehr viel Energie, vor allem in knappen Spielen. Und von dem erwarten wir uns natürlich einen gewissen Fan-Rückhalt in der Schweiz.”
Die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Weltmeisterschaft könnten also trotz zahlreicher Ausfälle kaum spannender sein: Ein neu zusammengestelltes Team, ein erfahrener Teamchef, hungrige Nachwuchsspieler und die Unterstützung zahlreicher österreichischer Fans sollen Österreich erneut zum Klassenerhalt in der Top-Division führen. Ob dem OEHV-Team in Zürich vielleicht sogar die nächste Überraschung gelingt, wird sich ab dem 15. Mai auf dem Eis zeigen.
ÖEHV-Spielplan bei der A-Weltmeisterschaft:
Großbritannien vs. Österreich
Sa., 16. Mai 2026, 12:20 Uhr, Swiss Life Arena
Österreich vs. Ungarn
So., 17. Mai 2026, 16:20 Uhr, Swiss Life Arena
Lettland vs. Österreich
Di., 19. Mai 2026, 16:20 Uhr, Swiss Life Arena
Österreich vs. Schweiz
Mi., 20. Mai 2026, 16:20 Uhr, Swiss Life Arena
Österreich vs. Deutschland
Sa., 23. Mai 2026, 20:20 Uhr, Swiss Life Arena
Finnland vs. Österreich
So., 24. Mai 2026, 20:20 Uhr, Swiss Life Arena
USA vs. Österreich
Di., 26. Mai 2026, 16:20 Uhr, Swiss Life Arena
Foto: GEPA