»Boy, I’m out of your league«, singt sie und liegt am Boden. Ihr Kleid blütenweiß, ihr Blick gefasst. Diese Frau will sagen: Es geht bergauf. Die Stiefel sind bereits angezogen. Sarah Engels liegt hier nicht auf irgendeinem Boden, sondern auf der Bühne des größten Singwettbewerbs der Welt: dem Eurovision Song Contest, kurz ESC. Die Sängerin vertritt in diesem Jahr Deutschland, das in den vergangenen Jahren häufig auf den hinteren Plätzen landete. Geht es diesmal tatsächlich bergauf? 

Bei der ersten Halbfinalshow in der Wiener Stadthalle wummern Trommeln im Reggaeton-Rhythmus, während Engels singt. Ihre Stimme ist zwar nicht engelsgleich, aber weiß, wo sie hinwill. Mit dem Song Fire wird sie am Samstagabend auch im Finale stehen. Durch die Qualifikation musste die Sängerin erst gar nicht, schließlich zahlt Deutschland gemeinsam mit Frankreich, Italien, Spanien und Großbritannien am meisten Geld in die Europäische Rundfunkunion ein, die den Contest Jahr für Jahr veranstaltet.

Bei den ersten Proben: Sarah Engels und ihre Tänzerinnen. © Sarah Louise Bennett/​EBU

In Lack und Glitzer: Engels beim ersten Halbfinale in der Wiener Stadthalle. © Sarah Louise Bennett/​EBU

Glaubt man denen, die Geld auf potenzielle Gewinner setzen, wird Engels’ Fire
aber eher ein kleines Flämmchen als ein popkultureller Waldbrand. In
den Wettquoten der Buchmacher rangiert der Song in den unteren Rängen.
Dabei tritt diesmal sogar deutsche Prominenz an.

Interessiert man sich für
die Welt von Castingshows und Klatschpresse, ist Engels tatsächlich keine
Unbekannte: 2011 hatte sie bei der achten Staffel der Castingshow Deutschland sucht den Superstar (DSDS)
teilgenommen. Eine Staffel, die in Erinnerung blieb. Sie machte nicht
nur Engels, sondern auch den chaotischen Rüpel-Charmeur Pietro Lombardi
zur Medienpersönlichkeit. Die beiden wurden ein Paar, standen zusammen
im Finale und blieben über mehr als ein Jahrzehnt in den Schlagzeilen
des Boulevards. »I don’t want it, I don’t need it, and I won’t let you
repeat it«, wird Engels auf der ESC-Bühne in Wien ins Mikrofon singen, und damit womöglich auch ihre zerfahrene Ex-Beziehung
resümieren.

Zum ESC wird Engels erneut von einer Castingshow geschickt, und zwar von Das Deutsche Finale
im SWR. Entschieden hatte ein Publikumsvoting. Die 37 Staaten, die beim
ESC voten dürfen, kennen Engels allerdings eher nicht schon von DSDS – da muss der
Song überzeugen.

In den besten Momenten erinnert Fire an
so manches ältere Lied der in London aufgewachsenen Kosovo-Albanerin Dua Lipa. Auch sie erzählt in ihren Songs zu etwas abgeschmackten
Popklängen von weiblicher Selbstbestimmung. In den schwächeren
Momenten des Songs, und die überwiegen, klingt Fire allerdings nach dem
Kaufhaus-Pop lang vergangener Tage. Dann etwa, wenn zwei Tänzerinnen
Engels das weiße Kleid vom Leib reißen, darunter ein glitzerner Body zum Vorschein kommt, und sie den Refrain anstimmt.
»I’m on fire, fire, you’re a liar, liar«, trällert Engels in Schulenglisch. Die Melodien, so kommt es einem vor, hat man schon
tausendmal gehört. Dua Lipa ist jetzt weit weg. Dafür meint man da jetzt
ein wenig Shakira und etwas Christina Aguilera zu erkennen, es klingt
nach Autoradio in den 2000ern. Nach Urlaub, aber eher Stau als Strand.
Und vor allem: Nach einem klassischen Songcontest-Song. Denn Staub ist
beim ESC nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Die meisten Lieder hier erinnern an Musik, die ein paar Jahre zu lang im Schrank war.

Eher ein Flämmchen als ein popkultureller Waldbrand: der Song »Fire«. © Alma Bengtson/​EBU

In der Regel gewinnen Songs, die entweder besonders
abgespeckt oder besonders aufgemotzt daherkommen. Im vergangenen Jahr Letzteres: Der Wiener JJ setzte sich mit einer pompösen Art Techno-Oper
durch. Auch Schweden, ein beim ESC traditionell erfolgreiches Land,
geht den ESC mit dem Motto »Mehr ist Mehr« an: Dort hat das
Auswahlverfahren die Größe eines nationalen Sportereignisses, das
dementsprechend zu Höchstleistungen motiviert. Man erinnere sich an die
zweimalige Gewinnerin Loreen mit den Songs Euphoria (2012) und Tattoo
(2023), die Jahre später noch messerscharf modern klingen. In Italien
setzt man hingegen auf das Gegenteil: Der traditionsträchtige
Musikwettbewerb Sanremo schickt seit 2011 Sängerinnen und Sänger zum
ESC, hier überzeugt meist alte Schule und Italien belegt beim ESC damit
oft die oberen Plätze. 2021 schaffte es etwa die Rockband Måneskin sogar
auf Platz eins.

Engels indes ist rührend durchschnittlich. Sie
sticht nicht hervor. Da ist weder Innovation noch Tradition. Aber
peinlich, wie so manch anderer Kandidat, den Deutschland in den
vergangenen Jahren antreten ließ, ist sie auch nicht. Zum Schluss ihrer
Show, in der sogenannten Dance-Break, wird es sogar endlich ein wenig
kontemporär: Wild aalen sich die Tänzerinnen zu Bass und Flammen am
Boden. Beinahe erinnert das an zeitgenössische Künstlerinnen wie Addison
Rae oder Tate McRae, bei deren Performances Tanz und Akrobatik genauso
wichtig sind wie der Gesang. Beide gelten damit als Popstars, deren
Kunst in die Zukunft weist. Und auch Engels Einlage kann das.

Nach etwas mehr als drei Minuten ist Fire
schließlich vorbei. Was bleibt? Gewinnen wird dieses Lied
wahrscheinlich nicht. Aber der ultimative Tiefpunkt deutscher
ESC-Geschichte ist es auch nicht. Ganz im Gegenteil: Engels passt
zu einem Wettbewerb, zu dessen DNA ein bisschen Kitsch ebenso gehört wie
schlechtes Schulenglisch. Der letzte Platz dürfte Deutschland
damit erspart bleiben.