In Wien gibt es sogar beim Abfall kein Vorbeikommen mehr am
größten Musikwettbewerb Europas: dem Eurovision Song Contest (ESC). Die
Mülleimer, die hier Mistkübel heißen, tragen neue Aufkleber. Auf dem einen
steht: »SCHMEISS LIKE A PHOENIX«, eine Anspielung auf Conchita Wursts
Siegersong Rise Like a Phoenix aus dem Jahr 2014. Andere erinnern an den ersten
ESC-Gewinn der Österreicher: »MERCI KEHR I«. Mit entsprechend französisch angehauchter
Sprachmelodie ist das erstaunlich nah dran an Udo Jürgens’ Merci, Chérie, dem
Siegerlied von 1966.

Eine ESC-Jamsession im öffentlichen Nahverkehr Wiens © MAX SLOVENCIK/​APA/​AFP/​Getty Images

»Vienna 12 Points«, der Slogan will jedenfalls Hoffnung wecken. © Lisa Leutner/​Reuters

Das Gastgeberland setzt alles daran, dass am Samstagabend ein
unvergessliches Musikfest steigt. Zum 70. Mal findet der ESC statt, dieses Jahr
in der Stadt von Sisi, Mozart, der Bälle und – natürlich – der Kaffeehäuser, die
Patenschaften für die Fan-Gemeinden der teilnehmenden Nationen übernommen
haben. Eine sogenannte Party-Bim, also eine Straßenbahn mit Discolichtern und
Musik, bringt die Gäste vom Rathausplatz zum Veranstaltungsort außerhalb des
Stadtzentrums.

Die Stadtregierung bescheinigt sich im Vorfeld schon mal
selbst die Höchstpunktzahl: »Vienna 12 Points« steht auf den Fähnchen, die auf
den vordersten Wägen vieler Straßenbahnen wehen. Auch in den Blumenbeeten und
Rasenflächen städtischer Parks stecken herzförmige Schilder mit »12 Points«-Aufschrift. Und nur für den Fall, dass jemand immer noch nicht
begriffen hat, sagt Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) in seiner
Videobotschaft an die ESC-Fans: »Wien hat sich zwölf Punkte verdient.«

Alle Länder haben Kaffeehaus-Paten, nur Israel nicht

Polizei am Wiener Rathausplatz © MAX SLOVENCIK/​APA/​AFP/​Getty Images

Es ist Mittwochnachmittag, drei Tage vor dem Finale, die
Stadt hat am Rathausplatz eine Art Volksfest aufgebaut. Direkt vor der Rathausfassade stehen eine große Bühne und Leinwände für das Public Viewing, drumherum drängen
sich Buden mit Bratwürsten, Kaiserschmarrn und Spritzwein, also Weinschorle.

Doch so sehr Wien die Feierlaune kultiviert, an einem Thema
kommt man nicht vorbei. Bereits Mitte April gab es einen Eklat, als bei der
Vorstellung der Kaffeehaus-Patenschaften allen Teilnehmerländern ein Kaffeehaus
zugeordnet wurde – allen außer Israel.

35 Nationen nehmen dieses Jahr am ESC teil, fünf
boykottieren ihn: Spanien, die Niederlande, Irland, Island und Slowenien. Ihr
Boykott richtet sich gegen Israel, das seit 1973 beim Songcontest dabei ist.
Für eine Teilnahme ist nicht die geografische Lage entscheidend, sondern die
Mitgliedschaft in der European Broadcasting Union (EBU), einem Verbund
staatlicher Rundfunkanstalten aus Europa, Nordafrika und dem Nahen Osten. Der
israelische Sender Kan ist Teil dieser Rundfunkunion.

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Laut Regelwerk der EBU soll der ESC unpolitisch sein. Aber
das war er nie. Weltpolitik lässt sich bei einem internationalen Wettbewerb
schlecht ausklammern, und so war die ESC-Bühne immer auch eine politische. Im
Jahr 1969 blieb Österreich dem ESC in Madrid fern – aus Protest gegen die
Franco-Diktatur. 2012 zog Armenien seine Teilnahme zurück, weil der ESC in
Aserbaidschan stattfand. Russland ist seit seinem Angriff auf die Ukraine im
Jahr 2022 nicht mehr dabei. Und auch die Teilnahme Israels war bereits in den
Vorjahren umstritten, aufgrund seines Vorgehens im Gazakrieg.

Mittlerweile gibt es einen offiziellen Treffpunkt für
israelische Fans: die MQ Kantine im Museumsquartier. Die Betreiberin Lisa
Wegenstein, die eine jüdische Familiengeschichte hat, meldete sich nach der
Vorstellung des Projekts bei den Organisatoren. Sie sagt: »Eigentlich hat mich
der ESC nie besonders interessiert.« Aber dass kein Kaffeehaus die
ESC-Patenschaft für Israel übernehmen wollte, sei eine »Schande«.

Ihre Entscheidung hat allerdings einen Preis: Zwei
Polizisten bewachen seither die Eingänge zum Café; und draußen schützen neuerdings
sechs Betonpoller das Lokal, und so erinnern sie die Gäste ständig daran, dass
es eben keine Selbstverständlichkeit ist, dort zu sitzen und eine Limo zu
trinken.

Es gibt in der österreichischen Hauptstadt eben auch Fans Israels. © Lisa Leutner/​Reuters

Auch Sicherheitsleute stehen in Wien gerade Schlange, hier vor ihrem ESC-Einsatz. © Elisabeth Mandl/​Reuters

Am Mittwochabend vor dem ersten Halbfinale sind auf der
Terrasse der MQ Kantine fast alle Tische besetzt, manche Gäste tragen
Halsketten mit einem Davidstern, einer eine Kippa. Drinnen hängt eine Girlande
mit Israelfahnen; der Antipasti-Teller mit Falafel und Hummus wurde in »ESC
Jerusalem Teller« umbenannt. »Es kommen viele freundliche Menschen und freuen
sich, dass wir hier Israelis wie Menschen behandeln«, sagt Wegenstein.

Zugleich wurden die Toiletten des Cafés bereits mit
israelfeindlichen Parolen beschmiert, und eine der angekündigten
Demonstrationen gegen Israels ESC-Teilnahme findet vis-à-vis des Gebäudes statt, in dem sich die Kantine befindet. »Vielleicht bin ich naiv, aber ich
hoffe, dass die Leute verstehen, dass es hier nichts gibt, wogegen man sich
wehren muss«, sagt Wegenstein. »Wer uns bespucken, bedrohen oder beschimpfen
will, soll wegbleiben.«

In der ganzen Stadt läuft derweil einer der größten
Sicherheitseinsätze seit Langem. Die Partylaune verdirbt es bisher nicht. An
der Stadthalle versammeln sich bereits am Donnerstagnachmittag einige Dutzende Fans.
Mit Plastikponchos und Glitzerhüten trotzen sie dem Nieselregen; andere tanzen
sich auf einem Podest warm.

»Wie Olympia, nur mit Musik«

Die rund 95.000 Tickets für die insgesamt neun Shows des
Songcontests waren innerhalb weniger Minuten ausverkauft, Daphne Haverkamps aus
den Niederlanden hat eins für das zweite Halbfinale am Donnerstag ergattert. Nun
steht die 26-jährige McDonalds-Mitarbeiterin vor der Stadthalle mit einer
dänischen und einer luxemburgischen Flagge in der Hand. Sie wolle ihre Freundin
unterstützen, die beim luxemburgischen ESC-Act mitsingt.

Jochen van Hees, ein 23-jähriger Softwareentwickler und
ebenfalls aus den Niederlanden, ist beim
ESC mit Freunden aus anderen Ländern verabredet, am Abend treffe er Leute aus
Deutschland und Malta, sagt er.

Und dann lassen sich ein junger Mann mit raspelkurzen,
blonden Haaren und seine 19-jährige Schwester auf ein kurzes Gespräch ein. Sie
sind eigentlich gerade auf der Suche nach den Fähnchen ihrer Favoriten,
Dänemark und Rumänien – obwohl sie aus Nordrhein-Westfalen stammen. Die
beiden, Christian und Cara Szednicsek, können mit dem deutschen Song nichts
anfangen. Er sagt: »Deutschland gewinnt sowieso nicht.« Dem Song Fire von Sarah
Engels
fehle der Wiedererkennungswert. Das reiche höchstens fürs »hintere Mittelfeld«.

Für sein Stehplatzticket im Halbfinale habe er dennoch 230 Euro
bezahlt, sagt Christian Szednicsek. Das sei es ihm wert, denn »der ESC ist wie
Olympia, nur mit Musik.«